Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1886)
- Date
- 1886-05-25
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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346 Aufreizung zum Plündern der Juden unter starker militärischer Bewachung erschienen waren. Wie nun aus den Verhandlungen dieser Processe hervorgeht, war der Exeeß auf dem Volksbelustigungsplatze „Kulikowo Pole" entstanden, woselbst sich mehrere Leute daraus ein Vergnügen machten, Juden zu mißhandeln. Da ein Jude stark geschlagen wurde, so erschienen sofort Polizei und Kosaken, welche die Menge auseinanderzujagen begannen. Die angeheiterten Russen widersetzten sich der Polizei und setzten die Mißhandlung der Juden in Gegenwart der Kosaken fort, welche schließlich in die Menge Hineinritten und dieselbe vom Kampfplatze verjagten. Die in die Flucht getriebenen Feiertagsbummler zerstreuten sich gleichzeitig nach mehreren umliegenden Sraßen, und während sie unter dem Rufe: „Hurrah! Haut die Juden!" fast sämmtliche Fensterscheiben auch nichtjüdischer Häuser einschlugen, versuchten mehrere Haupträdelsführer, einige jüdische Tabakläden zu plündern, wobei sie jedoch noch rechtzeitig von den sie verfolgenden Kosaken und Militair-Patrouillen ergriffen wurden. Fast sämmtliche Angeklagten leugneten ihre Schuld ab und behaupteten, nur zufällig unter die Menge gerathen und irrthümlicherweise arretirt worden zu sein. Ungeachtet dessen wurden alle Angeklagten der ihnen zur Last gelegten Vergehen schuldig erkannt und zu je zwei Wochen bis drei Monaten Arrest verurtheilt. Ueber die so schnelle Verurtheilung der Unruhestifter herrscht allgemeine Befriedigung, und ist der Umstand besonders anerkennenswerth, daß der Stadtgouverneur unverzüglich nach Erhalt der Nachricht vom Ausbruch der Excesse sämmtliche Militärtruppen (mehr als 20,000 Mann) die Stadt besetzen ließ. Turek, 7. Mai. (Privatmitth.) Die neu erlassenen strengen Maßregeln gegen Aufenthalt und Betriebsthätigkeit unserer Glaubensgenossen in Petersburg bringen jeden Tag tief betrübende Neuigkeiten. Den neuen Kausleuten, sogar I. Gilde, wird jetzt nur mit großer Schwierigkeit das Recht ertheilt, einen Juden sich als Commis zu halten; noch größere Schwierigkeiten werden den Handwerkern gemacht; Handwerker werden einfach gar nicht mehr oder nur höchst selten von der Polizei bestätigt, und alte werden wieder von den Polizei-Agenten, die darüber zu wachen haben, daß die jüdischen Professionisten sich mit ihrem Fache befassen, auf das Fürchterlichste bedrängt und ausgesogen. Auch die sogenannten Winkeladvokaten, welche auf Grund von Commisscheinen hier wohnen, werden ausgewiesen, blos weil sie sich auch mit anderen Geschäften, als mit denen ihres Prinzipals befassen. Wie verlautet, wurden diese Advokaten beim dirigirenden Senat klagbar, und dieser hat zu ihren Gunsten entschieden, allein das half ihnen blutwenig. —! — Ueber die in einem Specialfalle bei dem dirigiren-. den Senat angeregte Frage, ob Kinder jüdischer ausgedienter | Soldaten, die nach den gesetzlichen Vorschriften vom 25. Juni; 1867 das Recht haben, nach Belieben sich anzusiedeln und in die Einwohnermatrikel ausgenommen wurden, wodurch ihnen gestattet ist, Grund und Boden außerhalb des jüdischen „Ansiedelungsrayons" zu erwerben, nach der Verordnung von 1874 ebenfalls dazu berechtigt sind, traf am 20. März (1. April) d. I. nach dem „Hamelitz" (Nr. 28) vom Senat die erfreuliche Entscheidung ein, daß der Grundbesitz ihnen ohne Bedingungen im Innern des russischen Reiches gestattet ist. — Wir haben heute abermals von einigen ehrenvollen Auszeichnungen unserer Glaubensgenossen zu melden. Unser rühmlichst bekannter Glaubensgenosse, Herr Du. A. Harkavy in Petersburg, ist unlängst von der orientalischen Gesellschaft „Syllogos" in Konstantinopel zu ihrem Ehrenmitglied erwählt worden. Herr Harkavy soll von der russischen Regierung mit einer wissenschaftlichen Mission nach dem Orient geschickt werden. — Der Petersburger junge, sehr talentvolle Bildhauer Leopold Bernstamm ist zum Direktor des „Musee Grevin" in Paris ernannt worden. — Auch der berühmte jüdisch-russische Bildhauer Markus Antokolsky ist zum Mitglied der „Kunstakademie" in Berlin gewählt worden. — Fräulein Bortniker (Jüdin) aus Odessa hat den diesjährigen größten akademischen Preis des „College de France", 12,000 Fr., für die Verdienste in der höheren mathematischen Wissenschaft erhalten. — Einem jüdischen Kaufmann Wolfs Luntz in Riga wurde die goldene Medaille mit dem Annenbande, und dem jüdischen Gymnasial - Religionslehrer und russischen Briefsteller A. I Pazirno in Plozk (Polen), wie mir mitgetheilt wird, die große silberne Medaille am Stanislausband mit der Inschrift: „Für Eifer" Allerhöchst verliehen. — Dem „Hajom" entnehmen wir, daß die Abbildungen des Kaisers und des Adlerwappens mit den Inschriften zu den neuen russischen Gold- und Silbermünzen, welche gegenwärtig geprägt werden, von unseren Glaubensgenossen Griliches (Vater und Sohn) gravirt sind, deren Arbeit als vortrefflich anerkannt wurde. Der Collegiensekrekär Griliches hat bereits von der Petersburger „Kunstakademie" den Titel Künstler I. Klasse in der sog. Medailleur-Abtheilung erhalten. — In Libau wurden 8 Juden als Stadtverordnete gewählt. — Ein jüngster Erlaß des Ministeriums der Volksaufklärung fordert von den Universitätsbehörden die genaue Angabe der Zahl der jüdischen Studirenden an den Universitäten, und welchen Procentsatz sie unter den Studenten ausmachen, und zwar mit besonderer Berücksichtigung der Facultäten. — Nach dem „Petersb. Listok" wurde von einigen Gerichtshöfen bestimmt, daß Juden als Zeugen an den Sabbathen und sonstigen Feiertagen berufen werden dürfen. Uns scheint es,! daß diese Bestimmung im Widerspruch mit dem Gesetze und den J Cirkularvorschriften stehe. Zufolge dieser Vorschriften vom > Jahre 1870 (Nr. 1040), von 1871 (Nr. 155) und von 1872 -(Nr. 1615), sowie der §§ 6 und 7 zum § 1061 Thl. I,