Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 22 (25.5.1886)
- Date
- 1886-05-25
- Page
- Seite 341 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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341 der Phantasie freien Spielraum läßt und die Widerlegung gerade so wenig wie die Beweisführung zuläßt. Die erste dieser beiden Fictionen holt er sich allerdings noch von den genannten Kritikern, namentlich von Wellhausen. Sie besteht darin, daß der „Jehovist" im Zehnstämmereich, der „Elohist" in Jerusalem, im Reiche Juda gelebt und geschrieben haben. Da der Erstere ihm viel reicher an Geist und Gemüth, an Treue und Eifer für den „Jahve-Cultus" scheint, was auch durch die große Masse dessen, was ihm im Pentateuch und in den historischen Büchern zugeschrieben wird, erwiesen ist, so setzt dies natürlich voraus, daß das Zehnstämmereich die eigentliche Stätte des Jahve-Cultus und des Geistes desselben gewesen ist — was aller bisherigen Annahme schnurstracks zuwiderläuft. Was sind nun die wesentlichen Gründe für diese Behauptung? Nichts, als daß Juda gar wenig als Führer des ganzen Volkes Israel in der Schrift hervorgehoben werde, woraus folgen soll, daß der Hauptverfasser der Schriften im Norden, das heißt im Reiche Israel gelebt habe und von dem dort herrschenden Geiste erfüllt gewesen. Dies müssen wir aber bestreiten. Mag immerhin die Geschichte Josef's ausführlich erzählt sein, so verschwindet er doch mit seinem Tode ans der Geschichte, und Ephraim erhält erst nach der Trennung des Reiches eine Führcrrolle für die zehn Stämme. Diesem gegenüber vermag doch Juda, nur noch mit dem kleinen Benjamin verbunden, Stand und sein Reich anderthalb Jahrhunderte länger aufrecht zu halten. Als die Brüder vor Josef standen, war es Juda, der kühn und offen das Wort nahm, wie er auch vorher schon seinen Vater bestimmt hatte, Benjamin mitzugeben (1. Mos. 43, 8; 44, 14. 16.). In dem Segen Jakobs wird Juda dem Löwen, Josef dem Fruchtbaren verglichen, und von Juda gesagt, „nicht weichen wird das Zepter von Juda ff." Aehnlich im Segen Mosis. In der Zählung der Israeliten in der Wüste erreicht Juda die Zahl 76,500, während Ephraim nur 32,500 zählt. In dem Bürgerkriege gegen Benjamin ist Juda der erste Stamm, welcher zum Kampfe auszieht (Richter 20, 18). Nach dem Tode Saul's ist es Juda, das sich den eilf Stämmen gegenüber um David schaart, und welches Uebergewicht Juda während der Regierung David's und Salomon's hatte, braucht nur angedeutet zu werden. Man begreift deshalb nicht, wie man von einem Vorwiegen Ephraim's vor Juda in der Schrift sprechen kann. Um nun einigen Anhalt zu haben, behauptet Renan, daß durch die Propheten Elija und Elischa der jehovistische Geist im Reiche Israel erneuert und geltend gemacht, ja zur Herrschaft gebracht worden. Das istnun eben schon etwas Unbekanntes, was man vorschützen kann — aber hier haben wir schon den Ausspruch Elija's selbst zur Widerlegung. Zweimal sagt er vor Gott: „Geeifert habe ich für den Ewigen, den Gott der Heerschaaren, denn die Söhne Jsrael's haben Deinen Bund verlassen, Deine Altäre haben sie zerstört und Deine Propheten umgebracht mit dem Schwerte, und ich allein bin übrig geblieben, und sie trachten nach meinem Leben, es zu nehmen" (1. Kön. 19,10.14.). Was will man gegen ein solches klassisches Zeugniß einwenden? Ueberhaupt stellt die Schrift fest, daß mit der Gründung des Zehnstämmereiches die einfachste Politik den neuen Herrschern eingab, ihr Volk von dem Jahve-Cultus in Jerusalem und damit von der Herrschaft des Davidischen Hauses lvszureißen und dafür den Götzendienst einzuführen und heimisch zu machen. Man lese 1. Kön. 12, 26 ff., wo dies mit den klarsten Worten ausgesprochen wird. In dieser Absicht stellte er zwei goldene Kälber in Bethel und Dan auf, und (Vers 30) das Volk folgte ihm hierin. Auch „machte er Priester aus dem sämmtlichen Volke, die nicht von den Söhnen Levi's waren." Auch errichtete er Altäre auf den Höhen, und richtete selbst ein Fest ein, aber am fünfzehnten Tage des achten Monats, „im Monat, den er erdacht nach Gutdünken." Man braucht nun nur die ganze Geschichte des Zehnstämmereichs durchzulesen, um zu sehen, daß diese Politik bei allen Königen desselben und in allen Bezirken ihrer Herrschaft geltend blieb und zur Durchführung kam. Aber wir haben hierüber noch zwei klassische Zeugen, die Propheten Hosea und Amos, die aus dem Reiche Israel stammten. Es ist eigen, daß zu derselben Zeit, wo Renan seine Artikel schrieb, ein anderer Schriftforscher in Paris, I. Halevy, der doch auch der Kritik zugeneigt ist, eine Abhandlung schrieb, die das Gegentheil, wie Renan und seine Vorgänger behauptet, und zwar gestützt auf die zweifellosen Aussprüche des Propheten Hosea, der in nachdrücklichster Weise das Heidenthum, den Götzendienst geißelt, in welchen das ganze Volk des Zehnstämmereiches versunken war, dem er deshalb den nahen Untergang weissagt. Die Abhandlung: „Le temoignage d’Hosee sur la religion du royaume d’Israel“ befindet sich in der ersten Lieferung der Revue des etudes juives dieses Jahres und ist wohl schwerlich widerlegbar. i) Wir weisen aber mit demselben Nachdruck auch auf die Reden des Propheten Amos hin und unfern Commentar in unserm Bibelwerk.'-) Hiermit ist die ganze Fiction von der Pflege des jehovistischen Geistes im Zehnstämmereich, und daß daselbst der größte THKl des Pentateuchs und der historischen Schriften verfaßt worden, als völlig grundlos nachgewiesen. — Auch dies mag Renan instinctiv gefühlt haben, denn er nimmt noch zu einer andern Fiction seine Zuflucht, wo er aus einer unbekannten dunkeln Quelle mit 1) Außer den ersten Kapp, des Hosea lese man nach: 4, 12. 13. 15. 17. 5, 4. 6. 7. 10. 8, 5. 6. 11, 5. 6. 13, 1. 2. 4. 14, 3. 4. u. a. St. Wellhausen versucht einigen dieser Stellen durch Textveränderung einen andern Sinn zu geben. Halsvy weist nach, wie unglücklich diese Versuche sind, selbst ungrammatikalisch. 2) S. Amos 3, 14. 4, 4. 5. 5, 5. 2«. 7, 13. 8, 14.