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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-01 · Heft 23 (1.6.1886) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 23 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
Seite 358 (sequence 6)
Language
German
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358 jede Anstalt als erwünscht, daß die Schüler den Religionsunterricht genießen, wenn auch die gesetzlichen Bedingungen für die Uebernahme desselben in staatliche Obsorge nicht gegeben sind, d. h. die Anzahl der Schüler der betreffenden Schule nicht 20 erreicht. So bestimmt ein Erlaß des seinerzeitigen clericalen Ministers Grafen Thun, Sorge zu tragen, daß die israelitischen Schüler in einem solchen Falle Unterricht in Religion erhalten und daß die Anstaltsleitung nach Thunlichkeit derartige Schüler an solche Anstalten weisen soll, wo öffentlicher Unterricht ertheilt wird. In meiner Praxis ist sogar ein Fall vorgekommen, daß ein einziger Schüler das slavische Gymnasium besuchte; der Direktor wies ihn dem deutschen Gymnasium zu und lies der Note völlige Gleichberechtigung mit den anderen Zeugnißarten, obwohl nach dem Gesetze ein Unterricht in einem obligaten Fache nur in der Unterrichtssprache erfolgen darf. Auch sonst ist hier zu Lande die Praxis üblich, daß, wo in der Schule selbst kein israelitischer Religionsunterricht ertheilt wird, das Zeugniß des zuständigen Religionslehrers als giltig angesehen wird. Schließlich steht über diesen Umstand dem Lehrkörper die Entscheidung zu. Es war also nicht nöthig, daß der Minister das Gymnasium vor großer Gefahr schützte, daß ein altkatholischer Schüler infolge der Religionsnote Vorzugsschüler geworden wäre, was ihm ohne diese nicht zukäme, eine weitere Gefahr entstand der Schule daraus nicht. Facit: Wenn also der Minister, um den Klerikalen, speciell dem Bischof von Leitmeritz, dem die altkatholische Bewegung viel Kummer macht, sich gefällig zu erweisen, das Gesetz zu Gunsten der ultramontanen Wünsche interpretirt hat, wer birgt uns dafür, daß er nicht eines schönen Tages die jüdischen Religionslehrer aus den Anstalten hinausinterpretirt, wo nicht 20 Schüler vorhanden sind? Eine verunglückte Stimme hat sich zu unseren Gunsten erhoben. Der Abgeordnete Dr. Bloch hat in seiner Eigenschaft als Vertreter des Judenthums seinen Protest gegenüber den Verdächtigungen des Abgeordneten Türk ausgesprochen. Darin widerlegt er zunächst die von letzteren angeführte Thatsache, daß 77 jüdische Docenten an der Universität seien. Leider wurde ihm das Wort entzogen und der stenographische Bericht constatirt in sehr unhöflicher Weise „lebhaftes Geächter" am Schluffe seiner Rede. Allerdings scheint man bemüht gewesen zu sein, eine Antisemitendebatte nicht zuzulassen, denn sonst pflegt man es bei der Budgetdebatte mit dem „zur Sache" Reden nicht so genau zu nehmen, obwohl es sich nicht leugnen läßt, daß die Ausführung des Dr. Bloch mit dem Titel „Stiftungen und Beiträge" in einem kaum auffindbaren Zusammenhänge standen, doch ist es immerhin mit Dank zu begrüßen, daß ein Vertreter des Judenthums im Reichsrathe es für seine Pflicht erachtete, für die Interessen seiner Glaubensgenossen einzutreten. Merkwürdig ist auch, daß Herr Dr. Bloch an der juristischen Facultät nur einen jüdischen Vertreter zählt, während meines Wissens deren zwei dort sind, nämlich Professor Grünhut für Wechselrecht und Professor Jellinek für Staatsrecht. Es ist wohl demnach nur ein Versehen von seiner Seite gewesen, wenn er bloß einen angiebt, da doch kaum anzunehmen ist, daß einer der Herren aus dem Judenthum ausgetreten wäre, zumal Professor Grünhut seiner Zeit Mitglied des Vorstandes der Wiener Cultusgemeinde war, und Professor Jellinek Sohn des Predigers Dr. Jellinek ist. Freilich hätte die Budgetdebatte gerade auch bei diesem Titel Anlaß geboten, über die Stellung des Judenthums zu sprechen. Man konnte beispielsweise erwähnen, daß, trotzdem die katholische Kirche reich fundirt ist, ihre Theologie-Kandidaten auf Staatskosten ausgebildet werden, so daß nach amtlichen Berichten die Kosten eines Zöglings in den Diöcesanseminarien sich von 190—310 fl. belaufen, während die Regierung trotz mancherlei Anläufen es nicht dahin gebracht hat, daß eine staatlich anerkannte, jüdisch - theologische Facultät in Oesterreich errichtet werde. Die Stellung der Deutschnationalen zu den Juden scheint sich immer mehr zu verschärfen. Der Wiener Gemeinderath zählt nun auch eine Reihe von Antisemiten zu seinen Mitgliedern , außerdem haben andere Candidaten bedeutende Minoritäten erzielt. Von Interesse wird es ferner sein, zu erfahren, daß einzelne deutsche Städte, wie Eger und Linz, sich geweigert haben, an den Massenzügen zum Besuch des deutschen Theaters in Prag sich zu betheiligen, weil dessen Director ein Jude sei. Daneben hört man oft von einzelnen Mißtrauenskundgebungen gegen den deutschen Schulverein, weil dessen Centralleitung sich geweigert hat, die Statuten jener Ortsgruppen zu bestätigen, welche grundsätzlich die Juden ausgeschlossen wissen wollen. Erhebend wirkte die von allen Seiten gemeldete Theilnahme an der Zunz-Feier, welche wie die Mendelssohn-Feier doch dazu beiträgt, das schlummernde Selbstgefühl der Juden zu wecken. Der Verein Beth-Hamidrasch in Wien hatte einen Vortrag für den vierten April angekündigt. So lobenswerth die Sache an und für sich ist, können wir uns doch nicht der Mißbilligung des Umstandes entschlagen, daß derartige Vorträge in den beschränkten Räumen des Beth-hamidrasch, welches kaum 100 Personen zu fassen vermag, abgehalten worden, und daß dieselben nur in der „Neuzeit" und nicht in den politischen Tagesblättern angekündigt werden. Derartige Vorträge find doch nicht zur Belehrung von Fachmännern, sondern zur anregenden Wirkung auf das große Publikum bestimmt, deshalb ist es nöthig, daß die Möglichkeit geboten werde, daß ein größeres Publikum davon Kenntniß erhalte, welches nicht zu den Lesern der „Neuzeit" gehört. In diesem Sinne wirkt der Verein Afike-Jehuda in Prag +

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