Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 359 (sequence 7)
- Language
- German
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359 sehr wohlthätig und die Hauptstadt mit ihrer viermal so zahlreichen jüdischen Bevölkerung sollte der Provinzialstadt nicht nachstehen. Man darf nicht übersehen, daß das große Publikum noch immer in dem Gedanken befangen ist, daß jüdische Wissenschaft sich mit der Kenntniß der Ritualpraxis vollkommen decke, und daß unser ganzes Gemeindeleben gewinnen muß, wenn das Publikum darüber aufgeklärt wird. Bonn, 27. Mai. Etwas zu -er Racentheorie. Der feit mehreren Jahrzehnten allgemein gewordene Unterschied zwischen der arischen und semitischen Race beruht bekanntlich ganz allein auf einem philologischen Grunde. Weil sich unter den aus Asien stammenden Sprachen einige Verschiedenheiten vorfinden, so daß man sie in zwei Sprachfamilien, in die arische und die semitische trennt, obschon man wiederum die Behauptung nicht verneinen kann, daß beide aus einer Ursprache entsprungen sind, will man die Völker diesen beiden Sprachfamilien zufolge in zwei Racen theilen, denen man hinterdrein mannigfaltige Verschiedenheiten zuschreibt. Aber Geschichte und Ethnographie widersprechen dieser Unterscheidung als Racen. Die geschichtliche Entwickelung hat sowohl unter den arischen als semitischen Völkern die mannigfaltigste Verschiedenheit unter den Völkern einer und derselben Race und wiederum Annäherung und Verwandtschaft unter den Völkern beider Racen miteinander hervorgebracht. Stellt doch schon die Religion einen mächtigen Unterschied auf zwischen den christlichen, den mvhamedanischen und buddhistischen Nationen, ohne im Geringsten die vermeintliche Racenabstammnng zu berücksichtigen. Wir haben dies seit ebenso vielen Jahrzehnten geltend gemacht, doch erfolglos. Jetzt ist es die Ethnographie und Anthropologie, welche ihren Widerspruch gegen jene blos philologische Voraussetzung zu erheben beginnt. Diese Wissenschaft wird sich wohl mehr Gehör verschaffen, als die bescheidene und so gern überhörte Stimme der Geschichte. Hatte sie doch die Racentheorie ganz anders aufgestellt und Arier und Semiten vereinigt in die kaukasische Race, bis jene philologische Ansicht erscholl und zum Losungswort der Racentheorie wurde. Der ausgezeichnete Ethnograph und Anthropolog Paul Mantegazza, Professor an der Universität zu Florenz und Direktor des dortigen ethnographischen und anthropologischen Museums, hat eine Reise durch Indien gemacht und beschreibt diese in einem „Indien" betitelten Werke, das von H. Meister ins Deutsche übersetzt worden (Jena, Costenoble, 1885). Die Hauptaufgabe, die er sich gestellt, bildeten ethnographische Untersuchungen, wozu das Gewimmel von Nationalitäten und Stämmen, die das von 250 Millionen Menschen bewohnte Indien enthält, reiche Gelegenheit bot. Er sagt (S. 123): „Alle Ethnologen rechnen die Tuda zur dravidischen Race, aber ich wiederhole das, was ich schon an anderer Stelle gesagt habe, daß es nämlich nothwendig ist, den Begriff dravidische Race zu zerstören. Es existiren dravidische Sprachen, aber nicht Racen, und das philologische Kriterium bei der Klassifizirung der Menschen angewendet, hat zu den ernstesten Jrrthümern geführt. Dravidische Sprachen sprechen die Tuda mit semitischem Typus, die Kota, die so sehr Arier sind wie der schönste Europäer, die athletischen Kulis von Madras und die Malafriden (Malayen ähnlich) von Malabar. Müssen wir darum sagen, daß Menschen, deren Schädelbildung, deren Physiognomie, deren ganzer, anatomischer Charakter so verschieden ist, zu einer einzigen Race gehören? Dann müßte'man mit demselben Rechte behaupten, daß alle Menschen auf der Erde zu einer einzigen Race gehören und nur eine Spielart des Homo sapiens Sinnes sind. Es mag sehr kühn und gewagt erscheinen, aber für mich existiren die Draviden als unterschiedene und deutlich erkennbare Race ebenso wenig wie die Semiten und Ärier, und es wäre wohl an der Ieii, diese Unterscheidung, die aus einem durch die philologische Taufe geheiligten Irrthnm beruht und sich mit der ganzen Kraft einer nnbestreitdaren und unwiderruflichen Tradition der Anthropologie und Ethnologie aufdrängt, endlich zu beseitigen. —" Mantegazza liefert uns aber auch noch ein bestimmtes faktisches Beispiel. Er berichtet ausführlich über die Parsen, diese Abkömmlinge der alten Perser, die also zu den Ariern gerechnet werden müssen. Diese wurden aus ihrem Vaterlande vertrieben, das sie ihrer Religion wegen verlassen mußten. Im Laufe ihrer Geschichte wurden sie wiederholt verfolgt, verjagt, zerstreut. Sie sind Feueranbeter mit vielen sonderbaren Gebräuchen, Bekenner der Lehre des Zoroaster, also Heiden, doch ohne Menschen- und Thieropfer. In Vorderindien werden ihrer ungefähr 170,000 gezählt, von welchen ca. 130,000 in Bombay ansässig sind. Trotz dieser geringen Anzahl besitzen sie doch viel Ansehen, da sie durch ihre Thätigkeit und Geschäftsgewandtheit Reichthümer erworben haben. Sie sind vorzugsweise Handelsleute, Bankiers, Beamte, auch bilden sie ein starkes Contingent für die Schauspielgesellschaften. Unser Verf. sagt nun von ihnen: „Sie sind weiß, bleich und zeigen zwei Typen, einen, den ich die Uebertreibung des jüdischen Typus nennen möchte, den zweiten, der fett, rund und wohlwollend aussieht. Ihre Frauen erinnern noch stärker an die schöne Physiognomie unserer schönsten Jüdinnen mit kohlschwarzen, großen, schmachtenden Augen, gebogener Nase, sinnreichen Lippen, Perlenzähnen. Nicht nur in ihrer Physiognomie gleichen die Parsen unseren Israeliten. DieAehnlichkeit ihrer Geschichte hat sie auch in ihrem Charakter einander genähert." (S. 62.) — Wir haben