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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-15 · Heft 25 (15.6.1886) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 25 (15.6.1886)
Date
1886-06-15
Page
Seite 387 (sequence 3)
Language
German
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387 Moses Mendelssohn und Ludwig Hörne. Wenn die Sonne ein breites Silberband über den Strom legt, so rauschen zwar die Wellen auch unter diesem Lichtglanz hinweg in das gewöhnliche Dunkel — aber die aufgefangenen Funken glitzern noch eine Zeitlang aus ihnen auf. So lassen uns auch große) bedeutende Gestalten der Vergangenheit, wenn sie durch irgend ein Ereigniß wieder einmal in die Helle Beleuchtung des Tages getreten, nicht alsbald wieder von sich, sondern die Strahlen, die auf sie gefallen, zeigten uns so viele eigenthümliche Seiten und Stellen an ihnen, daß wir sie näher zu betrachten uns genöthigt fühlen. Wir wollen ein sicheres und gefestigtes Bild von ihnen, ihrer Zeit und ihrem Wirken mit uns nehmen in die Folgezeit. Deshalb werden unsere Leser es erklärlich finden, wenn wir noch einmal auf die beiden Männer zurückblickcn, welche das laufende Jahr einander nahe gerückt hat. Dasselbe Jahr 1786 sah Mendelssohn sterben und Börne geboren werden. Am 4. Januar 1786 verschied der erstere, am 6. Mai erblickte der zweite das Licht der Welt. Diesen Umstand benutzt Otto Br ahm in einem lesenswerthcn Aufsatze „Ludwig Börne zu seinem hundertjährigen Geburtstage" in Nummer 15 der „deutschen Rundschau" zu einem Vergleiche beider Männer. Nachdem er obiges Zusammentreffen hervorgehobcn, fährt er fort: „Auf den jüdischen Philosophen folgte der jüdische Publicist, die Weltweisheit wird von der Politik abgelöst. Gegensätzlich genug sind die beiden Männer, der Aufklärer aus Dessau und der Frankfurter Feuilletonist; aber das Wirken des Einen ist Voraussetzung für den Anderen, und auch an verwandten Zügen zwischen den Stamiiiesgcnossen fehlt cs nicht. Mit Moses Mendelssohn war das Judenthum in die deutsche Literatur eingctreten, den Besten zur Seite, hatte es für die Interessen des nationalen Lebens gekämpft, und indem es an der deutschen Bildung thätigen Antheil nahm, hatte es sich aus der mittelalterlichen Versumpfung am sichersten losgerungen. Die Milde und weise dürstigsier Weise, weil sie mit dem, was sic dem Weltmarkt zu liefern vermögen, nur wenig das bezahlen können, tvas sie von jenem beziehen müssen. Wollte man nun dieser Bevölkerung Einfuhr und Consum mit Zöllen und Steuern belegen, so würden sie in großes Elend gerathen. Nun giebt es bei allen civilisirten Völkern eine große Anzahl Menschen, deren Product — die Arbeit — nur geringe Mittel abwirft, um die nothwendigcn Lebensbcdürsnisse zu bezahle». Werden diese letzteren, die Lebensbedürsnisse, nun mit hohen Zölle» und Steuern belegt, so muß die Wirkung dieselbe sein: es werden jenen große Entbehrungen auferlegt. Freilich hat man, um diese zu vermeiden, in Vorschlag gebracht, schwere Zolle und Steuern nur nuf Luxusartikel zu legen. Dies würde aber dem finanziellen Bedarf durchaus nicht genügen. Denn der Luxus hat, gegenüber dem Massenbedarf der unentbehrlichen Lebensmittel, nur eine geringe Ausdehnung und kann jeden Augenblick von den Consumenteu eingeschränkt werden. Der Ausweg kann daher nur in möglichster Verminderung der Ausgaben bestehen, und diese kann' wiederum nur durch die Herabminderung des Militairetats geschehen, welche jedoch allein durch eine internationale Verständigung erzielt werden könnte, und für diese ist bis jetzt geringe Aussicht." i Vorsicht in Mendelsohns Natur hatte schon die nächste Generation völlig für seine Ziele gewonnen; die Jugend fiel ihm zu und überall in Deutschland folgten ihm gelehrige Schüler nach. Ludwig Börne hat die Bedeutung dieses Mendelsohn'schen Geistes zwiefach verspürt. Zuerst lenkte ihn der Lehrer seiner Kindheit, Jakob Sachs, den Blick aus der Beschränktheit der Frankfurter Fndengasse in die Weite deutscher Cultur, Jakob Sachs, der (wie uns Gutzkow bezeugt), „von den aus Berlin stammenden Reformationsideen eines Mendelssohn und Friedländer fortgerissen" war und der den Schüler Deutsch lehrte, an der Hand der Mendelssohn'schen Bibelübersetzung; sodann trat Börne als ein sechzehnjähriger Jüngling in das Berliner Geistesleben selbst ein, in die Sphäre der Henriette Herz und Dorothea Mendelssohn." „Es war nicht mehr das Berlin Mendelssohn's, welches er kennen lernte; aber dessen Geist, verjüngt und gewandelt, lebte doch in diesen geistreichen Jüdinnen des neunzehnten Jahrhunderts, bei seiner Tochter und ihren Freundinnen noch fort. Die Schnelligkeit in der geistigen Entwickelung dieser Zeit läßt sich auch innerhalb des Judenthums wahrnehmen: auf Mendelssohn, den Anhänger Leibnizens und Wolf's, war zuerst Marcus Herz, als der Repräsentant einer neuen Zeit, gefolgt; ihm war Kant's Größe aufgcgangen, welche Mendelssohn noch ein Buch mit sieben Siegeln geblieben war. Aber eine zweite Generation erscheint in der Tochter Mendelssohns, in der Frau von Marcus Herz; nicht für Lessing und die Aufklärung streiten diese, sondern für Goethe und Weither schwärmen sie. Und wieder ein neues Geschlecht tritt mit Börne auf; ein Geschlecht, das an die Güter der französischen Revolution glaubt, an Freiheit und Gleichheit, und das Goethe, den Aristokraten, geringachtet. Doch auch die Enkel stehen noch ans den Schultern der Vorfahren, und dankbar anerkennen sie, selbst wo sie eigene Wege gehen, das Große, das Jene geleistet. „Mendelssohn," sagt Börne einmal, als er von den Vätern der deutschen Literatur redet, „Mendelssohn hat von den Rosen der Philosophie die Dornen weggcbrochen," und er fügt hinzu, daß die Ansichten der älteren Schriftsteller ihm oft lehrreicher sind, als die der mit ihm lebenden." „Durch jenes Wort Börne's ist zweierlei bereits gegeben, was für ihn charakteristisch erscheint. Er anerkennt die Fähigkeit der schriftstellerischen Darstellung in Mendelssohn, die ebenmäßige Kunst seines Stiles, ivcil er selbst von dieser gelernt hat, weil er von der Erörterung trockener politischer Fragen „die Dornen wegbricht", wie jener von der Erörterung philosophischer Fragen. Wie jener hat er die deutsche Sprache allmälig und halb noch wie eine fremde erlernt, aber nur, um nach gewonnener Kenntnißsie herzlicher zu lieben, sie freier zu beherrschen. Und weiter kleidet er seine Anschauung in eine witzige 25*

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