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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-01 · Heft 23 (1.6.1886) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 23 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
Seite 357 (sequence 5)
Language
German
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357 Verhältnisse an Gymnasien betrifft, so ist eine weitere Thatsache, daß ein Jude selbst als Hilfslehrer nicht geduldet wird. Ich weiß sogar einen Fall, wo ein Landesschulinspector die Verwendung eines jüdischen Religionslehrers, der für Geschichte lehrbefähigt war, zur gelegentlichen Verwendung im letzteren Fache untersagte und dieser Landesschulinspector wurde zu den Liberalen gerechnet und von der gegnerischen Seite aufs heftigste angefeindet. Was nun die Universitäten betrifft, so ist es wohl richtig, daß dort die Verhältnisse etwas günstiger sind, indem im akademischen Lehramte doch die Individualität sich mehr zur Geltung bringen kann, als das bei der streng und genau vorgezeichneten Wirksamkeit des Schulamtes der Fall ist. Trotzdem ist die Zahl 77, welche Herr Türk als Anzahl der jüdischen Professoren an der Wiener Universität anzugeben beliebte, sicherlich eine arge Uebertreibung, es sei denn, daß er die Privatdocenten und die getauften Professoren mitzählt. Meines Wissens hat die juristische Fakultät nur einen ordentlichen und zwei außerordentliche Professoren, welche Juden sind, die medicinische zwei ordentliche — die Zahl der außerordentlichen ist mir nicht genau bekannt — die philosophische hat vier ordentliche und keinen außerordentlichen. Uebrigens ist man betreffs des einen oder des anderen Professors von jüdischer Abstammung nicht ganz im Klaren, ob er noch heute Jude ist. Wir sehen also, wie wenig genau cs die Herren Antisemiten mit der Wahrheit nehmen, sonst hätte ihr Generalredner auch nicht sagen können, daß man die Juden wegen ihres Judenthums bevorzuge. Wenn nun Herr Wundarzt Türk sich darüber wundert, daß die jüdischen Aerzte lieber in den Städten bleiben, als auf das flache Land zu gehen, so kann ich ihm zur Erklärung zunächst damit aufwarten, daß alle Männer von gelehrtem Berufe es vorziehen, an einem Orte zu bleiben, der ihrer Fortbildung förderlicher ist. Ich kann ihm ferner sagen, daß trotz des vielfach beklagten Mangels an Aerzten auf dem flachen Lande diese dort ihren Unterhalt nicht fänden, wenn sie nicht als Gemeinde-, Guts-, Bezirks- oder Fabrikärzte ein anständiges Fixum haben. Nun kann der Jude eine solche Stelle schwer oder gar nicht erlangen. Es ist daher natürlich, daß er einen Ort nicht zu seinem Aufenthalte wählt, wo ihn die Praxis nicht ernährt. Uebrigens haben uns die Herren Antisemiten doch die Ehre angethan, zu gestehen, daß es Leute giebt, die noch ärger sind als die Juden, nämlich die katholischen Christen. Das meinte nämlich Herr von Schönerer, als von dem Unfug die Rede war, welchen die kirchliche Volksliteratur in sittlicher Beziehung sich erlaubt. Die katholischen Priester scheinen überhaupt nicht nach dem Geschmacke der Herren Antisemiten, denn diese sind, wie der Fall Brimanus zeigt, gegen jüdische Neophyten keineswegs intolerant und selbst der kirchlichste unter den österreichischen Kirchenfursten, der verstorbene Bischof von Linz, Rüdiger, hat an sein Krankenbett den getauften Juden Professor Dittel aus Wien berufen, obwohl dieser zu den 77 Professoren Türks unzweifelhaft gehört. Endlich mag Herr Türk den jüdischen Doctoren der Medicin es im Grunde gönnen, in Wien zu leben» denn ein Wundarzt fände ja dort sicherlich keine Beschäftigung. Ein wenig müssen wir uns auch mit der Altkatholiken- Frage beschäftigen, welche von einem Prager Professor Bendel im Abgeordnetenhause zur Sprache gebracht wurde, obwohl uns die Sache eigentlich fern liegt. Die Beschwerde der Altkatholiken, durch einen Mann vorgebracht, dessen sociale Stellung schon unseren Glaubensgenossen ein zarter Wink sein könnte, weniger delikat zu sein, wenn es sich darum handelt, religiöse und sociale Fragen einer religiösen Genossenschaft öffentlich zur Sprache zu bringen, umfaßt zwei Punkte, zunächst das Verbot der Bildung eines altkatholischen Vereines, dem auch Nichtkatholiken als Mitglieder angehören dürfen und zweitens die Weigerung des Ministers, an drei nordböhmischen Gymnasien altkatholitschen Religionsunterricht ertheilen zu lassen. Die erste Entscheidung wurde durch die Thatsache motivirt, daß ein religiöser Verein, dem Angehörige einer anderen Confession beitreten dürfen, aufhöre, ein religiöser Verein zu sein. Vom juristischen Standpunkte mag der Minister Recht haben, doch fragen wir, hat man etwa dem Wiener Dombau-Verein verboten, Nichtkatholiken unter seine Mitglieder aufzunehmen, würde man etwa der katholischen Kirche das Recht wehren, für Missionszwecke von Nichtkatholiken Beiträge entgegenzunehmen? Endlich bestehen schon Altkatholiken-Vereine mit ähnlichen Statuten, ohne daß ihnen die Bestätigung verweigert worden wäre. Wir sehen also, es kam der Regierung nur darauf an, den Clericalen einen Gefallen zu erweisen, indem sie die Altkatholiken an die Wand drückt. Scheint es doch sonst nicht in Oesterreich verboten zu sein, daß eine Religions-Gesellschaft unter Andersgläubigen Propaganda zu machen sucht, wenigstens hat man nicht gehört» daß dem Krakauer Jesuiten Pater Eberhard irgend ein Hinderniß in den Weg gelegt worden wäre, als er es unternahm, Rachel Stieglitz vor ihren Eltern zu verbergen, um sie der alleinseligmachenden Kirche zuzusühren. Die zweite Angelegenheit der Altkatholiken interessirt uns schon näher. Der altkatholische Pfarrer von Warnsdorf, Nittel, hat an den Landesschulrath von Böhmen das Ansuchen gestellt, daß man ihm gestatte, den Unterricht an die altkatholischen Schüler des Gymnasiums in Böhmisch-Leipa zu ertheilen. Man hat ihn abgewiesen mit der Begründung, daß die Zahl der Schüler eine zu geringe sei und daß der Unterricht dort nur gelegentlich ertheilt werden könnte, demnach die Note aus diesem Gegenstände nicht denselben Werth beanspruchen dürfe, wie die anderen. Bisher galt es für

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