Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 363 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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363 Einwanderung galizischer und ruff. Juden nach Nordungarn. (?) Der Minister wird erklären, daß in allen Fällen, wo die Möglichkeit uachgewiesen wird, daß die Betreffenden sich ernähren können, es weder gesetzlich noch human wäre, die Niederlassung zu verhindern. Er sei nicht gesonnen, die diesbezüglich bestehenden Gesetze abzuändern. (Bekanntlich haben die Antisemiten ähnliche Klagen schon oft vorgebracht, weil sie damit auf das Volk mehr Eindruck zu machen hoffen, und die Opposition gern darin einstimmt. Red.) Serajevo, 20. Mai. (Privatmitth.) Nach der am 1. Mai v. I. ausgeführten amtlichen Volkszählung befinden sich in Bosnien und Herzogevina unter 1,336091 Einwohnern 5805 Israeliten. Dieselben haben 16 Synagogen und 13 Schulen. Rumänien. Jassy, 19. Mai. Die Auswanderung der Juden nach Amerika nimmt hier täglich größere Dimensionen an. So eben sind vier hundert Familien via Hamburg abgereist. Demnächst geht neuerdings ein Transport von mehreren hundert Familien, zumeist Handwerkern dahin ab. Frankreich. Paris, 21. Mai. (Privatmitth.) So ist dennoch die antisemitische Strömung auch nach Frankreich gelangt, und obschon sie hier in dem vielbewegten und rastlos sich wandelnden öffentlichen Leben nicht lange ihre Wellen aufwerfen wird, so könnte sie doch einen Niederschlag in den Gemüthern zurücklassen, der bei Gelegenheit wieder aufgerührt würde. Die schreienden Journalisten und die Duelle haben dem Herrn Drumont und seinem Buche La France juive eine größere Aufmerksamkeit zugezogen, als sie beide verdienen. Das Unangenehme hierbei ist, daß dadurch die schon völlig vergessenen Antisemiten zu neuen Anstrengungen ermuntert wurden. Sie legten ein dickes Buch 1>a Mission des Juifs par Saint-Yves neu auf, das bei seinem ersten Erscheinen völlig unbeachtet blieb. Ein Missionär Abbe Joseph Lemann, ein getaufter Jude veröffentlicht: L’entröe des Israelites dans la societe frani’aise et les etats clirotiens1-; ebenfalls ein dicker Band gegen die Emanzipation der Juden und gegen die französische Revolution, die er eine „Diebin" nennt- Zwei Vorlesungen wurden an einem und demselben Tage gehalten, die eine von einem Missionär Hirsch, die andere von einem Radikalen, die eine des Morgens, die andere des Abends an einem und demselben Orte. So verschieden die Gesichtspunkte der beiden Redner waren, so stimmten sie doch in ihrem Antisemitismus überein. In Marseille fand eine wenn auch nicht zahlreiche Versammlung von Communarden unter dem Vorsitze des berüchtigten Clovis Hugues am 4. Mai statt. Ein gewisser Camelinat sprach sich aufs Heftigste gegen die Juden aus. Unter den Anwesenden befand sich ein Israelit, und als dieser sich gegen die Jnvectiven erhob, wurde er — hinausgeworfen. — Man fragt sich, woher doch in Frankreich, wo Gesinnung und Sitte sich doch schon längst gegen alle antisemitischen Regungen entschieden haben, diese mit einem Male sich so fühlbar machen? Sie kommen ans derselben Quelle wie anderswo. Unter den 40000 Israeliten in Paris giebt es ein Dutzend sehr reicher Financiers, und es ist natürlich, daß diese einigen Einfluß üben; ebenso giebt es ein halbes Dutzend Publizisten, von denen einige in den Redaktionen großer Blätter sitzen. Das erregt Neid und Mißgunst, man träumt von einer Hegemonie dieser Leute und so wird es nicht allzu schwer, diese niedrigen Leidenschaften auf die Gesammtheit der Juden zu wenden, und die antisemitische Erregtheit ist da. Jndeß ist dies doch wohl nur eines der unzähligen Objekte, welche die Pariser auf einige Tage in Bewegung setzen, um von den nächsten wieder verdrängt zu werden. Rußland. Warschau, 15. Mai. Der „Polit. Corr." zufolge haben die in Salanow (nahe der Grenze) ansässigen österreichischen Juden seitens der russischen Behörden die Verständigung erhalten, daß sie sich auf eine demnächst zu gewärtigende Ausweisung bereit machen müßten, weil Salanow in dem 50 Werst breiten Grenzrayon liegt und innerhalb dieses Rayons fremden Juden der Aufenthalt gesetzlich verboten ist. Die mit Ausweisung bedrohten Juden wendeten sich an die österreichisch-ungarische Botschaft in Petersburg mit der Bitte um Verwendung, worauf ihnen der Bescheid zugekommen ist, daß das Verbot der Ansiedlung im Grenzrayon in Rußland zu Recht besteht, daher es gegen die eventuelle Ausweisung kein Rechtsmittel giebt. Gleichzeitig wurde ihnen jedoch bemerkt, daß die russischen Generalgouverneure befugt sind, in einzelnen speciellen Fällen Begünstigungen zu gewähren, welche jedoch nicht die Gestattung eines dauerhaften Aufenthaltes sondern nur die zur Abwicklung der Geschäfte erforderliche Fristerstreckung betreffen können. AuS der Krim, im Mai. Das Kaiserpaar, das gegenwärtig in Livadia residirt und in Sepastopol dem Stapel lausen eines Schiffes beiwohnte, machte einen Ausflug nach der alten Tartarenstadt Baktschiferai; von da aus besichtigte es auch die alte Karäerstadt Dschafut-Kale. Die hohen Gäste begaben sich auch in die Synagoge, wo eine Fürbitte für sie abgehaltcn wurde. Amerika. Cincinnati, 1. Mai. Unter diesem Datum erläßt das Comite der vorjährigen Rabbinerversammlung zu Pittsburg, 2S*