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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-08 · Heft 24 (8.6.1886) · p. Seite 373

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 24 (8.6.1886)
Date
1886-06-08
Page
Seite 373 (sequence 5)
Language
German
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378 Nachtrag zu „Politisches aus -er Neichshauptjia-t Oesterreichs." Mein politischer Bericht aus Oesterreich ist schon zum zweiten Male Gegenstand einer Berichtigung. Die Antwort des gegenwärtigen Leiters des Handelsministeriums v.Pußwald auf die von Herrn v. Gomperz eingebrachte Interpellation zeigt, daß man sich zunächst mit den Einzelbestimmungen eines Handelsvertrages mit Rumänien überhaupt nicht befaßt hat und nach Lage der Dinge nicht befassen konnte. Es konnte demnach Herr v. Gomperz in seiner Interpellation auch nicht in Details eingehen, zumal eine auswärtige Frage mit großer Delicatesse angefaßt werden muß. Wenn ich nun in dem citirten Artikel meine Verwunderung über Herrn v. Gomperz' Auftreten ausgesprochen habe, so liegt darin schon die stillschweigende Anerkennung der Thatsache, daß ich von diesem Herrn gerade erwartet hatte, daß er sich des jüdischen Interesses annehme. Zum Ueberflusse constatire ich noch ausdrücklich, daß nach meiner amtlichen und außeramtlichen Bekanntschaft mit Herrn v. G. ich überzeugt bin, er wird gegebenen Falles mit voller Wärme für das Judenthum auftreten. Von Interesse für die Würdigung gewisser Kreise unter uns mag die Thatsache sein, daß ein Pseudonymus sich beeilt hat, Herrn v. G. eine Mittheilung zu machen, daß ich ihn für einen Streber ausgegeben habe, der die Pflichten seines Amtes vernachlässigt. Die Sache ist zu charakteristisch für das glücklicherweise unter uns seltene Schnorrerthum, welches mit der linken Hand nach dem Pantoffel greift, um ihn an die Lippen zu führen und mit der Rechten den Revolver spannt, als daß ich sie der Oeffentlichkeit vorenthalten sollte. Brünn, im Mai 1886. Dr. G. Deutsch. Wohlthiitige Werke. VIII. Wir haben es heute mit Waisenhausberichten zu thu» und mögen hier die Bemerkung nicht unterdrücken, welche die Berichte aller unserer Waisenhäuser betrifft, daß diese Berichte niemals Beobachtungen über die Erziehung der ihnen anvertrauten Kinder, über eigenthümliche Erscheinungen, über die Schwierigkeiten, die zu überwinden, mit einem Worte über die Erfahrungen und Beobachtungen, die in solchen Anstalten gemacht werden müssen, enthalten. Für den aufmerksamen und befähigten Beobachter können solche Erfahrungen nicht ausbleiben und ihre Mittheilung würde von vielem Nutzen sein, und zwar nicht bloß für die Pädagogik und insbesondere die Waisenerziehung, sondern auch für die praktische Psychologie. Schon das Gebiet des Religiösen, der Einwirkung durch die Religion auf das seiner Eltern beraubte Kind, von dem Einflüsse religiöser Ceremonien und der Art, wie sie abgehalten werden müssen, gäbe ein interessantes Beobachtungsfeld ab. Dann wieder das Verhalten des Waisenkindes zur Anstalt und zu den Erziehern, in wie weit sich das Gemüth desselben, als Entschädigung für den Mangel an Familienleben, an die Anstalt, ihre Einrichtungen und die Erzieher in derselben anschließt, wodurch dies gefördert oder verhindert werde, in wie weit sich darin Knaben und Mädchen unterscheiden und was des interessanten und wichtigen Stoffes hier sich noch ergiebt. Von Jahr zu Jahr erwarteten wir, daß die Berichte der Waisenanstalten über die Mittheilung der Einnahmen und Ausgaben, der Zahl der Waisen, und daß sie gesund und artig sind, ihre Pflege eifrig gesucht werde, und was der banalen Phrasen mehr sind, hinausgehen würden — wir blieben aber hierin bis jetzt getäuscht. — — Nach dem Bericht über das Reichenheim'sche Waisenhaus der Jüd. Gemeinde für das Jahr 1885 belaufen sich die Einnahmen auf 51,100 Mk., wovon mehr als die Hälfte aus den Zinsen des eisernen Stiftungsfonds floß, während die Jüd. Gemeinde für das laufende Jahr einen Zuschuß von 23,400 Mk. bewilligt hatte. Verpflegt wurden durchschnittlich 74 Zöglinge, 44 Knaben und 30 Mädchen. Von den in diesem Jahre entlassenen 10 männlichen Zöglingen haben sich 6 verschiedenen Handwerken, 4 dem Kaufmannsstande gewidmet. Die Mädchen werden zum Theil schon in der Anstalt für einen bestimmten Erwerbszweig vorgebildet. Durch besondere Stiftungen ist die Anstalt in der Lage, auch den entlassenen Zöglingen in geeigneten Fällen, hauptsächlich aber den Handwerkern während ihrer Lehrzeit, Unterstützungen zu gewähren. Die Anstalt steht unter der Leitung des Dr. Jutrosinski, Vorsitzender des Kuratoriums ist der Geh. Rath W. Herz. — Der folgende Bericht führt uns nach Jerusalem. Es werden jetzt in der durch die heiligsten Erinnerungen geweihten Stadt viele Anstrengungen zur besseren Erziehung der jüdischen Jugend gemacht, und dies ist gewiß der einzig richtige Weg, um mit der Zeit die Lage unserer dortigen Glaubensgenossen zu heben und zu verbessern. Wir haben vor Kurzem einen von Jerusalem ausgegangenen Aufruf zur Sicherung dort bestehender Schulen mitgetheilt, und wünschen ihm den besten Erfolg. In Frankfurt a. M. besteht ein „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina." Früher hatte er seinen Sitz in Berlin, ist jedoch nach der Mainstadt übergesiedelt, um daselbst kräftigere Hände für sein Wachsthum zu finden. Er hat klein angefangen; wie weit er gelangt ist, darüber wird ein Jahresbericht für 1884 Auskunft geben, der nächstens versendet wird. In der Waisen-

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