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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-01 · Heft 23 (1.6.1886) · p. Seite 361

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 23 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
Seite 361 (sequence 9)
Language
German
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M Vereins der Rosenthaler Vorstadt, in welcher ein Vortrag über Lessings Leben und Wirken gehalten werden sollte, und viele andere verboten wurden. Nach der „Kreuzzeitung" sprach jener Liebermann u. A. wie folgt: „Die liberale Partei ist an den Triumphwagen des Judenthums gespannt, wird aber wohl einmal davon loskommen. Eine Partei, die absolut antisemitisch sein müßte, ist die sozialdemokratische; ihr aber ist der Mund vernäht mit den goldenen Fäden einer Nähmaschine Singer'schen Systems. (Beifall und Heiterkeit.) Dieser Mund wird aber einst aüfgetrennt werden! (Lebhafter Beifall.) Wenn der Ruf erschallen wird: Das Vaterland ist in Gefahr! dann werden sich alle, die auf dem Boden des Antisemitismus stehen, zusammenfinden zu dem Kampf gegen den Feind der arischen Menschheit. Deutschland leidet an hochgradiger Herzverfettung. Ein Radikalmittel, eine Entfettungskur müßte vorgenommen werden. (Beifall und Heiterkeit.) Die Ursache der Herzverfettung ist das internationale kapitalistische Judenthum, das Mittel dagegen: die Unschädlichmachung des Capitals. Das Hinderniß hierfür aber ist der Parlamentarismus. Wenn Fürst Bismarck daran dächte, sich eine Majorität für diese Radikalkur zu bilden, so wäre es das schönste Blatt im Ruhmeskranz des Reichskanzlers. (Lebhafter Beifall.) Die Voss. Ztg. berichtet: Zur Ergänzung unserer kurzen Mittheilung über den letzten Vortrag des Herrn Liebermann von Sonnenberg entnehmen wir dem Berichte eines Ohrenzeugen, eines hiesigen Korrespondenten der „Köln. Volksztg." noch Folgendes: „Der Vortragende machte folgenden wunderbaren Vorschlag, um das deutsche Volk vor der Erdrückung durch den Kapitalismus zu retten. Er sagte, der Kaiser sei nicht verpflichtet, die Verfassung zu beschwören, sobald er zum Throne gelange; er könne eine Anzahl Vertrauensmänner aus allen Berufskreisen des Volkes berufen und von diesen eine neue Verfassung ausarbeiten lassen, die dann ohne weiteres gelten solle. In einem Reichstage, der auf Grund dieser Verfassung gewählt wäre, würde sicher kein Jude sitzen; mit dem Judenthum wäre es dann überhaupt „alle". Es war zwar sehr warm im Saale; aber als ich das hörte, traute ich doch meinen Ohren nicht. Der Redner hielt seinen Vorschlag allen Ernstes für so wichtig, daß er ihn sogar schriftlich niedergelegt hatte. Dieser sonderbare Schwärmer weiß nicht einmal, daß die Reichsverfassung überhaupt nicht beschworen wird, von keiner Seite, weder vom Kaiser noch von den Abgeordneten. Die Rede wurde natürlich von ununterbrochenem Beifall begleitet, selbst nach den einfältigsten Bemerkungen. Etliche Anwesende, die sich eine stille Kritik erlaubten oder nicht „germanischer Abstammung" waren, wurden in der üblichen Weise „hinausgeleitet". Es ist hohe Zeit, daß Herr von Sonnenberg endlich nach „ Neu-Germanien" auswandert. Ich höre, daß er in sechs Wochen wirklich abreisen wird." Selbstverständlich sind die Urtheile über diesen Vorgang verschieden. Die einen sehen darin eine Begünstigung des Antisemitismus seitens der maßgebenden Kreise, andere wollen es für ein Zeichen ausgeben, daß der Regierung der Antisemitismus ungefährlich erscheint. Die dritten meinen, die Juden, dienten hierbei wieder einmal als Prügelknaben oder Versuchsfeld. Gefährlich sind wohl allerdings die Reden des Herrn v. Sonnenberg nicht. Was Stöcker und Jstoczy nicht gelungen, wird diesem Helden auch nicht gelingen. Die Zeit ist zu ernst, große inhaltschwere Fragen bestürmen unsre Gegenwart — da können solche altersschwache, ja lächerliche Formen keinen Platz nachhaltig erlangen. — Hier in Berlin ist eine Börne-Feier nicht zu Stande gekommen, wohingegen in Wien und Prag solche glänzend ausgefallen. Berlin, 22. Mai. Die „Voss. Ztg." schreibt unter diesem Datum: Die Versammlungen der Christlich-Sozialen haben längst aufgehört, der Aufmerksamkeit gewürdigt zu werden; bisweilen kommt aber doch etwas vor, was als Anzeichen erwähnenswerth ist. So gestern, als Herr Stöcker in der Tonhalle vor seinen Anhängern sprach. Sein Thema bildete: „Die deutsche Jugend, die nationale Idee und das Judenthum". Was Herr Stöcker darüber zu sagen hatte, wissen wir Alle lange; aber als er geendet hatte, bestieg Herr Prof. Wagner die Tribüne und begann: „Meines Erachtens ist es nicht nothwendig, bei jeder Gelegenheit das Judenthum in die Debatte zu ziehen, und so hätte es auch aus dem heutigen Thema wegbleiben können. Wir in Deutschland müssen uns hüten, das Judenthum zu sehr zum Prügelknaben zu machen. Wo das Judenthum unberechtigt angegriffen wird, nehme ich es auch in Schutz." Von Herrn Wagner's Wohlwollen hat man sonst nicht viel gemerkt, aber es muß stark sein, wenn es ihn sogar in Widerspruch zu Hrn. Stöcker bringt. Zum Schutze der Versammlung war eine außergewöhnlich starke Polizeimacht aufgeboten worden. Der Tunnel der Tonhalle glich fast einer Wachstube, 14 Schutzleute waren versammelt, andere standen am Eingang zum Saale, während vor dem Hause ein Polizeiofficier mit einem Wachtmeister die Eintretenden musterten. Man befürchtete einen Anschlag der Socialdemokraten; aber es kam nicht dazu: Herr Stöcker scheint seine Wichtigkeit wieder einmal überschätzt zu haben. (Es ist immerhin erfreulich, wenn Prof. Wagner dem Antisemitismus den Rücken zu kehren beginnt.) Leipzig, 21. Mai. Hofprediger Stöcker hat mit seiner gegen die Freisprechung des von ihm beklagten Redakteurs Bommer in Siegen eingelegten Revision kein Glück gehabt. Der 4. Strafsenat des Reichsgerichts verwarf in seiner heuti- 23

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