Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1886)
- Date
- 1886-06-08
- Page
- Seite 376 (sequence 8)
- Language
- German
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376 Landkreise wurde der Antisemit Fürnkranz, der in Wien wiederholt durchgefallen, zum Reichstagsabgeordneten gewählt. Brünn, im Mai (Privatmitth.). Am 9. d. M. hat im Sitzungssaal des mährisch-Mischen Landesmassafonds die constituirende Versammlung des israel. Proseminar-Vereins stattgefunden, der Vorsitzende, Landesrabbiner vr. Placzek, verlas den Bericht über die bisherige Thätigkeit des provisorischen Ausschusses, der angab, daß bisher die zum großen Theil fundirten Jahresbeiträge die Höhe von 2400 fl. er. reichten, daß der Unterricht in hebräischer und aramäischer Sprache, sowie in Bibel und talmudischer Literatur vielver. sprechende Resultate zu Tage gefördert habe und daß nunmehr, nachdem das Ministerium die Anstalt im Principe genehmigt hat, ihrer öffentlichen Anerkennung nichts mehr im Wege stehe. Die Versammlung votirte hierauf den bisherigen Lehrern, Herrn vr. Deutsch und vr. Oppenheim, einstinimig ihren Dank und nahm die Wahlen von vier Ausschußmitgliedern vor, unter denen sich der k. k. Finanzrath vr. Koretz und der Oberingenieur der Nordbahn, Epler, befinden. Es hat sich bei dieser Gelegenheit gezeigt, daß die Errichtung dieser Anstalt eine höchst zeitgemäße, vom allgemeinen Interesse getragene Idee war. Am 19. d. M. starb hier der Rabbinatsassessor Veith Kirschauer, der seit 36 Jahren, noch ehe die Gemeinde constituirt war, hier die rabbinischen Functionen ausübte, im Alter von 83 Jahren. Er war, aus der Schule R. Mordechai Benet's hcrvorgegangen, ein Mann von tadelloser Frömmigkeit, fleißig im Studium des Gesetzes und erfreute sich bis zu den letzten drei Monaten seines Lebens vollkommener geistiger und körperlicher Frische. Dabei war er auch bis in seine letzten Tage eine schöne Erscheinung, der die altrabbinische Tracht ein besonders würdiges Aussehen verlieh. 62 Jahre lang hatte er das Amt eines ^iD geübt und über 1400 Kinder in den Bund Abrahams eingeführt. AuS Steyermark, im Mai. Es ist eine beinerkenswerthe und schwer zu erklärende Erscheinung, daß gerade in Steyermark, wo die Zahl der Juden eine äußerst geringe ist, der Antisemitismus im größten Flor steht. Einen Einblick hierin gewährt uns folgender Bericht, den wir der „Franks. Ztg." entnehmen. „Seitdem der gefeierte fleyerische Dialektvichter Rosegger einmal in nicht mißzuverstehender Weite seinem Abscheu gegen das wüste Treiben der Antisemiten Ausdruck gegeben, wurde ein wahres Haberfeldtreiben gegen Rosegger ins Feld gesetzt. In Zeitungen und Versammlungen wurde er des Verrathes an der „deutschen Sache" geziehen, als Renegat und „Judenknecht" hingestellt, und zu Hunderten flatterten Schmäh- und Drohbriefe in das stille Heim des Poeten, der sich plötzlich im Mittelpunkte einer überaus lärmenden Agitation befand. Wir finden nun heute in einem Grazer Blatte folgendes interessante Eingesandt Rosegger's: „Auf die in antisemitischen Blättern gegen meine Person fortgesetzten Zänk- und Stänkereien lasse ich mich nicht ein. Nur ein einziges Beispiel, statt deren zehn, von der unglaublichen Kampfesweise dieser Partei will ich hier endlich bemerken. Am 2. und 16. August 1885 veröffentlichte das „Obersteyerblatt" zwei mit H. v. T. gezeichnete Artikel gegen mich, in welchen behauptet wurde, daß ich, besorgt um meinen Judenzeitungsruhm, meine Ueberzeugung umschwenkte, daß ich von der Moral polnischer Schacherjuden angekränkelt sei, das ich seit Jahren tief sinke, worüber man noch Vieles sagen könne u. s. w. Als Schreiber dieser sauberen Dinge, welche eine wahre Hetze gegen mich zur Folge hatten, wurde der Antisemit auch deutsch-nationale Dichter Herr Adolf Hagen entlarvt. Aus Anlaß meines Aufsatzes: „Sonderbare Erfahrungen" („Heimgarten", Machest 1886) kam mir ein Schreiben von Herrn Adolf Hagen in Marburg zu, daß die niedrigen Angriffe gegen mich auf eine köstliche Weise zu motiviren sucht. Dieses Schreiben lautet: „Es ist unrichtig, daß ich Sie (!) jemals beschuldigte, Sie hätten Ihre Ueberzeugung verkauft, am weitesten entfernt aber war ich zu behaupten, Sie hätten dieselbe um Geld verkauft. Damit wird auch Ihre Bezeichnung meines Angriffes als eines „niederträchtigen Borwurfes" grundlos. Ich stelle demgegenüber fest, daß das Motiv für mich von allem Anfänge an in dem grundsätzlichen Gegensätze lag, den jeder streng-nationale Schriftsteller zur Dialektdichtung einnehmen muß, deren bedeutendster Vertreter Sie in unserer Heimath sind. Jede Art von Dialektdichtung wird die unbedingte und allgemeinste Geltung und Entwicklung des Haupteinigungsmittels der Nation, der reinen hochdeutschen Schriftsprache, nothwendig beeinträchtigen. Alles, was ich in Folge davon that, bestand darin, daß ich zunächst einen der hauptsächlichsten Widersprüche aus Ihren Schriften hervorhob, weil gerade aus diesen Ihr Gegensatz zur national-deutschen Denknnd Dichtweise am klarsten hervorgeht. Achtungsvoll Adolf Hagen. Marburg, den 20. Mai 1885." Ich glaube mit dieser Genügthuung kann ich zufrieden sein. Ich hoffe, daß vorstehendes Bekenntniß eines Reumüthigen der Epilog ist zu einer langen Reihe von Angriffen, die man in einer so unwürdigen Weise gegen meine Person geführt hat. Wenn nicht — mir ist es gleichgiltig, ich habe Besseres zu thun, als mich um das Treiben dieser merkwürdige» Partei noch weiter zu kümmern. P. K. Rosegger. Rumänien. Berlin, 17. Mai. (Privatmitth.) In dem kürzlich bei E. Muquardt (Merzbach & Falk) in Brüssel erschienenen Werke von Emile de Laveleye wird in dem letzten Abschnitte des 2. Bandes, der den Aufenthalt des Verfassers in Rumänien behandelt, auch einige Male der rumänischen Juden-