Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1886)
- Date
- 1886-05-25
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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347 Bd. XI der „Gesetzgebung über Andersgläubige" von 1863, ist es ausdrücklich untersagt, „Juden" an diesen Tagen als Zeugen zu berufen. Um unseren heutigen Bericht mit Erfreulichem zu schließen, theile ich Ihnen mit, daß, dem „Woschod" zufolge, in der Anfangs April stattgehabten Sitzung der Plenar-Versammlung des dirigirenden Senats die Frage verhandelt wurde, ob solche Juden, die eine specielle Hochschule absolvirt haben, außer dem Domicilrechte, das sie genießen, auch das Betriebsrecht daselbst besitzen, mit 20 gegen 5 Stimmen zu Gunsten der letzteren entschieden worden ist. Moses Feiukind. Rumänien. Rustschuk, 9. Mai. Ueber die Ermordung eines Kaufmannes wird der Presse geschrieben: „Wie alljährlich an vielen Orten zum Osterfeste das Märchen verbreitet wird, die Juden bedürfen zu ihren Ostern des Blutes von Nichtjuden, so geschah es dieses Jahr auch hier in Rustschuk. Der Hergang war folgender: Ein reicher Kaufmann aus Trapezunt kam, wie alljährlich, im Monat April hier an, um mit seinen hiesigen und rumänischen Geschäftsfreunden Handelsangelegenheiten zu ordnen. Er verkehrte auch viel mit jüdischen Wechslern. Plötzlich verschwand dieser Kaufmann, alle Nachforschungen nach dem Verschollenen blieben erfolglos. Da lenkte sich der Verdacht auf einen persischen Hadschemar (Südfrüchtenhändler), mit welchem der verschwundene Kaufmann auch viel verkehrte und der ihm einen bedeutenden Geldbetrag schuldete. Der Hadschemar wurde verhaftet, allein er betheuerte, er wisse nicht, wo der Kaufmann hingekommen sei, heuchelte großen Schmerz, daß einer seiner besten Freunde verschwunden und wahrscheinlich von den Juden ermordet wurde, welche sich seines Geldes und seines Blutes bemächtigen wollten. Er that ganz entrüstet, daß man gewagt habe, ihn, den Unschuldigen, zu verhaften, und drohte, beim russischen Konsulate, unter dessen Schutz die hier wohnenden Perser stehen, über seine ungegründete Verhaftung Beschwerde zu führen. Da keine gravirenden Anzeigen gegen ihn Vorlagen, wurde er enthaftet. Am andern Tag fand man im Viertel der Spaniolen in der Nähe des Tempels einen Menschenkops und zwei Hände, welche zwei Körpertheile als die des verschwundenen Kaufmanns agnoscirt wurden. Es entstand eine ungeheure Aufregung, Bulgaren und Türken bezeichneten die Juden als die Mörder, da sie das Blut zu rituellem Zwecke gebrauchen. Es wäre gewiß zu Thätlichkeiten gekommen, wäre die Polizei nicht energisch eingeschritten. Aber anstatt die Juden zu verhaften, verhaftete sie abermals den verdächtigen, erst Tags zuvor aus der Haft entlassenen persischen Hadschemar. Diesmal wurde er einem strengem Verhöre unterzogen und er legte bald ein umfassendes Geständniß ab. Er habe den Kaufmann, so erzählte er, zu sich ins Haus geladen, um ihm die Schuld zu bezahlen, habe ihn dann mit Hilfe seines Schwiegersohnes ermordet, da sie vermutheten, er habe wenigstens 300 Lire bei sich, indessen fanden sie nur 96 Lire. Nach seiner Enthaftung habe er den Kopf und die Hände des Ermordeten in die Nähe des Tempels gelegt, um den Verdacht auf die Juden zu lenken. Der Körper befinde sich im Keller seines Hauses. Diese Angaben fanden volle Bestätigung. Bei der Hausdurchsuchung fand sich der halbverweste Rumpf im Keller vor. Die beiden Mörder sind verhaftet und wurde dem russischen Konsulate von der Verhaftung Anzeige gemacht. Auch dem Justizministerium in Sofia, sowie nach Konstantinopel, wurde diese Mordthal thelegraphisch angezeigt. Belgien. Brüssel, 12. Mai. (Privatmitth.) Herr Prof. Di-. Martin Philippson, von dem wir vor Kurzem berichteten, daß er einstimmig zum Mitgliede des israelitischen Consistoriums von Belgien erwählt worden, wurde in diesen Tagen von der königl. Akademie der Wissenschaften zum Mitgliede erwählt. Möge der verehrte Mann dieser beiden Würden in voller Kraft und Frische lange, lange Jahre sich erfreuen. Gewiß wird er mit seiner gewohnten Energie und Gewissenhaftigkeit den Pflichten beider Aemter obliegen! — Der Bürgermeister von Ostende will auf Kosten der Stadt eine Synagoge erbauen. Sache des Consistoriums wird es sein, für die gottesdienstlichen Einrichtungen zu sorgen. Amerika. Chicago, im April. Der „Occident" vom 16. April enthält folgenden Artikel über die polnischen und russischen Juden in Chicago. Die Zahl der Israeliten, welche von Rußland herübergekommen, hat sich seit wenigen Jahren in unserer Stadt sehr vermehrt. Nicht zu Dutzenden und nicht zu Hunderten kommen sie jetzt. Man sagt, daß jetzt mehrere Tausend von ihnen in Chicago leben. Obgleich sie meist arm sind, so befindet doch eine beträchtliche Anzahl unter ihnen, welche durch ihre bescheidenen Gewohnheiten, ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit ganz wohlhabend geworden sind und die in der Gesellschaft und in der Stadt eine ehrenvolle und geachtete Stellung einnehmen. Bon ihrer Mehrzahl kann man sagen, daß sie ungebildet (illiterate) sind; ungebildet in dem Sinne, in welchem dieses Wort gewöhnlich verstanden wird. In der Kenntniß des Hebräischen giebt es viele unter ihnen, welche den Talmud, Midrasch, Poskim und andere Theile der hebräischen Literatur ernstlich studirt und in ihrer besonderen Art und Methode sich zu eigen gemacht haben. Bon der Masse muß man sagen, daß die Erziehung, welche sie in ihrer Heimath erhielten, mindestens eine sehr einseitige