Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 365 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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365 nämlich den Gegenstand des erstrebten Glückes und die zur Erreichung desselben verwendeten Mittel. Es ist von großer sittlicher Bedeutung, worin der Mensch das Ziel seines Strebens setzt; aber ich sage dir offen, daß die Mittel, die er anwendet, von viel größerer sittlicher Bedeutung sind, als der Inhalt seines Zieles. Auf dem Gebiete der Sittlichkeit heiligt der Zweck niemals die Mittel, aber umgekehrt können die angewcndeten Mittel selbst einen sittlich gleichgültigen Zweck heiligen. Da bin ich begierig, den Beweis zu hören. Wir waren unterdeß am Ziele unseres Spazierganges angelangt. Es war ein mäßig hoher Hügel, auf dessen Gipfel eine Ruhebank angebracht war unter einer schattigen Linde. Sie stand gerade in der Blüthe und ihr süßer Duft erfüllte die Athmosphäre. Von dieser Bank aus hatte man die Aussicht auf ein nicht großes Thal, inwelchem Feltz Wiese wechselten, von einem klaren murmelndenden BÜ durchschnitten; ringsum erhoben sich wieder Hügel, Theil von Wald bedeckt und in weiter Ferne erblickte man die Spitzen höherer Berge. Hier ließen wir uns nieder, um unser Gespräch fortzusetzen. Es soll mir nicht schwer werden, sagte mein Freund, den Beweis für meine Behauptung zu bringen. Was denkst du dir unter „wohlerworbenem Besitz oder Reichthum?" An und für sich wirst du Besitz und Reichthum keinen besonderen sittlichen Werth zuschreiben. Man könnte sogar, wie es schon viele weise Männer gethan, Besitz und Reichthum für verächtlich erklären. Ich bin nicht der Meinung. Das Verlangen nach Besitz ist dem Menschen eingeboren, denn schon das seiner noch unbewußte Kind streckt das Aermchen nach dem aus, was vor seinen Augen erscheint und will es sich aneignen. Alles aber, was in der Natur des Menschen liegt, hat einen zweifelhaften Werth, weil es nach der besseren oder nach der schlimmeren Seite sich wenden kann, aber gerade darum ist es ein wesentlicher Bestandtheil des Menschen und an sich nicht zu verachten. Den Besitz aber, der durch Arbeitsamkeit, redliche Thätigkeit, Ordnung und Sparsamkeit erworben wird, stößt uns Achtung ein und wir nennen ihn wohlerworben. Wir zeichnen den Besitzer als einen würdigen, trefflichen Menschen aus. Hier sind es also die angewendeten Mittel, welche für den an sich sittlich gleichgültigen Zweck eintreten und ihn gewissermaßen heiligen. Thätigkeit, Redlichkeit, Ordnung und Sparsamkeit sind höchst achtbare Tugenden, denen nachzustreben den Menschen adelt. Ja, selbst wenn es ein Jrrthum ist, worin Jemand das Ziel seiner Wünsche erblickt, und dies geschieht ja nur allzu oft, so ist er entschuldigt, wenn die Mittel, die er zur Erreichung seines Zieles anwendet, ehrenvoll und auf die Entwickelung seiner besten Kräfte günstig einwirkend sind. Hingegen wird es dem, der ei» hohes Ziel erreicht hat, nicht verziehen, wenn er schlechte, trügerische, sündige Mittel durchgeführt hat. Wenn ich dies Alles als richtig erkenne, so müssen wir doch sagen, daß es ein sehr fragliches Ding um dieses Wesen, um diese Bestimmung des Menschen ist, nach Glück zu jagen. Denn zunächst fragt es sich, ob er nicht in den meisten Fällen in dem irrt, was er für ein Glück hält, ferner ob er nicht durch sein heißes Verlangen zu Fehltritten verleitet wird, und endlich wenn er das vermeintliche Glück erreicht hat, wie schnell ist seine Befriedigung verflogen und er setzt sich nach mehr oder nach Anderem in neue Bewegung; oder endlich es wird ihm das, was er soeben erreicht hat, wieder genommen und zu einem schwer beseuftzten Schatten. Ja, mein Freund, wenn das, was der Mensch Glück nennt, auch seine Bestimmung ausmachte. Aber das ist diese nicht im Geringsten. Schon daß wir so leicht mit dem was nsre Sehnsucht bildet, in Jrrthum verfallen, daß die Er- Ant^reichung desselben so schwierig und daß es schließlich so überaus vergänglich ist, erweist, daß es unsere Bestimmung nicht sein kann. Diese besteht vielmehr in der Entfaltung unserer Kräfte, itt deren Verwendung und Steigerung, selbstverständlich nach der Seite des Rechts und der Pflicht. Hierzu aber müssen wir angereizt und angeregt-werden und dies kann wiederum nur dadurch geschehen, daß uns irgend Etwas als Ideal vorschwebt, das zu Erreichen wir eben alle unsre Kräfte in Bewegung und Thätigkeit setzen. Die Jagd nach Glück bedeutet also an sich nichts Anderes, als die kräftige Anstrengung und dadurch zu erreichende Entfaltung und Steigerung unserer Kräfte nach einem uns vorschwebenden Ziele hin. Aber in diesem Gewirre von menschlichen Zielen und Zwecken, was soll uns da leiten? Welchen nachhaltigen Rath kannst du ertheilen? Mein Freund schwieg einige Zeit. Dann blickte er auf und um sich und hob an: Sieh dich hier um, theurer Freund. Wir sehen von diesem Hügel in ein anmnthiges, liebliches, aber beschränktes Thal. Die Wiesen mit ihrer frischen Blumenpracht, die Felder mit dm aufschießenden Saaten, das Silberband des Flüßchens, das sie durchrieselt, der Wald auf den Hügeln mit dem üppig hervorbrechenden Grün seines Laubes, alles dies ergötzt uns, erfreut das Herz, so geringen Umfangs hier auch unsre Ausschau ist. Wie aber, wenn wir uns auf die hohen Spitzen über dem zackigen Felsenkamm, die dort aus weiter Ferne oben über die Hügel blicken, versetzen — welch ganz andere Aussicht würde uns da erwarten! In das Gewirre der Berge, in tiefe Schluchten mit ihren Wasserstürzen und aufragenden Felsen, weithin über die Ebenen und ihr mannigfaltiges Gefüge, ja über die Küste des Meeres auf die brandenden Wogen, die diese umgürten, welch ein Blick über eine halbe Welt! Welche Schwierigkeiten