Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1886)
- Date
- 1886-06-08
- Page
- Seite 382 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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382 betraf, lag wohl in einer Eigenthümlichkeit dieses Baumes. An ihm sind die männlichen und weiblichen Blüthen auf getrennten Stämmen und will man einen sicheren Ertrag haben, so macht dies eine künstliche Befruchtung nöthig, und zu dieser kommt es auf eine genaue Beobachtung der rechten Zeit, etwa im März, an, tvo die männlichen Blüthen abgepflückt, der Länge nach durchschnitten und auf die weiblichen Keime gesteckt werden niüssen. >) Diese genaue Kenntniß der Sache, und der Antrieb zu einer so aufmerksamen Cultur, fehlten wohl den späteren, in immer tieferes Elend versinkenden Bewohnern des h. Landes. Was die Israeliten in alter Zeit geleistet, und zu so reichem Ertrage und zur Schönheit des Landes in ihrer Arbeitsamkeit gebracht hatten, das ging dem Lande mit ihnen verloren! (Schluß folgt). Ein Schriftstück aus -em Jahre 1611. Giebt es etwas Neues unter der Sonne? Bekanntlich richten die Antisemiten unserer Zeit ihre Angriffe nicht blos gegen die wirklichen, sondern auch gegen die getauften Juden. Sie gehen hierbei völlig folgerichtig zu Werke. Sie bekämpfen und schmähen zwar das Judenthum auch als Religion, aber ihrem eigenen Vorgeben nach Haffen sie es vorzüglich mit den Juden als Rare zu thun. Sie wollen in den Juden Eigenthümlichkeiten entdecken, die der Race anhängen und um derentwillen sie uns als Fremde in der Nation betrachten wollen. Nun vermag die Taufe doch nicht diese Eigenschaften der Race zu beseitigen, und so bleiben ihnen die getauften Juden ebenso Gegenstand ihres Hasses und ihrer Verfolgung wie die, welche ihrer Religion treu bleiben. Da nun die Zeit noch nicht lange vorüber ist, wo ein Jude für die Taufe eine Belohnung erhielt, so bildet man sich ein, diese Mißhandlung getaufter Juden sei etwas Neues, das unsere Zeit producirt habe. Ein Beweis gegen diese Annahme liegt uns in Folgendem vor. — In dem soeben erschienenen Annnniro de« Archive israelitcs, welches G. PragUe im Bureau der Arod. isr. zu Paris seit 3 Jahren herausgiebt, theilt D. Haguenau ein Schriftstück mit, betitelt: „Beschwerde bei dem Könige über die Unordnungen geführt, die im Parlamentshos der Provence durch große Verwandtschaften und Verbindungen der getauften Juden vorhanden sind, aus dem Jahre 1611." Dieses Manuskript befindet sich in der Bibliothek de l’Arsenal und ebenso in der Bibliothek von Carpentras. Es ist sehr zweifelhaft, ob dieses Schriftstück wirklich an den König von Frankreich gerichtet worden und wirkliche Thatsachen zu Grunde hat. Wahrscheinlich ist es nur ein Pamphlet, welches diese Form gewählt hat, um desto größeren Effekt zu machen. Spricht sich darin doch ein solcher Haß aus, der in raffinirter Weise mit großer Kunst die Verleumdungen auf einander häuft und desto wirksamer zu sein glaubt, je unumwundener er sich ausspricht. Neid und Eifersucht, welche in dem modernen Antisemitismus eine so große Rolle spielen, sind auch hier die sichtbaren Triebfedern. Als die Juden aus der Provence verjagt wurden, lreßen sich nicht wenige taufen, mit der Absicht, insgeheim ihrer Religion treu zu bleiben. Unter ihnen waren drei Brüder bemerkbar, denen ihre Pathen die Namen Aymar, Etienne und Andrau beilegten; des Letzteren Nachkommen nannten sich Thomassin. Diese Neuchristen erlangten in wenigen Jahren beträchtliche Reichthümer und großen Einfluß. Dennoch genossen sie keine Achtung und wurden von Zeit zu Zeit mit besonderen Auflagen betroffen. Sie trachteten deshalb, — wie jenes Manuskript vorgiebt — öffentliche Aemter zu erlangen. Aber die geistliche Carriere war ihnen nach kanonischen Bestimmungen erst in der 7. Generation offen und die Städte wollten ihnen keine Aemter anvertrauen. Als einzige Zuflucht blieb ihnen das Parlament (oberster Gerichtshof), dessen Stellen käuflich waren. Seit der Regierung Karl IX. waren sie in dasselbe eingetreten. Die Söhne der Getauften erkauften sich Stellen darin und bald bildeten sie die Hälfte des Parlaments. Dabei verheiratheten sich die Abkömmlinge jener drei Brüder unter einander, so daß sie eine Familie bildeten. Unter den Unruhen von 1558 machte Guilleaume Aymar, Doyen des Parlaments, seinen Sohn zum Generalprokurator. Etienne erkaufte für seinen Sohn die Stelle eines Arstker civil, und dieser stellte Verwandte als seine Unterbeamten an. Aus der Familie des Thomassin ging der zweite Generaladvokat hervor. Später wurde einer der Aymar erster Präsident. Kurz, das ganze Parlament soll — immer nach den Behauptungen jenes Manuskripts — unter der Herrschaft dieser getauften Juden gestanden haben, welche mit ihren Verwandtschaften unter 30 Mitgliedern die Mehrheit einnahmen. Es werden nun noch andere illoyale Handlungen aufgeführt, durch welche jene Neophyten ihre Herrschaft sichern wollten. Alles dies wird mit alten und neuen Beschuldigungen gegen die Juden vorgetragen. Die Mittel, die er hiergegen vorschlägt, sind auch danach. Der König soll dem glorreichen Beispiel seines Vorfahren Philipp des Schönen folgen und die Juden verjagen, wenn nicht aus Frankreich, doch aus allen amtlichen Stellen. Die Jesuiten und die hauptsächlichsten Orden nehmen keinen getauften Juden auf, die nicht das siebente Geschlecht nach der Taufe ihres Vorfahren überschritten hätten. Das Parlament von Toulouse habe niemals Neophyten in die Verwaltung der Gerichtsbarkeit zugelassen. Warum solle das Parlament der Provence sie in seinem Schoße dulden? Sie hingen ihrer alten Religion s» sehr an, i) Dies Verfahren ist'wohl Pesach. M. 4, 8 angedeutet.