Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 356 (sequence 4)
- Language
- German
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356 und Strafverlangen hervorrief, und daß die Verheirathung mit Canaanitcrinnen dem Volke durchaus fern lag, denn sonst hätte die Versorgung der übrig gebliebenen Benjamiten mit Weibern nicht so viele Sorge und Mühe machen können. Wenn IS, 18. erweist, daß es nur ein Heiligthum in Israel gegeben, so geben uns B. 26—29 den Beweis, wie fest der mosaische Cultns im Volke gewurzelt: wir haben hier Hoherpriester, Bundeslade, Opfer, Offenbarung und in Ausdrücken, welche die Gewohnheit aller dieser Gebräuche bezeichnet.>) Gewiß wird der, welcher die obige ausführliche Beweisführung durchlieft und prüft, erstaunt sein, wie Jemand behaupten könne, daß das Buch der Richter die Nichtexistenz des Pentateuchs erweise — während das ganze Buch an den zahlreichsten Stellen sowohl inhaltlich als wörtlich sich an das mosaische Gesetz und an den Pentateuch, wie er uns noch heute vorliegt, anlehnt. Selbst diejenigen Geschehnisse, welche gegen das Gesetz liefen, werden überall als Abfall und Sünde bezeichnet, setzen also das Gesetz und dessen Kenntniß seitens des Volkes voraus, und mitten durch sie zieht sich wie ein rother Faden die Beziehung auf das Gesetz hindurch. Der mosaische Cultns endlich besteht als Nationalheiligthum, so sehr es auch noch im Geiste jener Zeit und in der Verwilderung jenes Volkes lag, namentlich auch in der Zersplitterung des Ganzen in Stämme, daß neben jenem Altäre errichtet wurden und zu Zeiten das Heidenthum tief in das Volk eindrang. Man kann es allerdings nur theils als wissenschaftliche Leichtfertigkeit, theils als Splitterrichterei ansehen, wenn die Hyperkritiker einzelnen Erscheinungen den Charakter des Allgemeinen geben und daraus Gründe für ihre Feindseligkeit gegen den Pentateuch ziehen. (Schluß folgt.) Brünn, 14. Mai 1886. Politische Driefe aus Oesterreich. Von vr. G. Deutsch. Die Herren Antisemiten sind sehr rührig. So jung und so gescheit, wäre man versucht auszurufen. Der Herr Wundarzt Türk hat die Budgetdebatte als Generalredner benützt, um gegen die Bevorzugung der Juden auf wissenschaftlichem Gebiete zu Felde zu ziehen. In seiner Rede kam wörtlich der Satz vor: „Man soll doch die Juden bei gleichen Quali- I) 19, 29—24 wörtlich mit 1. Mos. 19, 4—8. 20, 6. Nvt wy i’N-U'in n^ri ganz pentateuchische Redensart, V. 13. njn mya: 'i’f'W'D V. 23. knüpft das Buch der Richter unmittelbar an 4. M. 25, 13. B- 48. conform mit 5. Mos. 13, IG. 17. 21, 17. in klarer Verbindung mit geistiger Auslegung von 5. Mos. 25, 8. V. 19 ff. zeigt uns ein Nationalfest in Siloh beim Heiligthum, welches offenbar das Peßach ist. täten nicht den Christen gegenüber bevorzugen." Die Sache hört sich geradezu komisch an und verdient es, näher beleuchtet zu werden. Es ist Thatsache, daß in allen öffentlichen Aemtern der Jude im besten Falle nur tolerirt wird. Was das juristische Fach betrifft, so giebt es fast gar keine Berwaltungsbeamten und die wenigen, welche in dem Ministerium sitzen, verdanken ihr Amt wohl nur der Geschicklichkeit ihrer Feder, da sie — derartige Beziehungen sind ja immer etwas dunkel — wohl ausschließlich nur im Preßbureau Verwendung finden. Ein jüdischer Bezirkshauptmann ist etwas unerhörtes. Im Richteramte ist es Thatsache, daß kein Jude es zum Bezirksrichter bringen kann und selbst die Adjuncte werden immer seltener, zumal sie, wenn sie einmal präteriirt, viele Jahre als Auscultanten mit einem kargen Adjutum von 4—600 Gulden gesessen sind, plötzlich von der Wahrheit der christlichen Glaubenslehren überzeugt werden. Thatsache ist, daß der gewesene liberale Justizminister Baron Streit als Oberlandesgerichtspräsident von Mähren jüdischen Richteramtspracticanten rundweg erklärt hat, er könne sie nicht anstellen. Was nun erst das Schulamt betrifft, so ist klar, daß in den letzten Jahren ein Jude es nicht einmal zum Unterlehrer an der Volksschule bringen konnte, es ist ferner Thatsache, daß die Lehrerbildungsanstalten von Jude» gar nicht mehr frequentirt werden, denn der Direktor erklärt demjenigen, der sich zur Aufnahmeprüfung meldet, rundweg, es ist Schade für das Studiren, eine Stelle bekommen sie nicht. Folgende Geschichte habe ich aus dem Munde eines Landesschulinspectors. Sie soll mit den Worten des Erzählers wiedergegeben werden: „Ich habe mich bemüht, eine jüdische Unterlehrerin unterzubringen, dieselbe besaß vorzügliche Zeugnisse und war von ihren Lehrern bestens empfohlen. Der Bezirksschulrath hat sich aufs heftigste dagegen gesträubt, und obwohl von meiner und eines Collegen Seite alles Mögliche geschah, hat der Bezirksschulrath seine Weigerung durchgesetzt und die Stelle lieber unbesetzt gelassen, ehe er sie einer Jüdin verlieh. Ich selbst habe mancherlei unangenehme Eigenschaften bei Juden entdeckt, aber gerade im Lehrstande konnte ich nie über das Verhalten derselben klagen. Selbst die Gemeinden, die sich gegen ihre jüdischen Lehrer sträubten, haben mir noch nie eine wirklich berücksichtigenswerthe Thatsache gemeldet. Einmal kam ein Baron, in dessen Gntsbezirk ein jüdischer Lehrer angestellt war, sich über denselben zu beschweren. Ich fragte: .Haben Sie etwas gegen dessen Pädagogische Fertigkeiten einzuwenden?' .Nein!' .Hat er sich gegen die religiösen Gefühle der Kinder irgend eine Verletzung zu Schulden kommen lassen?' .Nein!' .Erregt sein gesellschaftliches Betragen Anstoß? ,Nein, aber ein Jude an der Schule, das geht nicht!' Soweit eine gewiß unparteische und autoritative Persönlichkeit. Was nun die