Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 366 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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366 und Mühsale, welcher gefährliche Aufstieg an Felsen und Eiswänden, welche Erschöpfung an Kräften würde es kosten, um dahin zu gelangen. Und wenn wir es erreichten, wer sagt uns, ob nicht die Nebel aus den Thälern um die Gipfel der Berge verhüllende Wolken gebildet, daß, endlich oben angelangt, Alles unseren Augen verschleiert ist? oder ob nicht droben der Sturm rast, daß wir uns nicht halten können und eilig wieder nach unten steigen müssen . . . Darum hinweg mit der Sehnsucht nach drüben und droben! Hier ist es schön, so laß uns genießen, was die Natur uns bietet, sie, die im Kleinen so groß und herrlich ist wie majestätisch im Großen. Und nun, Freund, wirst du mich vollständig begreifen, wenn ich sage: auf dieser Jagd nach Glück muß mitten in dem Vorwärtsstreben, das uns von dem ersten Erwachen des Bewußtseins bis zu dessen Erlöschen beseelen soll, die Selbstbeschränkung unsre Führerin, unsre Rathgeberin, der Maßstab sein, mit welchem wir unser Wollen und Können abmessen und gestalten. Wer in der Jugend sich vornimmt, als Philosoph die Weltprobleme zu lösen, als Künstler alle Meister der Gegenwart zu überflügeln und sich jenen an die Seite zu stellen, welche die Ruhmeshelden der Vergangenheit sind, oder schon am Anfang seiner Laufbahn die höchsten Ehren und Würden in Staat und Gesellschaft zu erringen, oder als Handlungsgehülfe von zahllosen Geschäften, Speculationen und Millionen träumt — der wird bald sich sehr unglücklich fühlen, bald erlahmen und entweder untergehen oder in der Selbstverblendung über den Werth seiner Erzeugnisse sehr mittelmäßig bleiben, bis ihm die unerbittliche Welt auch noch die letzte Täuschung nimmt. Denn nur sehr Wenige erreichen die Höhe; die Anderen bleiben zurück auf der einen oder der anderen Stufe des Berges. Also Selbstbeschränkung in der Meinung von seinen Fähigkeiten und Talenten, in der Wahl der Mittel, in dem Borwärtseilen, in den Aussichten, die man sich schafft. Ich weiß sehr wohl, daß die Jugend ohne ein gewisses Maß von Selbstvertrauen nicht vorwärts komnrt. Aber Selbstüberschätzung wagt sich an Unternehmungen, denen man nicht gewachsen ist, an denen man vergebens seine Kräfte erschöpft, und die Folge ist, Verzagtheit und Verbitterung, Mißtrauen gegen die Menschen, da man diesen das Scheitern und Verkennen zuschreibt, Erschlaffung. Da bist du denn also zu dem gelangt, was schon unser Weisen in dem Satze aussprechen: „Wer ist glücklich? Der sich seines Looses freut", d. i. dessen, was er hat und ist. Doch nicht, lieber Freund, es ist dies ein schöner Sittenspruch, aber für die Menschen wenig verwendbar. Zuerst neigt ihre Natur wenig zu dieser Genügsamkeit, namentlich nicht in unserer Zeit. Hat man Etwas, will man mehr; ist man Etwas, will man höher hinaus. Und die Natur zu bezwingen, gelingt gar Wenigen, Alsdann würde diese Genügsamkeit dem Vorwärtsstreben, dem steten Schaffen Abbruch thun, und so Vieles verloren gehen, was für Menschheit und Menschen nützlich und förderlich ist. Endlich werden vielfache Umstände eintreten, welche diese Zufriedenheit stören und verhindern. Da wachse» die Bedürfnisse der Familie da kommt Krankheit, Krieg, Mißwachs und mannigfaches Mißgeschick, welche den Menschen aus seinem Frieden und seiner Ruhe aufstören und ihn zu mühevollster Anstrengung zwingen. Solche Genügsamkeit, solche Freude an seinem Loose ist dem Menschen nur in einigen Augenblicken, gewissermaßen in den Pausen des Lebens gestattet. Aber die Selbstbeschränkung, wenn wir sie uns zu eigen machen, wenn wir sie in der Jugend, im Mannesalter und als Greise üben, verläßt uns niemals, erhellt unsre Augen, leitet unsre Schritte und sichert uns unter allen Umständen einen gewissen Erfolg. Sie ist vielleicht eine Art Kunst, die wir uns erwerben müssen; aber jede Geschicklichkeit, sei sie manuell oder seelisch, muß der Mensch erwerben, kann er seinen Anlagen und Neigungen abgewinnen, er muß es nur ernstlich wollen. Die Sonne begann hinter den Wolkensaum zu verschwinden; eine kühlere Abendluft strich über den Gipfel des Hügels. Wir erhoben uns und gingen nach der Stadt zurück. vermischtes. Trauung im Krankensaale. In einem der Krankensäle des Rochusspitals spielte zu Pest sich jüngst Nachmittags 5 Uhr eine ebenso ergreifende als seltene Begebenheit ab. Eine der dort untergebrachten Patientinen, deren Zustand sich in den letzten Tagen arg verschlimmerte, wurde ihrem Geliebten, mit welchem sie schon seit Jahren ein Verhältniß unterhielt, dem zwei Kinder entsprossen sind, als Gattin angetraut. Die Braut heißt I. K. und ist aus Hradna gebürtig, der Bräutigam ist der in Nagy-Abony geborene S. H. Die Braut leidet an einer Brustkrankheit, welche zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß giebt und sie veranlaßte, um die Aufnahme ins Rochusspital anzusuchen. Sie selbst war sich über den gefährlichen Zustand ihres Leidens im Klaren und als gestern der Grad ihrer Krankheit sich noch verstärkte, drückte sie vor dem Bräutigam den Wunsch aus, schon im Interesse der Legitimität ihrer Kinder, ihm als Gattin angetraut zu werden. S. H, der Bräutigam, trug diesen Wunsch seiner Braut dem Prediger der Pester isr. Religionsgemeinde Dr. Kayserling vor, und dieser erklärte sich bereit, die Trauung zu vollziehen. Dieselbe wurde für heute Nachmittags 5 Uhr anberaumt. Dr. Kayserling verfügte sich mit entsprechender Begleitung ins Rochusspital, über das Bett der Patientin