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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-15 · Heft 25 (15.6.1886) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 25 (15.6.1886)
Date
1886-06-15
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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395 genommen — die Russen. Viele, welche dieser äußersten Reform zugeneigt sind, doch meist ohne sich den bezüglichen Gemeinden anzuschließen. Sie huldigen vielmehr der Religionslosigkeit. — Newark, im Mai. Aus Newark, New Jersey, Ver. Staaten, wird das am 11. ds. erfolgte Hinscheiden des Dr. Isidor Kalisch gemeldet. Der Verstorbene war im Jahre 1816 in Krotoschin, im Herzogthum Posen, geboren und mußte im Jahre 1849, in Folge seiner Artikel über Freiheit und Fortschritt, nach Amerika flüchten, wo er sich in Cleveland niederließ und sich auch an der ersten Conferenz der jüdischen Rabbiner betheiligte, welche die Herstellung eines gleichförmigen Rituals und Gebetbuchs in den Synagogen zum Zweck hatte. Das jetzt in den Ver. Staaten gebrauchte reformirte Ritual „The Minhag America“ war das Resultat seiner Arbeiten. In 1855 gelang ihm die Entzifferung einer unweit Aidon, in Asien, entdeckten phönizischen Inschrift, die ihm von Prof. Gipps aus Newyork zugestellt worden war. Die Entzifferung wurde alsdann an die Syro-egyptische Gesellschaft in London gesandt und von dieser als die einzige genaue Uebersetzung unter einer großen Anzahl von Versuchen anerkannt. In Cleveland veröffentlichte er u. A. auch ein Werk in englischer und deutscher Sprache, betitelt: „Ein Führer zur rationellen Prüfung biblischer Schriften, bestehend aus einer Untersuchung des doktrinären Unterschiedes zwischen dem Judcnthum und dem Christenthum auf der Basis einer kritischen Auslegung des Buchs Matthäus." Bonn, 6. Juni. (Notizen.) In Prag wurde ein jüdischer Soldat auf dem Wachtplatze vom Blitze erschlagen, lieber dessen Beerdigung schreibt das Prager Tageblatt vom 1 Juni: Unter ungemein zahlreicher Betheiligung hat vorgestern Nachmittags das Leichenbegängniß des Infanteristen Joseph Schleifer, welcher bekanntlich während des furchtbaren Gewitters in der Nacht vom Freitag auf Samstag vom Blitze getödtet worden ist, aus dem Garnisonsspitale stattgefunden. Die lebhafte Theilnahme, welche der traurige Fall in militairischen Kreisen erweckte, bezeugte insbesondere die außerordentliche Betheiligung seitens des Officiercorps der Prager Garnison. Den Conduct eröffnete ein Zug des 75. Infanterieregimentes, dessen 10. Compagnie der Verstorbene angehört hatte, hinter dem Sarge schritten zahlreiche Generäle, Stabs« und Oberoffiziere sämmtlicher Truppengattungen, sowie die gesammte dienstfreie Mannschaft des 75. Infanterie-Regimentes. Der Sarg war mit den prachtvollsten Kranzspenden geschmückt. Am Grabe hielt der k. k. Feldrabbiner Herr vr. Alexander Kisch eine tief ergreifende Grabrede, für die ihm der Compagnie-Commandant im Aufträge des Regimentscommandanten mit warmen Worten dankte. — Zu dem traurigen Falle selbst wird uns noch nachträglich mitgetheilt, daß in Folge des Blitzstrahles die scharfen Patronen des auf Wache stehenden Infanteristen explodirt sind, wodurch Schleifer in der Unterleibsgegend so schwere Verletzungen erlitt, daß der Tod sofort eingetreten sein mußte." — Der Oberlieutenant im französischen Stabe B. Mayer Mannheim ist zum Obersten befördert worden, verbleibt aber in seinen Funktionen als Professor der beschreibenden Geometrie und Stereotomie an der polytechnischen Schule. — Bonn, 6. Juni (Literarische Notizen). Eine wissenschaftliche Capacität, die außerhalb der jüdisch-theologischen Kreise steht, schreibt uns: „Ihre Artikel über Renan haben mich um so mehr iuteressirt, als ich dessen Aufsätze in der Revue des deux Mondes fast mit Indignation gelesen habe. Solch ein willkürliches Geplausch mit dem Namen Wissenschaft zu decoriren, übersteigt doch eigentlich die Grenzen des Erlaubten. Sie haben ihm dies in sehr gemäßigter Form vorzüglich nachgewiesen." Wir theilen diese Worte mit, weil sie von einer ganz unparteiischen und unbefangenen Seite ausgehen. Wir hatten eben den Zweck, jenem leidigen Zuge in einem großen Theile des Publikums unserer Zeit entgegenzutreten, welches alles Nachtheilige, was, sei es auch noch so unzutreffend und unbegründet, gegen die Bibel vorgebracht wird, willig aufnimmt und denjenigen bewundert, der mit einigem Scharfsinn die Bücher der h. Schrift zerreißt und zerfetzt, so daß nur unzusammenhängende Fragmente übrig bleiben. Antwortet man ihnen gar nicht, so glaubt die Menge, daß man ihnen nicht antworten könne. Auch hat Renan bei dem gebildeten Publikum noch immer vielen Credit, welchen er sich durch seine Schönrederei zu erhalten versteht, obschon die Veränderlichkeit seiner Ansichten keine Forschung und gewissenhafte Untersuchung, sondern nur noch Einfälle bezeugt, denen er augenblicklich Folge leistet. — Das gebildete Publikum ist in der jüngsten Zeit mit zwei jüdischen Geschichtswerken versehen worden, welche demselben ihren Gegenstand in trefflicher Weise nahe bringen. Wir sprechen heute zunächst von der „Geschichte der Erziehung und des Unterrichts bei den Israeliten von B. Straßburger" (Stuttgart, Levy & Müller 1886). Das Werk schließt mit der 9. Lieferung ab und befaßt 310 S. Es führt uns von den biblischen Anfängen bis zur Gegenwart. Bezeichnend ist es für den jüdischen Stamm, daß derselbe durch alle diese Jahrtausende hindurch stets der Erziehung und dem Unterrichte der Jugend eine große Aufmerksamkeit zugewendet hat. Träger hoher Ideen und bewußt, daß er durch dieselben mit den umgebenden Völkern in einem gewissen Gegensatz stehe, ist ihm niemals die Einsicht abhanden gekommen, daß er nur durch die consequente Verpflanzung derselben in die Jugend diesen Ideen und mit ihnen sich selbst den Bestand zu sichern vermögen. So wird es bereits im Pentateuch 25*

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