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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-25 · Heft 22 (25.5.1886) · p. Seite 350

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 22 (25.5.1886)
Date
1886-05-25
Page
Seite 350 (sequence 14)
Language
German
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850 ein griechischer Heide zu sein; er hat mit der griechischen Muse niemals mehr als sehr vorübergehende Verbindungen gehabt, und die wenigen klassischen Verse, die er verfaßt hat, gleichen jenen Findelkindern, an welchen -er im Harze „die niedlichen kleinen illegitimen Gesichter" bewunderte. Das Eigenthümliche der semitischen Dichter ist es, eine brennende Sensualität mit vieler Phantasie und vielem gesunden Menschenverstand zu vereinigen und mit der Uebertreibung, mit der Verwirrung der Bilder die Kunst zu verbinden, sehr einfach recht raffinirte Empfindungen auszudrücken. Aber cs war die Bibel, mehr als jedes andere Buch, welche das dichterische Genie Heines eingenommen hat, indem sie ihm Form und Farbe gab. Ein glänzendes Licht und sonnige Landschaften, welche plötzlich der Tod mit seinem Schatten schwärzte, Freuden um so entzückender, je mehr man sie flüchtig, hinfällig und unruhig fühlt, die Sinne Herren der Vernunft und gestört in ihre» Genüssen durch trübe Ahnungen, harte Herzen, in welchen unvorhergesehen Mitgefühl und Mitleid aufleuchten wie eine Rose in der Spalte eines Granitfelsens blüht, der Geschmack am Symbol, eine erstaunliche Deutlichkeit im Traume, Augen des Visionärs, frühzeitig gewohnt, das unsichtbar Verborgene unter dem Schleier des Sichtbaren zu bemerken, überall gegenwärtig in dieser Welt der Geheimnisse und Räthsel, eine Weisheit, beflissen, ihre Grenzen zu entdecken, und ihren Ruhm darein setzend, ihre Eitelkeit zu kennzeichnen — das ist das alte Testament, das ist Heine und seine Poesie. „Ich bin zum Alten Testament zurückgekehrt", schrieb er 1830, „welch' großes Buch! Für mich ist bemerkenswerther als sein Inhalt seine Form, diese Sprache, die so zu sagen ein Erzeugniß der Natur ist wie ein Baum, wie eine Blume, wie das Meer, wie die Sterne, wie der Mensch selbst . . . ." Er fügte hinzu: „Das Wort bietet sich hier in einer heiligen Nacktheit, welche Schaudern erregt." Goethe, Schlegel hatten ihn sein Metier gelehrt; aber seine wahren Lehrer, seine wahren Begeisterer sind die glorreichen Unbekannten, welche Kohelet und die Sprüche, das Hohelied, das Buch Hiob und jenes Meisterwerk diskreter Ironie verfaßt haben, das den Titel führt: das Buch des Propheten Jonas. Derjenige, der sich eine deutsche Nachtigall, nistend in Voltaire's Perrücke nannte, war zugleich der wenigst evangelische Mensch und der wahrhaft biblische Poet unter den Modernen." Wir geben diese Ansichten eines geistreichen Kritikers hier wieder, obschon wir manches einzuwenden haben, um zu zeigen, wie man gegenwärtig diese Dinge anschaut. Allerdings ist es zur Sitte geworden, das Eigenthümliche eines einzelnen hervorragenden Juden gleich als Eigenschaft und Charakteristikum auf die Gesammtheit zu übertragen. In gleicher Weise, aber nach der schlimmen Seite, verfuhr ja jüngst Treitschke mit Heine und den Juden. Uebrigens bilden die oben angeführten Schriften doch nur einen geringen Theil des Alten Testaments, und es wäre wohl für den Genius Heine's besser gewesen, wenn er mehr aus den Psalmen, den Propheten und den Gesängen im Pentateuch gezogen hätte. Noch einmal ßaron Popper?) Herr Dr. Leimdörfer hat an dem, was ich über Herrn von Popper in Nr. 14 schrieb, Anstoß genommen. Daran mag wohl die stilistische Form meines Artikels Schuld tragen, beabsichtigt hatte ichs jedoch keineswegs, einem Todten Nebels nachzusagen. Die Geschichte, daß Herr von Popper auf den Rath eines chassidäischen Rabbi sich verpflichtete, den Sabbath zu halten und verbotene Speisen zu meiden, habe ich verschiedentlich aus sehr glaubwürdigem Munde gehört. Wenn ich von einem chassidäischen Rabbi spreche, so meine ich nicht gerade die ausgesprochen chassidäische Secte; wissen wir ja doch alle, daß selbst in nichtchassidäischen Kreisen orthodoxe Juden es krumm nehmen, wenn man an der Autorität der Kabbala zweifelt und ist ja selbst in Deutschland im Gebrauche der älteren Synagoge die Kabbalael ziemlich allgemein ein-, gedrungen. Ich erinnere an die Gebetformen beim Schofarblasen, an die Abbildung des siebenarmigen Leuchters, in dessen Armen der 67. Psalm ausgeschrieben ist, das sogenannte Täfelchen — 'mcy Es muß daher nicht gerade in polnischen Gegenden gewesen sein, als Herr von Popper in seiner Bedrängniß Hülfe suchte. Uebrigens habe ich mich nachher der Sache genauer erinnert. Es war ein großer Proceß mit der fürstlich Esterhazh'schen Gutsverwaltung, in welchen Herr von Popper verwickelt war, und da hat er bei dem Rabbiner von Lisk Hülfe gesucht. Wie Herr von Popper über Mischehen gedacht hat, weiß ich nicht zu sagen und will aus der Ehe seines Sohnes keine Folgerung für seinen eigenen Charakter ziehen. Unbestrittene Thatsache jedoch ist es, daß unter den jüdischen Finanzgrößen Wiens die Taufen der Töchter behufs Ehen mit Aristokraten und Anderen überhandnehmen.-) Uebrigens haben wir in Brünn dergleichen Fälle in verkleinertem Maßstabe auch aufzuweisen, und es scheint mir keineswegs gerathen, wenn die jüdische Journalistik derartiges verschweigt, statt den Kampf mit dieser edlen Ritterschaft aufzunehmen. Was Herrn von Popper betrifft, so denke ich an das bekannte Wort Voltaires: On doit des egards aux vivants, on ne doit aux moxts que la verite. 1) Selbstverständlich ist hiermit diese Angelegenheit für uns geschlossen. Redakt. 2) Herr I)r. Deutsch bespricht hier zwei jüngste Fälle aus Wien. Aber obgleich wir den Kampf „mit dieser edlen Ritterschaft" durchaus nicht scheuen, so halten wir es doch nicht für recht, private Familiensachen speziell vor das Forum der Oeffentlichkeit zu bringen. Die betreffenden „Ritter" sind doch nur in ihrem Kreise bekannt, und in diesem Kreise weiß man die traurige Haltung dieser Leute genugsam. Redakt.

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