Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1886)
- Date
- 1886-05-18
- Page
- Seite 334 (sequence 14)
- Language
- German
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334 schmack abgewann, hatte er sich nicht dessen ehrlich erworbenes Geld sehr wohl schmecken lassen? Hat er nicht von des Vaters Mitteln in Berlin, Halle, Heidelberg und Gießen studirt? Hat es ihn nicht auch nachher viele Jahre erhalten? Es ist dies gerade wie bei Lassalle, dem Vater der Sozialdemokratie, der für das Elend der Arbeiter schwärmte, aber als reicher Mann lebte, nicht von selbsterworbenem Vermögen, sondern von seines Vaters Kapital, dem Kapital, das er so heftig bekämpfte! Wir meinen, wer den ehrlichen Gelderwerb verabscheut, der müsse auch die Benutzung desselben zurückweisen und wie Diogenes in einer Tonne leben. — Bekanntlich ivar Börne mehrere Jahre als Polizeiaktuarius angestellt and pflichttreu thätig. Nach dem Schluffe der Befreiungskriege, als die alte Patrizierwirthschaft in Frankfurt siegreich wieder ihren Einzug gehalten, wurde er seines Amtes entlassen. Zwei Jahre später fiel er vom Judenthume ab. Wir gestehen offen, daß, so sehr wir Börne, dessen reichen Geist, scharfe Feder, Muth und Entschiedenheit würdigen, und ihn für eine geschichtlich bedeutende Persönlichkeit in dem Zeiträume von 1818—1830 halten, so daß seine Wirksamkeit in jener Zeit aus der Geschichte der Entwicklung Deutschlands nicht gestrichen werden kann, wenn auch der größte Theil seiner Schriften nur noch für den Liebhaber lesbar ist — wir dennoch diesen Schritt Börne's für seiner nicht würdig erachten. Jeder llebertritt zu einer andern Religion ist gerechtfertigt, sobald er aus innerer Neberzengung geschieht. Daß Börne aus Ueberzeugung Christ geworden, behauptet Niemand, und würde eine solche Behauptung von Börne's Schriften selbst nachdrücklich widerlegt werden. Warum that er es also? Der Verf. des Artikels in der „Boss. Ztg." behauptet es auch nicht. Aber er sagt, daß er „den Schritt nicht wie so viele Renegaten vor und nach ihm that, eines irdischen Vortheils willen". Wieso weiß er dies? Konnte Börne nicht glauben, gerade wie es bei Heinrich Heine der Fall war, daß er dann eine Anstellung wieder erhalten werde? Denn als Schriftsteller trat er erst nachher auf. Er sah sich dann gerade wie Heine hierin getäuscht. Der Verf. sagt nun: „um freier und unbefangener wirken zu können, trat er über." Wir haben diese Phrase betreffs Börne's schon öfter gehört. Aber sie ist hohl. Was behinderte ihn als Jude gerade so zu schreiben, wie er es gethan? Welche Unfreiheit und Befangenheit lasteteten auf ihm als Juden? War er als Jude frei genug, um überzutreten, so hatte er gewiß, wenn er Jude blieb, auch keine Beschränkung. Doch lassen wir dies bei Seite, aber die Frage bleibt uns: Wenn Börne als Kämpfer für Wahrheit, Recht und Freiheit gepriesen wird, hat er sich nicht an der Wahrheit versündigt, wenn er vor Gott und Menschen ein Bekenntniß ablegte, mit dem seine Ueberzeugung im Widerspruch war? Hat er damit dem Rechte Genüge gethan oder cs umgebogeu? Hat er die Freiheit gewahrt, als deren Correlat er später die Gleichberechtigung anerkannte und verfocht? Wahrlich, wir fühlen uns nicht zum Richteramt berufen; aber wir können nicht dulden, mit Phrasen einen Fehltritt eines sonst verdienstvollen Mannes zu verdecken, der mit allen seinen späteren Geisteserzeugniffen, mit seinen Prinzipien und besonders mit dem in grellem Widerspruch stand, was er der übrigen Welt vorwarf, es an Liebe zur Wahrheit, zum Recht und zur Freiheit fehlen zu lassen! Selbstverständlich hält dies uns nicht ab, die Pietät anzuerkennen, mit welcher man in Frankfurt das Andenken Börne's feiert. Correspon-en). Zürich, im Mai. Die Religionsschule.]) Wie schon seit einigen Jahren, haben wir auch an diesem Peßachfesi Gelegenheit gehabt, durch die öffentliche Prüfung die Leistungen unserer Religionsschule kennen zu lernen und zu würdigen. Wie jede andere Religionsschule, hat auch die unsrige zu leiden, einerseits durch die Gleichgültigkeit vieler Eltern gegen diese Anstalt, andrerseits dadurch, daß den Kindern die freie Zeit, die ihnen die städtischen Schulen übrig lassen, mit Beschlag belegt wird, so daß sie von vorn herein unwillig in die Religionsschule kommen und die gestellten Aufgaben erledigen. Diese Uebelstände hat unsere Religionsschule mit andern gemein, hier kömmt noch der Umstand hinzu, daß die Schulj Verhältnisse in der eigentlichen Stadt und in den Vorstädten! oder Außengemeinden differiren, die Stundenpläne nicht über-! eiustimmen. So z. B. ist in der Stadt der Mittwoch Nachmittag nur für die Primär-Schüler (b, h. für Knaben und Mädchen bis zuni 12. Schuljahr) frei, während die altern, die Secundarschüler bis 5 Uhr Unterricht haben; und in den Ausgemeinden wiederum ist statt des Mittwoch, etwa der Donnerstag-Nachmittag oder irgend ein Vormittag frei. Dadurch sind die Schüler unserer Schule, die in den verschiedenen Gemeinden wohnen, vielfach verhindert, dem Hauptunterricht, der auf Mittwoch Nachmittag fällt, beizuwohnen. Für diese bleibt nur der Schulbesuch am Samstag Nachmittag und Sonntag Vormittag. Selbstverständlich muß dadurch der Unterricht der ganzen Schule leiden, indem kein einheitliches Vorwärtsgehen möglich ist. Trotz alledem berechtigen die Leistungen, die unsere Schule aufgewiesen, zu dem Urtheil, daß sie sich mit jeder andern messen kann. \i Wir kommen dem Wunsche des Borstandes der israel. Schulpflege in Zürich nach, diesem Berichte in d. Zeit. Abdruck zu gewähren, auch schon um die Leistungen einer Neligionsschute in einer nicht allzugroßen Gemeinde in Erwägung zu stellen. Redakt.