Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1886)
- Date
- 1886-06-08
- Page
- Seite 370 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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370 will, gelangt er zu der Darstellung, die wir als „romanhaft" bezeichnen mußten, weil sie sich ein Bild von der Composition des Pentateuchs und der historischen Schriften aus lauter willkürlichen Annahmen und falschen Voraussetzungen construirt. Das Gefühl, auf falscher Fährte zu sein, mangelt ihm nicht ganz, denn oft genug fließt ihm ein „Vielleicht", „Wahrscheinlich", „Möglicher Weise" aus der Feder. Um seinen Ansichten etwas Wahrscheinlichkeit zu geben, bedient er sich nicht selten des Hinweises auf Erscheinungen in anderen Literaturen, namentlich in den homerischen und in den arabischen Gesängen vor Mohammed. Das ist aber Alles sehr unsicher und kommt wiederum aus schwankenden Meinungen und auf die Gruppirung hinaus, die der Autor seinen Vergleichungen zu geben versteht. Er versteigt sich dabei sogar, seinen „Jehovisten" mit Eduard v. Hartmann als Pessimisten und mit Hegel „wegen des Gebrauches und Mißbrauches allgemeiner Formeln" zu vergleichen! Letzteres findet er darin, daß von „einem Menschen, einer Familie, einer Race, einer Sprache, einem Weinberg, von denen alle anderen Herkommen, einer einzigen Quelle der Flüsse" gesprochen werde. Es möchte doch wohl schwer fallen, hierin eine Aehnlichkeit mit Hegel zu demonstriren. Auch die Hypothese führt er als einen Beweis für die Zusammensetzung des Pentateuchs an und zwar wiederholt, daß, „wenn die Juden im Mittelalter nicht so sehr zerstreut gewesen wären, sie aus dem babylonischen und dem jerusalemitischen Talmud ein einziges Werk gemacht haben würden." Das sollen Beweisgründe sein! Fast ein Lächeln gewinnt es uns ab, wenn Renan in ganz bestimmter Weise die Regeln aufführt, nach welchen der Redacteur aus den beiden ihm vorliegenden Urkunden, der jehovistischen und elohistischen, den Pentateuch und die historischen Schriften zusammengesetzt hat. Es wäre nicht schwer, ihm noch mit einigen anderen Regeln zu Hilfe zu kommen. Was ist aber nun da§ Resultat aller dieser Zersetzungen und Zusammenschweißungen? Renan sagt (x. 252): „Der Jehovist, wie man ihn nennt" — dieser Zusatz zeugt von keiner großen Sicherheit — „ist sicherlich einer der außerordentlichsten Schriftsteller, die existirt haben. Der religiöse Gedanke ist bei ihm sehr entwickelt. Cr war gewiß ein religiöser Schöpfer ersten Ranges. Er war ein Prophet und sicherlich der größte der Propheten. Er resumirt und erklärt die Principien, welche die Propheten nur anwenden. Deshalb findet man seine Schrift unaufhörlich in den Schriften der Propheten erwähnt und benutzt. An dem Tage, wo der Autor die letzte Hand daran legte, konnte man sagen, ein Buch ist geschaffen, oder vielmehr an diesem Tage sind in Wirklichkeit das Judenthum, das Christenthum und der Islam geboren. Die alten monotheistischen Jnstincte befestigten sich in einer klar definirten und abgegrenzten Religion." Dieses Zugeständniß ist schließlich nichts Anderes, als was von jeher als letztes Resultat aus der h. Schrift gezogen worden: diese Schrift begründete und baute auf das Judenthum und aus diesem entsprangen das Christenthum und der Islam; die bestimmten, klaren und lauteren Lehren des Monotheismus, hier sind sie gegeben, hier gelehrt, hier für alle Zeit aufgestellt und gefestigt. Hiemit haben die Gegner die Einheitlichkeit und die Einigkeit des Geistes anerkannt, der die Bücher der h. Schrift geschaffen, sie durchdringt, sie befähigt in allen Zeiten und auf allen Culturstufen das monotheistische Lehrbuch der Menschheit zu sein! Gestehen uns selbst unsre Gegner dies zu, so mögen sie immerhin sich noch weiter an den kritischen Forschungen erfreuen, welche die einzelnen Schwierigkeiten, Dunkelheiten, ja selbst Widersprüche, die sich vorfinden, hervorzuheben und zu beleuchten suchen. Das große geschichtliche Factum wird davon nicht alterirt. Der erste der Propheten ruft aus: „Der Ewige ist einig und einzig!" und einer der letzten der Propheten: „Einst kommt die Zeit, wo der Ewige als einzig erkannt und angebetet wird auf der ganzen Erde." Um diese Lehre schaarte sich nach schweren Kämpfen und Prüfungen der ganze Rest Israels; unter ihrer Standarte zerstreute sich der jüdische Stamm durch alle Länder, stritt und litt für sie und hatte seine Augen darauf geheftet, wohin sein Geschick ihn auch trieb. Aber es war kein unfruchtbarer metaphysischer Gedanke; er wurde mit dem ganzen Herzen, mit dem Verstände und allem Vermögen aufgefaßt, alle Consequenzen für das sittliche und sociale Leben daraus gezogen und Lehre und Leben zu einem einheitlichen Ganzen gestaltet. Es ist ein Sieg, ein Triumph dieser Lehre und dieses Gesetzes, daß auch Diejenigen ihren Geist und ihre Bestimmung anerkennen müssen, welche die Bücher der Heilgen Schrift durchwühlen, um sie in einzelne Bestandtheile zu zertheilen. Und warum? weil sie es nicht begreifen, daß ein Schriftwerk aus hohem Alterthum nicht alle die Glätte, all' den Zusammenhang, all' die abgeschliffene Form eines modernen Kunstwerks besitzt, nicht im Detail die strenge Consequenz bewahrt hat, die wir jetzt von einem Geschichtswerk fordern, dem im Laufe der Zeiten Abschreiber und Glossatoren in die ursprüngliche Fassung Manches hineingeschoben, was mit dem Uebrigen nicht in vollem Einklang steht.') 1) Sind doch verhältnißmäßig erst spät die Verse gezählt worden. Kein Schriftwerk des Alterthums ist ohne Einschiebsel und Hinznsngungen, d. h. ohne Glossemata geblieben, die von Abschreibern an den Rand bemerkt und von späteren unkundigeren Abschreibern in den Text ausgenommen wurden, die aber immer und überall schon an sich durch das ungehörige, dem Texte fremde, plumpe Hineingerathen und durch Stilabweichung zu erkennen sind. Bei sorgfältiger Forschung haben wir solche Glossemata erkannt 1) in 1. Mos. 36, 81—43, 2) 1. Mos. 46, 8—27, 3) 2. Mos. 6, 10 — 7, 7, welche sämmtlich genealogische Einschaltungen sind, bei denen es auss Leichteste zu erklären ist, was der Glossator damit gewollt und wie die Glosse in den Text gerathen; endlich 4) 4. Mos. 21, 14—20 und