Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1886)
- Date
- 1886-06-15
- Page
- Seite 389 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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389 lernt. — Brahm versucht die Aehnlichkeiten aufzufinden, die zwischen Mendelssohn und Börne vorhanden gewesen. Dieser Versuch ist mißglückt. Vielmehr sind die Unterschiede so groß, daß ein Vergleich zwischen beiden ganz unmöglich ist. Mendelssohn war mit seinem ganzen Geiste aus dem Boden des Judenthums gewachsen und verblieb auf demselben praktisch und theoretisch bis zu seinem Tode; er hatte sich genährt und erzogen an dem jüdischen Schriftthum und seine wirksamste Arbeit bestand in der Uebersetzung des Pentateuchs. Nichts hiervon bei Börne. Er mag immerhin einige Stücke Pentateuch übersetzen gelernt haben; schwerlich aber hat er viel vom Judenthume gewußt und in sich ausgenommen, da er schon als Knabe in ein christliches Haus in Gießen kam und in seinen Berliner und Halle'schen Kreisen nichts davon gewahrte; auch als Frankfurter Polizeiaktuarius hat er sich sicherlich nicht damit beschäftigt. Mendelssohn war Philosoph und sein ganzes Streben auf Erkenntniß gerichtet. Börne war Politiker und sein Ziel war politische Freiheit. Mendelssohn war der letzte Meister der Populärphilosophie: Börne der Vater des Feuilletons, eines publicistischen Zweiges, der in unserer Zeit zu nicht zu unterschätzender Wichtigkeit gelangt ist. Mendelssohn war milde, vorsichtig, des lautersten Gemüthes. Börne war hart, schonungslos, unbeugsam, wie jeder politische Parteigänger es ist oder wird. Denn Mendelssohn sah sich getragen von der Anerkennung und der freundlichsten Huldigung seiner Zeitgenossen — Börne sah sich bedrückt, verfolgt, aus seinem Vaterlande vertrieben und bei vielem Lobe mit Schmähung und Haß überschüttet. Wenn Brahm den Witz als Jncidenzpunkt hervorhebt, so verwandte diesen Mendelssohn bisweilen bei realen Vorkommnissen schlagend, aber immer milde; sonst übt er ihn nur in der philosophischen Bedeutung, die Aehnlichkeiten zwischen sonst verschiedenen Gegenständen aufzufinden, wie den Scharfsinn, um die Verschiedenheiten zwischen sonst ähnlichen Gegenständen nachzuweisen — Börne hingegen lebte und webte im Witz, mit welchem er seine Gegner und Alles, was ihm widerstrebte, bis auf das Mark treffen wollte und traf; dieser Witz war sein Element und ist das, was noch heute, wo so Vieles erreicht worden, um was er kämpfte, den Reiz seiner Schriften ausmacht. Mendelssohn brachte größere und in sich geschlossene Geisteswerke zu Stande, und seine „Briefe über die Empfindungen" und sein Phädon stehen noch heute als Wegweiser und Wahrzeichen aufrecht und gehören zu den besten Erziehmitteln in der deutschen Literatur. Börne's Hauptarbeiten sind nur an Umfang kleine Sittenschilderungen und culturhistorisch und politisch noch immer bemerkliche Briefe und Kritiken. Für uns, >vie gesagt, bezeugt Börne einen Abweg, auf welchem freilich noch heute manche jüdische Individuen sich verlieren, ebenso wie die Gesellschaft der Berliner Jüdinnen noch heute ihre Nachfolgerin innerhalb jüdischer Kreise findet, ohne freilich an Geist jenen gleichzukommen. Wir aber danken Gott, daß das Iudenthuni an sich von beiden sich frei gemacht und seinen selbstständigen Gang beschritten hat und verfolgt. Leipzig, im Mai 1886. Einige Betrachtungen über den sog. Antisemitismus, vulgo Judenhaß, in einem Driefe an den Herrn Redakteur dieser Zeitung. Die Nachricht, daß der eben verstorbene Altmeister der Historiographie, Leopold v. Ranke, vor seinem Tode sich hat den 126. Psalm vorlesen lassen, den auch sein Sohn zum Text seiner Trauerrede wählte, und die in Ihrer neuesten Nummer enthaltene, daß die Polizeibehörde in der Hauptstadt ihre Erlaubniß zur Abhaltnng der Liebermann'schen Versammlung ertheilt hat, dürfen Sie als die nächste Veranlassung zu diesen Betrachtungen ansehen; im Grunde aber liegt diese in den leider! tagtäglich sich erneuernden und mehrenden Thatsachen, von denen man in den Zeitungen lesen muß oder die Einem, sei es als von anderen Glaubensgenossen oder als an sich selbst erfahren, zur Kenntniß kommen. Es gehört zu den übrigen Gepflogenheiten der Antisemiten, unter dem Worte „Bibel" besonders und vorzugsweise das „Neue Testament" zu verstehen und das „Alte Testament" immer mehr in den Hintergrund zu drängen, in beit Schatten zu stellen, ja wohl auch, wie Sie erst kürzlich erinnert haben, zu verunglimpfen. Auch bei der Grundsteinlegung der neuen Buchhändlerbörse in Leipzig betonte der Herr Superintendent Pank in seiner Ansprache besonders das Neue Testament als mit dem „Im Anfänge war das Wort" beginnend, wo das „Wort" die Stelle des „Buches" vertreten sollte, während ja die „Bibel", also das Alte und Neue Testament, als das „Buch" bedeutend, viel besser gepaßt hätte und viel näher lag. Allein so geschieht es eben stets, wenn die Leidenschafteir ins Spiel kommen: sie verdrehen und entstellen Alles und schießen über das Ziel hinaus oder an demselben vorüber, was unsre Alles so richtig treffenden Weisen in ihrem mwn nbphpa nN.'Kn, .-iwn nbphpo rariN so schön auszudrücken verstanden haben. Wie sehr erhebt es da das jüdische Herz, wenn man erfährt, daß ein Ranke, trotz seiner christlichen Gesinnnng. sein Herz an einem Psalm zu erquicken gesucht hat. Ebenso konnte man sich freuen, als man unlängst Valbert's Artikel über Heine las, in dem, trotz mancher absprechender Bemerkungen, immerhin eine richtige Werthschätzung des Alten Testaments lag. Es haben aber namentlich die prophetischen Bücher nicht nur diesen anerkannt größten deutschen Dichter nach Goethe begeistert, sondern alle großen