Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 364 (sequence 12)
- Language
- German
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364 die Herren Jsaac M. Wise, Adolph Moses und Emil G. Hirsch, einen Aufruf, der abermaligen Versammlung anzuwohnen, welche am 28. Juni zu Cincinnati stattstnden soll. Sie fordern alle „Bannerträger des Lichts und des Glaubens" auf, diesem „großen Concil" ihre Theilnahme zu schenken. Bonn, 23. Mai. (Notizen.) In Leipzig hat in diesen Tagen Herr Louis Ascher aus Berlin das fünfzigjährige Jubiläum seines Besuchs auf der Messe begangen. Seine Standnachbarn veranstalteten am Morgen eine schlichte Feier vor seinem Stand auf dem Augustusplatz. Aus Pest wird uns geschrieben: Hr. Dr. S. Birnfeld, Hörer der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums i» Berlin, ist zum Rabbiner in Belgrad (Serbien) und Hr. vr. M. Wiener, Hörer der Budapester Landes-Rabbiner- Schule zum Rabbi in Minßend (Ungarn) gewählt. — Der bekannte hebräische Schriftsteller Senior Sachs in Paris feiert am 7. Juni seinen 70. Geburtstag. Feuilleton. Die Jagd nach -em Glücke. Es ist wahrlich kein ehrenvolles Zeugniß, sagte mein Freund zu mir auf einem Spaziergange, für unsre Zeit, daß sie sich als ein Spruch- und Wahrwort den „Kampf um's Dasein" hat aufdrängen lassen. Dies ist ja doch nur ein Ausfluß der pessimistischen Naturwissenschaft und der pessimistischen Philosophie, die beide den Menschen dem Thiere gleichzustellen trachten. Denn Pflanze und Thier, das gebe ich zu, kämpfen den Kampf ums Dasein, gegen die Elemente, gegen die Thiere und gegen den Hunger. Aber ein Blick auf das Thun und Lassen der Menschen, auf die Ziele, die sie sich stecken, auf die Zwecke, die sie verfolgen, zeigt doch hinlänglich, daß es sich bei den meisten von ihnen doch um etwas ganz Anderes handelt, als um den Kampf um's Dasein, d. h. um die Befriedigung der zum Dasein unmittelbar nothwendigen Bedürfnisse. Es gehören hierhin nicht einmal höhere Ziele und Zwecke; wer nach Reichthum strebt oder auch nur nach mehr, Besitz als er nöthig hat, wer Ehren sucht, wer nach Bereicherung seines Wissens und Könnens strebt ff., der geht weit über den Kampf ums Dasein hinaus. Dahingegen mache ich das in früheren Zeiten gültige Wort, der Mensch befinde sich immerdar auf „der Jagd nach dem Glück," oder nach einem Stück Glück, wieder geltend. Das ist wahr und des Menschen nicht unwerth. Dagegen möchte ich einwenden, erwiderteich, daß es doch viele Menschen giebt, welche an dem Glück verzweifeln und deshalb die Jagd nach ihm aufgeben, so daß dein „immerdar" nicht paßt. Allerdings mögen einige, denen das ersehnte Glück zu erreichen nicht gelingt, ermüden und daran verzweifeln. Sie sind wie die Sonntagsjäger, die vergebens nach dem Wilde schießen und fehlen; sie werfen die Flinte mißmuthig über den Rücken und gehen grollend durch den Wald. Aber sie waren doch auf der Jagd und laß ihnen nur ein Stück Wild bequem vor die Augen kommen, schnell reißen sie die Büchse wieder herum, zielen und schießen; ob es ihnen besser gelingt, ist die Frage. Das lasse ich gelten; aber ich habe doch Menschen genug getroffen, welche am liebsten unthätig und lässig sind und die vor Allem die Ruhe lieben und nur, wenn sie gezwungen sind, sorgen und arbeiten. Nun, Theuerster, so sind diese auf der Jagd nach Ruhe. Sie finden ihr Glück in der Stille, in der Sorglosigkeit, in der Ruhe, und werden sie vom Wirbelwind des Lebens ergriffen, so geht ihr Sinnen und Streben danach, herauszukommen und sich wieder der Windstille zu erfreuen. Dann fragt es sich aber, warf ich ein, was Glück sei? Bei dem „Kampf ums Dasein" weiß ich doch sicher, was dies bedeutet. Man will bestehen und leben bleiben und wehrt sich gegen Alles, was dies zu beeinträchtigen fähig ist oder scheint. Aber was ist Glück? Jeder versteht und denkt 'sich etwas Anderes darunter, und erreicht er es je? Glück ist also ein Schemen, eine Fata Morgana, die uns vorschwebt in unsichern Umrissen und nach der zu jagen doch auch des Menschen nicht würdig scheint. Wie viele Enttäuschung, wie viele vergebliche Hoffnung und Erwartung! Was Du sagst, mag wahr sein, aber trifft nicht zu. Glück ist die Befriedigung dessen, was man wünscht. Worin dieser Wunsch, dieses Verlangen, dieses Glück besteht, ist für die Erscheinung an sich völlig gleichgültig, erst vom sittlichen Standpunkte aus erhält es eine Bedeutung. Der Mensch wünscht etwas, sehnt sich nach etwas, strebt mit allen Kräften danach und dies ist Jagd nach dem Glück. Worin dies bestehe, erhält, wie gesagt, nur durch seinen sittlichen Gehalt einen höheren oder minderen Werth. Jedenfalls ist es ein unschätzbarer Vorzug des Menschen, sich einen Zustand zu denken, in den er versetzt zu werden trachtet und strebt und dies macht ihn des Menschendaseins würdig. Nun erst kommt die sittliche Frage. D/ese hat aber ein zweifaches Moment,