Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1886)
- Date
- 1886-06-08
- Page
- Seite 371 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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371 Sonderbar! Renan fährt nach den angeführten Sätzen folgendermaßen fort: „Wie kam es doch, daß die Abfassungszeit eines solchen Werkes ungewiß ist? Wie kam es, daß der Name des Mannes, der dieses Meisterwerk schrieb, unbekannt ist?" Und warum? Kennt Renan, kennnen seine Gesinnungsgenossen den Namen dieses Mannes nicht? Ruft ihn uns nicht die ganze h. Schrift aus allen Theilen zu? ruft ihn nicht das ganze Alterthum, die ganze Geschichte uns zu? Moses, Sohn Amram's. Das versichern uns nicht nur 5. Mos. 4, 44. 33, 4., sondern auch die historischen Schriften, welche statt des sonstigen 'n min oder nun* 1) sagen n&D min.2) Ueberall her, so weit die biblische Aera reicht, tönt uns der Name Moses entgegen, auch aus den Psalmen, z. B. 99, 6. 105, 126. 106, 16. Sie wollen ihn aber nicht hören; sie tappen lieber in der Finsterniß umher, die ihnen scheinbar Gelegenheit giebt, ihren Scharfblick, sich dennoch zurecht zu finden, zu bewähren, als dem Lichte des Tages die Augen zu öffnen. Thut übrigens nichts. Der Name Moses, als Führer des Volkes Israel, als gottbegeisterter Seher und Gesetzgeber, als Begründer und Verkünder der reinen monotheistischen Lehre und der aus dieser fließenden Principien der Liebe, des Rechtes, der Freiheit und der Gleichheit Aller vor Gott and dem Gesetze wird alle diese kleinen und kleinlichen Geister überdauern, wie er bis jetzt die Jahrtausende überdauert hat! So scheiden wir von den Lucubrationen Renan's, indem wir mit ihm zugleich seine Vorgänger ins Licht stellen wollten, um auch denjenigen Lesern, welche sich mit den modernen kritischen Untersuchungen nicht beschäftigen, an die Hand zu geben, was wir uns eigentlich von diesen zu gewärtigen haben, und wie unsicher und unter unseren Füßen schwankend die Pfade sind, die sie uns führen wollen. Nein, sie erhellen nicht, sie verdunkeln; sie führen uns nicht in den Geist der Schrift, sondern verschleiern ihn; sie bringen uns keine Ueberzeugung, sondern lösen diese auf, ohne irgend etwas, was räthselhaft erscheinen könnte, aufzuklären und zu erklären. 27—30, welche eine ungeschickt hineinsallende poetische Einschaltung geben die durch ihre Einführung, ihre Weise und ihren Inhalt dem Text als fremd sich selbst bezeugen. Diese Stücke unterscheiden sich von dem anderen Texte sichtbar und sind harmlos hineingcratheN. Jndeß ersieht man aus ihrer Beschaffenheit, daß diese Stücke schon sehr alt sind, z. B. 1. Mos. 38, 3l erweist, daß das Stück vorexilisch in der Zeit der Könige geschrieben ist. S. uns. Commentar zu den an ge sührten Stellen. 1) Z. B. 2. Mos. 13, 9. Irrem. 8. 8. Psalm 19, 8. Esra 7, io. 1. Chron. 22, 12 ff. Dann Josua 24, 26. Psalm 37, 31. Nehem. 8. 18. 2) Josua 8, 31. 32. 23, 6. 1. Kön. 2, 3. 2. Kön. 14, 6. 23, 25. Nehem. 8, 1. 2. Chron. 23, 18. Esra 3, 2. Daniel 9, 11. 13. Die ökonomische Frage. i. Was wir hier die ökonomische Frage nennen, wird gewöhnlich als die „sociale Frage" bezeichnet, wir glauben mit Unrecht. Social ist Alles, was die Gesellschaft als solche, sei es in ihrer Ganzheit, sei es in einzelnen größeren Theilen berührt. Politische, Berfassungs-, Kirchen- und Schulfragen u. s. w. sind sämmtlich sociale Fragen, da sie die innersten Interessen der staatlichen Gesellschaft betreffen. Was man aber die sociale Frage zu nennen pflegt, betrifft die Verhältnisse, die Arbeits- und Lohnverhältnisse der sog. arbeitenden Klassen, ihr Verhältniß zu Arbeit und Lohn, und dies ist nur ökonomischer Natur. So benennt es schon Aristoteles. Ja, wir glauben sogar, daß diese Bezeichnung ein Zugeständniß für den Socialismus enthält, das insofern nicht ohne Bedeutung ist, als es eine gewisse Neigung zu demselben seitens der allgemeinen Meinung verräth. Der Socialismus macht aus der ökonomischen Frage einen Umsturz der ganzen gesellschaftlichen Ordnung, und so existirt für ihn wirklich die sociale Frage. Ihm tritt die gesellschaftliche Welt entgegen und will nur ökonomische Fragen zulassen. Logisch richtig darf sie daher von einer socialen Frage gar nicht reden. — Der Mosaismus, indem er Lehre und Leben zur Jdentificirung bringen und auf seinen Principien, wie sie aus seinen Anschauungen über Gott und Mensch flössen, ein Volksgebäude aufrichten wollte, konnte den ökonomischen Theil nicht außer Augen lassen. Die gleiche Vertheilung des Grund und Bodens an alle Familien, die Unverletzlich, keit der Erbgüter durch das Löserecht der Verwandten und das Jobeljahr, das Verbot des Zinses, sowohl in Geld als in Naturalien, die Beseitigung der Sklaverei durch ein Miethverhältniß auf höchstens sieben Jahre waren die Elemente, aus denen er den ökonomischen Volksbau aufrichten wollte. Konnte er hierdurch auf der einen Seite die Bereicherung, die Anhäufung des Besitzes in einer Hand verhindern, so vermochte er doch nicht den, sei es durch Mißgeschick wie Mißwachs, Krankheit, Todesfälle, Feinde, sei cs durch Trägheit und Genußsucht herbeigeführten Verarmungsfällen nicht Vorbeugen und setzte dafür subsidiarisch die Antheile der Armen an dem Ertrage und die Verpflichtung zur Hülfe aller Bedürftigen ein. Daß diese Gesetze, wenn auch in Zeiten des Abfalls unvollständig ausgeübt, doch im israelitischen Volke wurzelten, ersieht man aus mancherlei Andeutungen. So Ruth 4, 3 ff., 1. Kön. 21, 3, Jerem. 32, 7. wie denn auch Ezechiel in dem von ihm aufgestellten Gesetze die gleiche Vertheilung des Landes verlangte. Tie Aufgabe, die sich der Mosaismus gestellt hatte, war allerdings für ein lediglich Ackerbau treibendes Volk nicht allzu schwierig, anders lag es, sobald Handel und Industrie emporwuchsen und die 24*