Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1886)
- Date
- 1886-06-15
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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388 Wendung, eine Antithese: es ist der natürliche Ausdruck seines Wesens, immer, in der mündlichen und in der schriftlichen Rede, findet er sich zu den contrastirenden Vorstellungen des Witzes fortgeführt. Der Witz, sagt Jean Paul einmal, ist wie ein Pfarrer: er copulirt zwei entfernte Vorstellungen, am liebsten solche, gegen deren Vereinigung alle Verwandte sind, und Börne, als ein Schüler Jean Pauls, hat stets nach dem nämlichen Worte gehandelt. Schon in dem Kinde erkennt man diese Eigenart, er wurde geradezu mit dem Spitznamen „Witzbold" von der Familie angerufen, und der Mann, noch im Angesichte des Todes, bewahrte die Schlagfertigkeit seiner Laune: „Was haben Sie für einen Geschniack?" fragte der Arzt den Sterbenden, und er erhielt die Antwort: „Gar keinen, wie die deutsche Literatur." Auch Moses Mendelssohn besaß diese unmittelbare Schlagkraft des Witzes, die man wohl als eine Besonderheit der jüdischen Raec ansehen darf; und Börne, wenn er sie auch von früh an übte, stärkte sie in der durch Mendelssohn beeinflußten Berliner Gesellschaft. „Börne's Witz," bezeugt H. Steinthal, „ist von der Art, wie er im ersten Viertel unseres Jahrhunderts in den Berliner jüdischen Kreisen herrschend war".— Diese Bemerkungen Brahm's sind, einzeln genommen, wohl richtig, treffen aber nicht zu und verhüllen mehr den Gang der Entwickelung und die wirklichen Verhältnisse, als sie sie aufklären. Im Interesse des Judenthums aber liegt es, den Gang der Dinge der Wahrheit gemäß ans Licht zu stellen. Eine Entwickelung fand statt und sie ging von Mendelssohn aus. Aber diese Entwickelung war keine organische,keine naturgemäße: sie geschah sprungweise, wie es bei einem wenig vorbereiteten Uebergang aus einem abgeschlossenen veralteten in einen allgemeinen und dabei selbst in Gährung begriffenen Culturzustand zu geschehen pflegt. Auf die Mendelssohn'sche Zeit folgte die seiner Kinder und Jünger, die, welche vorzugsweise durch die Gesellschaft der Jüdinnen in Berlin bezeichnet wird. Diese hatte aber mit Mendelssohn nichts mehr gemein; sie war an Geist, Tendenz und Inhalt völlig verschieden, ja entgegengesetzt. Die einzigen Anknüpfungspunkte waren die Aesthetik, die im Denken und Streben Mendelssohns einen so großen Raum eingenommen hatte, und der gesellige Witz. Denn diese Gesellschaft war ästhetisirend, selbstbespiegelnd und religiös frivol. In diese Kreise trat Börne, ließ sie aber hinter sich, und wiederum unter dem Einflüsse der Zeit betrat er den Weg der Politik und zwar der streitbaren, deren Hauptwaffe der Witz war. Börne verließ ohne irgend ein treibendes Motiv die Religion seiner Väter. Dies war also eine Entwickelung innerhalb jüdischer Kreise, die aber gänzlich vom Judenthume abtrieb, von diesem sich ablöste und nichts mehr mit ihm gemein hatte. Das Judenthnm selbst mußte, abseitcns von jener, seine Entwickelung von Mendelssohn ab, auf eigenen Füßen nehmen und fand dieselbe mit den zwanziger Jahren, im Gegensatz zu Mendelssohn selbst, aus seinem Antheil am Culturleben heraus, in der wissenschaftlichen Bearbeitung und in den Reformbestrebungen. Hier kam es wieder zum eigenen Bewußtsein, zur Selbständigkeit und zur inneren Integrität. Zur Erklärung dieses eigenthümlichen Verlaufes müssen wir erwägen, daß solche rasche und sprungweise Entwickelung in der Natur der Dinge liegt; sie zeigt sich überall, wo ein plötzlicher Uebergang aus einem zurückgebliebene» und beschränkten Zustande in die Freiheit und höhere Cultur vor sich geht. Noch sind z. B. nicht viel über 20 Jahre nach der Befreiung der Neger in den Bereinigten Staaten verflössen und man zählt aus dieser Race angesehene Parlamentsglieder, Richter, Advokaten, Aerzte von Bedeutung und Wirksamkeit. Nichts ist dann der menschlichen Natur gemäßer, als eine Verachtung seines früheren Wesens, eine fast gewaltsame Loslösung von dem, was man früher gehabt und festgehalten, ein Haschen nach anderen Objekten. Glücklicher Weise aber waren es eben nur kleinere Kreise unter den Juden, welche dieser Umwandelungssucht sich Hingaben; das Judenthum enthielt einen so großen Fond von religiösen und sittlichen Werthen, von fesselnder Eigenart, daß der Geist, der in seinen Bekennern lebte, jene Abirrung bald überwand und, fußend auf seinen inneren Gehalt, den inneren Eulturfortschritt mit dem äußeren zu verbinden strebte. Was mau in der allgemeinen Cultur fand, wollte man für das Judenthum verwenden und dieses mit jener in organischer Vereinigung bringen. — Wir bemerkten oben, daß der Gaug, welchen die Jünger und Kinder Mendelssohns und nach ihnen Börne einschlugen, wesentlich von den Zeitumstände» beeinflußt und hervorgebracht worden. Wer erwägt, wie einerseits der Periode Friedrichs des Großen die französische Revolution auf dem Fuße folgte, deren Ideen ja in viele« Geistern außerhalb Frankreichs zündeten, Ideen, die, indem sie positiv für Recht und Wahrheit einzutreten schienen, doch verneinend zu den Gedanken und Einrichtungen der Vergangenheit, in socialer wie in religiöser Beziehung sich verhielten; wie andererseits auf das Regiment Friedrichs das pietistische, unsittliche, reactionäre und doch die Friedericianische Verwaltung umstürzende Regiment unter Jenes Nachfolger eintrat — den wird es nicht verwundern, daß die Nachfolger Mendelssohns einen von diesem so verschiedenen, ja ihm entgegengesetzten Weg einschlugen und sich rasch ganz anders umwandelteu, als er gedacht und gewollt. Nicht minder waren es die großen politischen Ereignisse von 1806 und 1813 und die auf die Befreiungskriege eingetretene Reaktion, welche Börne zur Politik trieben und unter dem Druck der Verhältnisse zu einem politischen Polemiker ersten Ranges machten. Hiermit war aber das letzte Band durchschnitten, welches ihn an denjenigen anschloß, an dessen Bibelübersetzung er Deutsch ge-