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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-15 · Heft 25 (15.6.1886) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 25 (15.6.1886)
Date
1886-06-15
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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390 Dichter der nachklassischen Periode überhaupt. Das Neue Testament enthält ja viel Schönes, das wird kein Unparteiischer leugnen; mit dem Alten aber kann cs sich weder an Schönheit noch an Erhabenheit messen. Diese zwei letzteren Eigenschaften, die es in so hohem, unerreichtem und unerreichbarem Maße kennzeichnen, sind es eben, welche die Bibel, d. h. eben das Alte Testament, zum Buche der Bücher stempeln. Möchten doch unsre Glaubensgenossen selber diese Wahrheit beherzigen, ihren Stolz darein setzen, die eigentlichen Erben dieses Buches zu sein, und es ihren Kindern als das beste Erbtheil hintcrlasscn, welches sie in sich aufnehmen und in Fleisch und Blut verwandeln müssen. Es wird sie zu allem Großen begeistern, ihnen im Leben einen Halt und Gehalt verleihen und im Leiden Trost und Stütze gewähren, wie nichts Anderes es vermag. Freilich müssen sie es, um es ganz würdigen zu können, in der Ursprache zu lesen im Stande sein. Weit eher noch läßt sich die Sprache des Homers im „geliebten Deutsch" genügend wicdergebcn, als die hebräische der Bibel. Wie ganz anders prägt sich, um nur ein einziges Beispiel aus Hunderten anzuführen, der ebenso schöne, wie erhabene Vers des Jesaias: □ip’ $>23 ysn L>2' der Seele ein, als dessen deutsche Uebersetzung, sei sie auch noch so treu und gelungen. Ich meinestheils bedaure Jeden, der ohne diesen Besitz — Kcnntniß der Bibel in der Ursprache — durchs Leben wandelt; er gleicht Dem, der zu Grabe getragen wird, ohne die Großartigkeit der Natur in der Glctscherwelt oder auf dem Ocean kennen gelernt zu haben. Beide leiden an einer Lücke der Erinnerung, die nichts sonst auszufüllen vermag. Doch ich schweife von meinem Thema zu weit ab, indem ich die Bibel zu preisen versuche. Was ich damit bezwecken wollte, hängt freilich eng mit meinem Gegenstände zusammen. Man sollte meinen, ein Volk, dem die Welt ein solches Buch zu verdanken hat, müßte stets auf deren Hochachtung zählen können. Was aber müssen wir in diesem seiner Erleuchtung sich rühmenden Zeitalter erleben! Ich sage Erleuchtung und nicht Aufklärung, weil an dieses das 18. Jahrhundert kennzeichnende Wort viel erfreulichere Erinnerungen sich knüpfen, als sie sich einst für unsere Nachkommen an das in den Wissenschaften so viel weiter vorgeschrittene 19. knüpfen werden. Die Moral scheint aber auch wirklich mit den Fortschritten der Wissenschaft immer mehr zurückzugehen. Anstatt die Humanität zu befördern, wie das von der sonst so verschrienen „Aufklärung" geschah, scheinen unsre neuen Wissenschaften die Menschen immer mehr mit einander zu verfeinden, also die Humanität zu untergraben und zu vernichten. Ein eklatantes Beispiel hiervon ist die unglückselige Spaltung der asiatischen Menschheit in die arische und semitische Race, wie sie die neuere Sprachwissenschaft gelehrt hat und der wir jedenfalls die euphemistisch sein sollende Benennung für Judenhaß: „Antisemitismus" verdanken. Pfu über diesen Euphemismus! sage ich. Es muß dieser Schimpf, der uns als „Semiten" angethan werden soll, und die Schmach, die sich unsre Feinde, die „Antisemiten", selbst anthun, als jene Treulosigkeit bezeichnet werden, vor welcher der Prophet gewarnt hat, als er jenen ewig denkwürdigen, leider aber von der Menschheit bis heute noch nicht beherzigten Ausspruch that: „Wie, ist nicht Ein Vater uns Allen? Hat nicht Ein Gott uns erschaffen? Warum sind wir treulos, der Mann gegen seinen Bruder?" War nach diesem Ausspruch des Alten Testaments ein Neues wirklich noch nothwendig? Genügte der Hauptgrundsatz der Lehre Mosis: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" und die eben angeführte Mahnung des letzten der Propheten etwa nicht vollständig, um für alle Zeiten ein Band der Einigkeit und Liebe um die ganze Menschheit zu schlingen und die wahre Humanität zu begründen und zu erhalten? Nun kam aber jene Pseudowissenschaft, als welche der von Ihnen in letzter Nummer dieser Zeitung gewiß zur größten Genugthuung aller Ihrer Leser erwähnte Mantegazza sie erwiesen, mit ihrer Trennung der civilisirten Menschheit in Arier und Semiten, und nicht allzu lang nachher das neue deutsche Reich, welches Wohl die verschiedenen deutschen Stämme geeinigt, hingegen den religiösen Zwiespalt wieder ins Leben gerufen hat. Für die katholische Bevölkerung brachte es den nun glücklicherweise beendeten „Culturkampf"; für uns arme, so lang schon verfolgte Juden, die wir kaum erst von dem seit Jahrhunderten auf uns lastenden Druck aufgeathmet hatten und zu guten Deutschen geworden waren, den „Antisemitismus"! Und von Deutschland aus—dem Lande der größten Erleuchtung und Gelehrsamkeit, dem nur Licht und Liebe entfließen sollten — hat dieser mittelalterliche Dämon seinen Weg nach allen übrigen Ländern der Erde genommen und die civilisirte Welt mit seinem Gifte inficirt. O, Germania, Du theure Mutter, verhülle Dein Antlitz und lege tiefe Trauer an ob der Schmach, die Deine irregeleiteten und vom Borurtheil befangenen Söhne, deren Zahl leider! eine sehr große ist, Dir zugefügt haben. Während ein Herzog von Argyle jüngst im englischen Oberhause den englischen Adel, der seinen Stammbaum bloß bis auf Wilhelm den Eroberer zurückführen könne, als dem jüdischen Volke weit nachstehend bezeichnete, gestattete die Behörde in Berlin eine öffentliche antisemitische, also judenfcindliche, auf die Juden hetzende, dem Neide und der Mißgunst sie preisgebende Versammlung, in Berlin, der Hauptstadt des deutschen Reiches, der Stätte, wo einst ein Mendelssohn, der Freund eines Lessing, gelebt und gewirkt, wo der weitherzige Judenfreund Alexander Humboldt gewandelt ist, wo freilich aber auch ein Auerbach, ein Lasker, ein Zunz und ein Straßmann gebrochenen Herzens die Rückkehr in die Barbarei erleben mußten und theil-

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