Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1886)
- Date
- 1886-05-25
- Page
- Seite 348 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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848 war. Ausgeschlossen von der allgemeinen Gesellschaft, unter antijüdischen Vorurtheilen leidend, unter drückenden Gesetzen lebend, die besonders für sie gemacht worden, hätten sie sowohl in einem geistigen, wie in einem wirklichen Ghetto sich abzumühen. Sie wuchsen unter einander auf, sie lebten unter sich, meist in bitterer Armuth, sie hatten ihre eigenen jüdischen Schulen zu unterhalten, in denen nur der Talmud unterrichtet wurde — „der Talmud und der Talmud, sie wußten anders nicht," so lautet eine Strophe in einer von Chamisso's Balladen — und so kamen sie herüber in dieses freie Land, in die scharfe Atmosphäre amerikanischen Lebens. Ist es jetzt zu verwundern, daß es einiger Jahre bedarf, bis dieses arme Volk, das die aufrichtige Sympathie jedes humanen Israeliten verdient, mehr oder weniger amerikanisirt ist? Wir meinen amerikanisirt im besseren Sinne des Wortes. Wir haben eben gesagt, daß die Masse, abgesehen von ihrem hebräischen Wissen, als ungebildet bezeichnet werden muß. Doch existiren einige unter den polnischen Juden von Chicago, die höhere Schulen und Universitäten in Europa besuchten und welche allgemeine Cultur und wissenschaftliche Bildung in hohem Maße besitzen. Unter ihnen sind Aerzte von verdientem Rufe (Dr. Kadison, Dr. Finkelstein und Andere); es giebt Juristen, Ingenieure, Mathematiker u. s. w. unter ihnen, und so kann durch Thatsachen bewiesen werden, daß nicht jeder Jude, der vom östlichen Europa kommt, ein ignoranter Pollake ist. Von polnisch-hebräischen Gemeinden giebt es eine ganze Masse hier. Die vier hauptsächlichsten sind folgende: 1. Die Beth Hammidrasch haggadot, deren Rabbiner der gelehrte und fromme Rev. Jacob Gerson Lesser ist. 2. Die Beth Hammidrasch hechadasch, der gelehrte Rev. Dr. Eliezcr Anixter ist der Rabi dieser blühenden Gemeinde. 3. Die Ohabey Schalom-Gemeinde; ihr geistiger Berather und Führer ist der stets thätige Rev. Olperstein. 4. Die Ansche Russin; wir wissen nicht, wer an der Spitze dieser Gemeinde steht. Eine Menge kleinerer Gemeinden besteht, die auch ihre eigenen Rabbanim und Chasanim haben. Mehr als ein Chasan lebt hier, der wirklich vortrefflich die Gebete vorträgt und ausgezeichnete musikalische Bildung besitzt. Rev. Kleinewitz, Rev. Lantor re. sind sehr bewunderte Vorsänger unter unseren polnischen Glaubensgenossen. Bor einigen Monaten wurde eine hebräische literarische Gesellschaft unter dem Namen Chebrath Dorsche Safruth Haibritu gegründet, welche verspricht, ein wirksamer und wohlthätiger Verein unter seinen Landsleuten und Glaubensgenossen zu werden. Dieser Verein hat schon begonnen, eine Bibliothek zu sammeln (nicht nur von jüdischen Büchern, auch allgemeine Literatur hat einen Platz darin gefunden), er hat auch regelmäßige Abendklassen zum Unterricht in verschiedenen Zweigen eingerichtet und er wird sicherlich einen Geist der Selbstemanzipation in mancher Hinsicht Hervorbringen, — und solche Selbstemanzipation, wie alle anderen Arten der Selbsthülfe, ist viel productiver an guten und dauernden Resultaten, als Hilfe die von außerhalb kommt, selbst wenn diese noch so gut gemeint ist. Wir dürfen nicht vergessen zu erwähnen, daß unsere polnischen Juden Anerkennung und Würdigung verdienen für das, was sie für die Schulen für die armen Kinder thun. Es giebt hebräische Freischulen in dieser Stadt — wenn wir nicht irren zwei — die fast ausschließlich von den Polen selbst unterhalten werden, und diese Schulen sind von einer Menge Kinder besucht. Von einer dieser Schulen, von der „Montefiore Schule", haben wir jüngst gehört, daß sie finanziell in großer Bedrängniß ist und daß sie Hülfe und Unterstützung bedarf, soll sie in ihrem edlen Werk fortfahren. Kommt heran, Brüder, die ihr mit Wohlstand gesegnet seid, kommt herbei und unterstützt diese Schule durch Euren Beistand. Sie verdient ihn. Auch die ärmeren Klassen in unserer polnischen Colonic sollten unterstützt und in Stand gesetzt werden, auf eigenen Füßen zu stehen. Unsere llniteck Hebrew Relief Society, deren gutes Wirken völlig gewürdigt wird, hat nicht die Mittel zu Gebote, um ausreichende Hülfe zu bringen. Was soll denn nun geschehen? Und wie soll das Werk gethan werden, welches, so weit gebracht, unvollendet gelassen ist? Wir hoffen, daß einige der Leser über diese Fragen Nachdenken und uns einiges Licht über den Gegenstand geben werden, indem sie ihre gereiften Gedanken und Vorschläge veröffentlichen. Bonn, 16.Mai. (Notizen.) AusGroshaza(Ungarn) wird gemeldet, daß Dr. Joseph Rosenfeld, Sohn des Rabbiner Rosenfeld in Miskolcz, zum Rabbiner der dortigen israel. Gemeinde mit großer Majorität gewählt wurde. — Aus Tyruan wird geschrieben: Am 4. d. M. wurde der Israelit Leopold Altmann im Alter von 106 Jahren zu Grabe getragen. Derselbe erfreute sich bis zur letzten Stunde seines langen Lebens einer vollkommenen Gesundheit und ungetrübten Geistesfrische. An seiner Bahre standen seine einzige 81 Jahre alte Tochter, zahlreiche Enkel, Urenkel und ein 9 Jahre altes Ur-Urenkel. — Man schreibt uns aus Castrop vom 12. Mai. Vor einigen Tagen beging unser Lehrer und Cantor, H. Heymann, das Fest seiner 25jährigen Amtsthätigkeit am hiesigen Platze. Am Morgen des Tages erschienen die Vorstandsmitglieder, um ihre Gratulationen und die der Gemeinde abzustatten und gaben ihren Dank für des Jubilars treue Pflichterfüllung in einer gefühlvollen Ansprache Ausdruck. Gleichzeitig wurde demselben als Zeichen der Anerkennung ein silberner Pokal, nebst Geldgeschenk über-