Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1886)
- Date
- 1886-06-08
- Page
- Seite 377 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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377 frage gedacht. Die Bemerkungen, die Laveleye zu dieser I Frage macht, enthalten keinerlei neue Gesichtspunkte, welche : eine Reproduktion seiner Aeußerungen in diesem Blatte rechtfertigte. Auch der Passus, den wir im Nachstehenden aus dem Laveleye'schen Werke anführen, zeigt die Angelegenheit nicht gerade in neuer Beleuchtung, indeß gewinnt derselbe dadurch eine größere Bedeutung, daß Laveleye hier den König selber citirt. Es ist anzunehmen, daß Laveleye die Aeußerungen des Königs, die er in Gänsefüßchen einschaltet, möglichst wortgetreu ausgezeichnet hat und so wird es interessiren, dieselben hier im französischen Wortlaute wiedergegeben zu sehen. Der König sprach sich folgendermaßen aus: „L’Oecident et vous autres, messieurs les publicistes, vous fites en ce point trfis injustes a notre egard. Ai-je besoin de dire que je n'ai aucun prejuge contre les juifs? Je reviens des ffites de Jassy, oü je me suis trouve ou milieu d’une population aux trois quarts juive; nulle part je n'ai re^u plus chaleureux accueil. Je suis le premier ä reconnaitre leurs aptitudes commerciales. J’en ai eu une preuve recente. Dans nos dernifires grandes manoeuvres, on a voulu confier le Service de l’intendance ä des fournisseurs Chretiens. Le premier jour, les vivres arrivaient. »Vous voyez, me disait-on, il n’est pas neeessaire de recourir aux isra. filites.“ Le second jour, tout etait en retard; le troisifime larmee faillit mourir de faim. Je fus force d’appeler en toute hüte les juifs. Sans les fournisseurs juifs, l’armee russe, dans sa dernifire Campagne, aurait beaucoup plus souffert. Ils avaient toujours tout ce qu’on desirait, depuis la bouteille de Champagne pour l’officier jusqu’au tabac ü bon marchfi pour la pipe des soldats. Les israelites out de grandes qualites: ils sont intelligents, economes, trfis-actifs; mais ce sont ces qualites mfimes qui les rendent redoutables pour nous sur le terrain economique. A tort ou ü raison, ce que l’ont craint ici, c’est qu’ils ne parviennent peu ä peu monopoliser en leurs mains la pro* prifite du sol tout entier.“ Hier die Uedersetzung: Der Westen überhaupt und Sie Herren Schriftsteller, im besonderen, urtheilen in diesem Punkte sehr ungerecht über uns. Habe ich es erst nöthig zu sagen, daß ich kein Borurtheil gegen die Juden besitze? Ich komme eben von Festlichkeiten in Jassy, wo ich mich inmitten einer zu drei Vierteln jüdischer Bevölkerung befand; ich habe nirgends einen wärmeren Empfang gehabt. Ich bin der Erste, die Fähigkeiten der Juden für den Handel anzuerkennen. Ich habe dafür einen Beweis aus der neuesten Zeit. Bei unseren jüngsten großen Manövern hatte man den Wunsch, den Jntendanturdienst christlichen Lieferanten zu übertragen. Am ersten Tage trafen die Lebensmittel auch richtig ein. „Majestät sehen, wurde mir bemerkt, es ist nicht nöthig, sich hierzu der Israeliten zu bedienen." Am zweiten Tage verspätete sich bereits alles; am dritten starb die Armee beinahe an Hunger. In aller Eile mußte ich jüdische Lieferanten heranziehen. Ohne sie würde auch die russische Armee in dem türkischen Kriege um vieles mehr gelitten haben. Die jüdischen Lieferanten sorgten dafür, daß Alles, was gewünscht wurde, stets zur Verfügung war: Flaschen Champagner für den Officier bis zum billigen Tabak für den gemeinen Soldaten. Die Israeliten besitzen große Eigenschaften: sie sind intelligent, sparsam und sehr thätig; aber gerade diese Eigenschaften machen sie für uns auf dem wirthschaftlichen Gebiete gefährlich. Ob mit Recht oder Unrecht, besorgt man, daß sie allmählich dazu gelangen, den ganzen Grundbesitz in ihren Händen zu monopolisiren." So König Karl von Rumänien. Solche Aeußerungen aus seinem Munde verlangen eine eingehendere Behandlung, als ich es hier als meine Aufgabe betrachten kann. Aber wenigstens einige Bemerkungen drängt es mich, seinen Worten hinzuzufügen. Der König erklärt, von jedem Borurtheil gegen die Juden frei zu sein. Das ist erfreulich und es verdient Anerkennung, daß der König eine solche bündige Erklärung abgegeben. Aber wenn der König von Vorurtheilen gegen die Juden frei ist — wie war es möglich, daß die Juden unter seiner Regierung nicht blos in ihren Rechten beschränkt wurden, sondern immer von Neuem von den gewaltthätigsten Ausschreitungen heimgesucht waren? Freilich der König selber gesteht zu, daß er trotz seiner Vorurtheilslosigkeit den Vorurtheilen Anderer damit Rechnung trug, daß er den Juden die Lieferungen für die Armee abnahm. Der Versuch mißglückte nur. Aber hier stoßen wir auf neue Widersprüche. Die Juden haben sich nach den Worten des Königs in dieser Hinsicht als unentbehrlich für das Land erwiesen; wie verträgt sich damit, daß eine Bevölkerung, die solche Dienste leistet, auf jede Weise vergewaltigt wird? Der König schreibt den Juden drei Eigenschaften in hervorragendem Maße zu: Intelligenz, Sparsamkeit und Fleiß. Sind wirklich dies Eigenschaften, die besser unterdrückt werden? Dem König erscheinen aber die Juden eben wegen dieser Vorzüge gefährlich. Das kann doch nur mit Rücksicht darauf gemeint sein, daß jene Vorzüge dem rumänischen Volke im Allgemeinen abgehen oder daß es sie doch nur in geringerem Maße besitze. Kann es dem Volke dann wohlthun, wenn ihm die Anregung zum Wetteifer entzogen wird? Was der König als Beleg für die zugleich unentbehrliche und hinwiederum gefährliche Tüchtigkeit der Juden anführt, sind Beweise für ihre Fähigkeit im Handel. Müßte sich das, wenn darin eine Gefahr liegt, nicht dadurch am ehesten beseitigen lassen, daß den Juden neue Gewerbe und Thätigkeiten erschlossen, statt : daß sie ihnen in Rumänien immer mehr versperrt werden? : Und weiter, wenn der König den Juden vornehmlich Fähig- > leiten für den Handel zuerkennt, woher dann die Besorgniß, > daß der Grundbesitz ihren Händen allein anheimfallen könnte? 24