Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1886)
- Date
- 1886-05-25
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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345 den zu sein. Bekanntlich sehen die ansässigen Gewerbetreibenden in den Hausirern ihre Feinde. Die Leipziger Gewerbetreibenden machen hiervon keine Ausnahme und so gelangten von Leipziger Gewerbetreibenden an das Ministerium viele Klagen über die russischen Handelsjuden während der Messe. In diesen Tagen langte deshalb in Leipzig die Ordre an, alle derartigen Handelsleute auszuweisen, die den in Sachsen geltenden Anmeldevorschriften nicht genügt hätten. Die Polizei ließ sich dies nicht zwei Mal sagen und wies 20 derartige Handelsleute aus Leipzig aus. Kolberg, 9. Mai. (Privatmitth.) Im vorigen Jahre verstarb hier der Sanitätsrath vr. Hirschfeld, der sich um unsere Stadt und die daselbst aufblühenden Badeanstalten viele Verdienste erworben hatte. Man plante deshalb nach seinem vielbetrauerten Hinscheiden, ihm ein öffentliches Denkmal zu setzen, und es bildete sich zu diesem Zwecke ein Comitv. Die städtischen Behörden kamen diesem Plane bereitwilligst entgegen. Das Denkmal wird auf dem städtischen Grundstücke an der Promenade, in der Nähe beider Soolbade- Anstalten aufgestellt werden und nach seiner Vollendung in das Eigenthum der Stadtgemeinde übergehen. Dasselbe wird nach einer vom Herrn Stadtbaurath entworfenen Zeichnung sich in Form einer abgestumpften Pyramide aus theils polirtem, theils fein gestocktem Syenit auf einem Sockel bis zur Höhe von fast 4 Meter erheben und von Blumen- und Baumanlagen umgeben sein. Die Ausführung der schlanken und recht gefälligen Pyramide ist einem hiesigen Meister übergeben. Die Kosten sind von dem Comite durch freiwillige Sammlungen etwa bis zur Höhe von 2000 Mark aufgebracht; doch dürften immerhin noch einige Hundert Mark zur Deckung sämmtlicher Kosten fehlen. Hoffentlich wird es dem Comitö nicht schwer fallen, auch diese noch aufzubringen. Zeichnung, Plan und Anlage des Denkmals, sowie die Wahl des Orts für seine Aufstellung, berechtigen schon heute zu der Hoffnung, daß dasselbe nicht bloß die Verdienste eines unserer edelsten Mitbürger in würdiger, wenn auch schlichter Weise ehren, sondern auch den öffentlichen Anlagen unserer Strandstadt zur Zierde dienen wird. — Frau Salomea Ginsberg in Berlin hat am 30. April dem jüdischen Kurhospital in Kolberg ein Kapital von 3600 M. mit der Bestimmung überwiesen, daß aus seinen Zinserträgen in dieser Heilanstalt ein Kurbett für Kinder unter dem Namen „Bernhard und Salomea Ginsberg-Stiftung" für ewige Zeiten erhalten werde. Danzig, 11. Mai. Man wird sich erinnern, daß der Minister des Innern, Herr v. Puttkammer, in seiner Rede, mit welcher er die Ausweisungen zu rechtfertigen suchte, dem Abgeordneten Rickert gegenüber, der auf einen Fall hingewiesen, wo ein jüdischer Geschäftsmann, der seit Jahrzehnten sich und seine Familie ehrlich ernährte, durch die plötzliche Ausweisung ruinirt worden sei, ein besonderes Gewicht darauf legte, der Mann sei schon längst bankerott gewesen. Wirklich war die Anklage wegen „einfachen Bankerotts" gegen diesen Simon Gudec erhoben worden. Aber eine Anklage ist bekanntlich noch lange kein Schuldig. Heute ist derselbe vom Gerichte freigesprochen worden. Der unglückliche Mann war also nicht bankerott, sondern ward nur durch die Ausweisung zu Grunde gerichtet. Oesterreich-Ungarn. Brunn, 30. April. Landes-Kassendirektor Wallauschek beantragte in der heutigen Jahressitzung des hiesigen Deutschen Schulvereins eine Resolution, worin der Antisemitismus auf das entschiedenste verurtheilt wird. Nach einstimmiger Annahme dieser Resolution erklärte der Obmann vr. Promüer, dies beweise, daß in Brünn kein Boden für den Antisemitismus vorhanden sei und daß die deutsche Bevölkerung Brünns Jedem, der es wagen sollte, diese häßlichste Ausgeburt hieher zu verpflanzen, den Standpunkt klar machen werde. (Lebhafter Beifall.) Eine ähnliche Resolution faßte auch die von 250 Damen der angesehensten Familien Brünns besuchte Jahressitzung der hiesigen Mädchen-Ortsgruppe des Schulvereins. Frankreich. Paris, 12. Mai. Man schickt sich hier an, am 25. Mai den hundertjährigen Geburtstag des Componisten Fremont Halövy zu feiern. Vor einigen Tagen fand die 499. Aufführung der „Jüdin" statt. Die große Oper beabsichtigt nun, an dem hundertjährigen Geburtstage des Componisten die 500. Aufführung dieser seiner populärsten Oper zu bewerkstelligen und zugleich sein Andenken durch eine entsprechende Feier zu ehren. Bekanntlich war Halevy auch lange Zeit Mitglied des israelitischen Centralconsistoriums. Rußland. Odessa, 2. Mai. Wie bereits gemeldet wurde, hatten einige Strolche am Abend des zweiten Ostertages den Versuch gemacht, eine Judenhetze in großem Maßstabe zu insceniren, allein die Unruhen wurden durch energisches Einschreiten des alarmirten Militärs fast im Keime erstickt. Davon der tausendköpfigen Menge im Ganzen etwa 20 der Hauptanstifter der Excesse verhaftet wurden, so wurde mit denselben kurzer Prozeß gemacht, indem sie gruppenweise je nach dem Revier, in welchem sie ergriffen wurden, beim betreffenden Friedens richter zur Verantwortung gezogen wurden. Die Prozesse fanden, wie man der „N. Fr. Pr." schreibt, gestern und vorgestern bei den Richtern des neunten und fünften Reviers statt, vor welchen gegen fünfzehn Personen unter der Anklage der Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung, sowie der 22