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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-15 · Heft 25 (15.6.1886) · p. Seite 391

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 25 (15.6.1886)
Date
1886-06-15
Page
Seite 391 (sequence 7)
Language
German
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391 weise ihr zum Opfer fielen. Und hätte der Dämon seinen Weg bloß nach dem Osten genommen, so hätte man es freilich haben ernstlich beklagen müssen, es würde aber nicht befremdet haben, da dort noch halbcivilisirte Völker wohnen. Daß er aber auch Oesterreich und gar die westlichen Länder Frankreich und England, ja den Welttheil jenseits des Oceans(?) theilweise mit ergriffen hat, das muß schmerzen und tiefe Seufzer unsrer Brust entlocken. Wer würde es z. B. geglaubt haben, daß in einem Lande, wo ein leider zu früh verstorbener Jude das zweithöchste Richteramt, zwei andere das höchste bürgerliche Ehrenamt in der Altstadt London bekleidet, mehrere Sitz und Stimme im Unterhause habe» und einer unlängst sogar zur Pairswürde und dem Oberhause befördert worden — ich rede natürlich von England —, daß in diesem Lande Romane, selbst von Frauenhand geschriebene, den bittersten Judenhaß athmen? Und doch ist dem leider so, trotz dem glänzenden Beispiel der Verherrlichung des Judenthums seitens der nun Heimgegangenen größten neueren Schriftstellerin George Eliot in ihrem Daniel Deronda. Den Dutzendschriftstellern und Schriftstellerinnen ist der Jude eben immer noch und nichts Anders als der gemeine, habgierige, ungebildete Schacherjude; also das, wozu die christliche Verfolgung ihn gemacht. Daß dies eine ganz falsche, jedenfalls höchst einseitige Auffassung des eigentlichen Juden sei, das ahnen sie entweder nicht oder wollen es nicht wissen. Sie schildern den Juden, den ihr Vorurtheil ihnen vormalt oder dem sie auf der Straße begegnen, mit dem Kleidersacke über die Schultern geworfen, „old clo’, old elo’“ (alte Kleider zu verkaufen) in London, oder „was zu handeln?" in Deutschland ausrufend, um sich sein dürftiges Brod zu erwerben, — den einzigen Unterhalt, den der christliche Staat, der sich feiner Religion „der Liebe" rühmt, einst gestattet hat; einen andern kennen sie nicht und wenn sie ihn kennen, wie sie es ja müssen, so zählen sie ihn entweder nicht zu den Juden, oder, falls sie eingefleischte Judenhasser sind, schreiben sie ihm in ihren vom Vorurtheil nicht loskommenden Gedanken bei aller Bildung, die sie ihm nicht absprechen können, trotz irgend welcher hohen Stellung, die er sich errungen haben mag, all die niedrigen Eigenschaften oder Leidenschaften zu, mit denen ihnen der Jude nun einmal ausgestattet ist. Leider verdanken mir, wie ich schon früher oft beklagt habe, gerade dem größten aller Dichter die Vererbung und Fortpflanzung dieser schiefen, einseitigen Auffassung des jüdischen Charakters. So lange Sh ylock aus der Bühne auftreten, so lange er dem christlichen Publicum als der echte Typus eines Juden vorgeführt werden wird, so lange wird jene Auffassung sich bei demselben erhalten. Shakespeare gilt nun einmal — und mitRecht— als größter Charakterschilderer und Menschenkenner; also muß auch sein Jude richtig gezeichnet sein, muß er auch den Juden vollständig gekannt haben. In Wahrheit aber ist Shylock nichts weniger als ein echter Jude; denn diesem gilt die Lehre und das Studium der Lehre (nämlich Mosis und deren Ausleger) mehr denn Gold und Edelgestein; dieser würde nie auf den Gedanken kommen, ein Pfund Fleisch von seinem Schuldner fordern zu wollen, denn das Blutvergießen, was ja dabei nicht zu vermeiden, ist ihm ein Gräuel der schlimmsten Art, weil die Lehre es verboten und das Blut des Menschen, welches sein Leben ist, für heilig erklärt hat; dieser würde gegen seine Tochter nicht verfahren, wie es Shylock thut und sie nicht sowie Jessica geZen ihn; kurz, wir verwerfen Shylock, wir erkennen ihn nimmer als einen der Unsrigen an, und Shakespeare muß sich diesen Abzug von seiner Größe gefallen lassen, wobei wir jedoch den schönen und von richtigerer Anschauung und edlerer Gesinnung, als sie in seinem Zeitalter und leider noch heute gang und gäbe ist, zeugenden Reden Shylock's gegenüber seinen Feinden unsre vollste Anerkennung zollen. In diesen ist sich Shakespeare eben treu geblieben; in der Charakerzeichnung des Helden aber steht er auf dem Standpunkte der Judenfeinde aller Zeiten, r) Hier mögen diese Betrachtungen für heute geschlossen sein. Weitere behalte ich mir für eine spätere Veranlassung vor, falls mir der hochverehrte Herr Redacteur, der, wie kein zweiter Jude seiner Zeit, auf der Warte steht, um die Angriffe unsrer Feinde, von woher sie auch kommen mögen, so viel an ihm ist, abzuwehren, seine Spalten dazu einzuräumen beliebt. Dr. David Asher. l) Wie zur Bestätigung des oben Ausgesührten, bringt gerade die Londoner „Jewish Ghronicle“ vom 4. Juni d. I. ganz ähnliche Betrachtungen über „den Juden im Roman"! Deutschland. Berlin, 30. Mai. Wenn man das Folgende liest, muß man sich erinnern, daß die Antisemiten sich in der Regel der Wahrhaftigkeit nicht befleißigen und sich eine Bedeutung an Zahl und Würden znzuschreiben pflegen, die sie bei weitem nicht haben. Die angegebenen Zahlen sind ja nicht zu controliren. Nach der „Antesemit. Korrespondenz" bekennen sich zum Antisemitismus durch Empfang der „nur an zuverlässige Parteigenossen" versandten „Antisemit. Korresp.", wie diese angiebt: 2 Oberstaatsanwälte, 5 Staatsanwälte, 3 Landgerichtsdirektoren, 2 Land- und 9 Amtsgerichtsräthe, 2 Oberamts- und 26 Amtsrichter, 5 Justizräthe, 40 Rechtsanwälte, 16 Assessoren und 18 Referendare, zusammen 129 vom juristischen Stande, ferner 164 Geistliche, 470 Kaufleute, 376 Handwerksmeister, 136 Gutsbesitzer rc., 236 Empfänger

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