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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-08 · Heft 24 (8.6.1886) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 24 (8.6.1886)
Date
1886-06-08
Page
Seite 372 (sequence 4)
Language
German
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372 Besitzverhältnisse sich verschoben. Jndeß war dies bei den Israeliten, solange sie ihr Land bewohnten, niemals fühlbar. Denn wenn auch nach Ezech. 87, 17 die Phönizier von Israel Waizen, Backwerk, Honig, Oel und Balsam bezogen, so entnahm dieses von jenen dafür nothwendige Bedürfniffe und begnügte sich mit Tauschhandel. Bor Ueberbevölkerung war Israel durch die blutigen Niederlagen und Exile seitens der Affyrer und Chaldäer und während des zweiten Bestandes durch die stets wachsende, theils erzwungene, theils freiwillige Auswanderung geschützt. Während dieses zweiten Bestandes wurden die mosaischen ökonomischen Gesetze, namentlich nach Esra und Nehemia, streng beobachtet; dennoch zwangen die veränderten Verhältnisse in Gewerbe und Handel zu Ausnahmeschritten, die von den Autoritäten legalisirt wurden, z. B. zum Prusbul. Mit dem Falle Jerusalems vor dem Schwerte der Römer und mit der Zerstreuung in alle Länder änderten sich die Verhältnisse der Juden gänzlich. Sie waren der unmittelbaren Herrschaft anderer Völker unterworfen und mußten zum größten Theil aus einem ackerbauenden ein Handelsvolk werden, lange Zeit berufen zum Zwischenhandel zwischen Orient und Occident. Sie mußten deßhalb ein Stück ihres ökonomischen Gesetzes nach dem andern aufgeben, zuletzt bis zu ihrem Erbrecht. Lange Zeit hielten sie das Verbot des Zinsnehmens untereinander fest und noch im 13. Jahrhundert wurde es von ihnen als Schmach und Sünde angesehen, Zinsen von Glaubensgenossen zu nehmen: Aber auch dieses verlor sich nach und nach in der Verwirrung der Verhältnisse und unter den Bedingungen des Geschäftsbetriebes. So stellte der Mosaismus die Grundsätze einer gerechten ökonomischen Verfassung auf, aber das Judenthum war durch sein geschichtliches Geschick genöthigt, sie theoretisch zu bewahren, aber praktisch unerfüllt zu lassen. Die ökonomische Bewegung in der menschlichen Gesellschaft ist so alt wie diese selbst. Als die erste Erzählung aus ihr stellt uns die h. Schrift den Streit Kain's und Abel's hin, also des ansässigen Ackerbauers mit dem nomadisirenden Hirten. Sobald unter den Völkern die Eroberung und Unterjochung auftrat und zur geschichtlichen Tagesordnung ward, vollzog sich die ökonomische Bewegung dahin, den einen Theil der Menschen zu arbeitslosen, Reichthümer sammelnden Herrschern, den andern zu Hörigen und Sklaven zu machen. Aber innerhalb des herrschenden Volkes selbst riß ein Theil die größten Besitzthümer an sich und drückte den andern zu Besitzlosen herab. Aus diesen Berhältnisien erhoben sich in allen Staaten des Alterthums wie des Mittelalters starke gesellschaftliche Bewegungen, theils um die Schuldverhältnisse wie in Athen, theils um die politischen Rechte wie in Rom, die zwar die Plebejer den Patriciern abzuzwingen vermochten, ohne jedoch für die Besitzverhältnisse günstigere Bedingungen zu erreichen. Noch schlimmer war es, wenn die Unterdrückten, zum Schwerte griffen, wie in den Sklavenkriegen, in den Faquerien, in den Bauernaufständen. Sie richteten allerdings vor der gewaffneten und organisirten Gesellschaft niemals etwas aus und richteten nur Hunderttausende von Individuen zu Grunde. Was aber die Waffen nicht vermochten, das bewirkte der Gedanke des Rechts und der Humanität, wie er allmählich in den letzten Jahrhunderten erstand, sich kräftigte und die Herrschaft erlangte. Er zerbrach die Banden der Leibeigenschaft; er löste die Fesseln der Sklaverei, zuletzt durch einen blutigen Bürgerkrieg in den Bereinigten Staaten vor nicht mehr als zwanzig Jahren. Hiermit waren aber die Befreiten noch nicht zufriedengestellt. Sie wollten mehr, und die ökonomische Bewegung ist in unserer Zeit auf eine so nachhaltige Weise in Fluß gerathen, daß Niemand mehr sich ihrer Beachtung und Erwägung entziehen kann. Nicht bloß aus dem Begriffe des Eigenthums und dessen Festhaltung, einer Säule der ganzen Gesellschaft, sondern vielmehr aus all den Wirrsalen der Vergangenheit, aus all den Complicationen des Erwerbes und des Besitzes und, sagen wir es, aus all den unübersehbaren Gewaltthaten, die an Völkern, Ständen und Individuen ausgeübt worden, hat sich eine außerordentliche Verschiedenheit des Besitzes herausgebildet, die sich natürlich auch auf die gerechteren und friedlicheren Verhältnisse der Gegenwart übertrug. Hierzu kam die wachsende Bildung, das Erwachen freieren Bewußtseins, die Vermannigfaltigung und Steigerung der Bedürfnisse und hieraus eine wachsende Genußsucht, tvelche alle Klassen aller civilisirten Völker durchdrungen hat. Endlich ist nicht zu übersehen, daß unter den Einflüssen der sich immer weiter verbreitenden Cultur der religiöse und sittliche Geist in den Massen abgeschwächt worden, der Unzufriedenheit, dem Mangel an Rechtsgefühl, an Mäßigkeit und Selbstbeschränkung Thor und Thür geöffnet wurde, sowie die einfachen Sitten der Väter sich immer mehr verloren. Aus allen diesen Umständen erlangte die ökonomische Bewegung in unseren Tagen eine bedauerliche Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit, welche die Gesellschaft vor Probleme stellt, die vor einem Jahrhundert noch nicht geahnt wurden. Sprechen wir übrigens von der ökonomischen Bewegung in der Gesellschaft, so dürfen wir nicht übersehen, daß sie eine zweifache ist: eine von oben nach unten, eine von unten nach oben. Erwägen wir dies etwas näher. (Fortsetzung folgt).

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