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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-18 · Heft 21 (18.5.1886) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 21 (18.5.1886)
Date
1886-05-18
Page
Seite 333 (sequence 13)
Language
German
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333 „Die Maiensonne findet in diesem Jahr im Städtebild! Frankfurts eine nicht unbedeutende Aenderung vor. Jhre^ Strahlen, die noch vor Jahresfrist über das Trümmerwerk der alten Judengasse und über die halb abgetragenen verwitterten Häuserwände unfroh hinweg glitten, gleichsam als fürchteten die reinen die Berührung mit den Spuren unwürdiger Zustände, finden jetzt an derselben Stelle freie Bahn für Licht und Wärme. Die alten morschen Häuser des Ghettos sind verschwunden und am Eingang zu dem neuzubebauenden Platz leuchten die Strahlen hell und licht auf ein neues Straßenschild, das Weiß auf Roth, in Frankfurts alten Farben, die Aufschrift trägt: „Börnestraße." „Leuchte nur hell, du Frühlingssonne, du Sinnbild freien Geistes und frohen Wachsthums auf diese Inschrift; walte am Ehrentage des Mannes, dessen Namen sie nennt, freudig Deines schönen Amts, Irdisches zu verklären! Dies Straßenschild ist mehr als ein gewöhnliches Ehrenzeichen, den eine Stadt einem ihrer berühmt gewordenen Söhne in üblicher Form erweist. Dieser Zukunftverheißende Straßenname vor dem weithin sich dehnenden Bauplatz, auf dem an Stelle zusammengepferchter, engbrüstiger Häuser wohnliche Gebäude erstehen sollen, die auch die letzte Spur des einstigen Ghettos verdecken werden, er ist ein Denkmal, das nicht blos den Namen eines gefeierten Schriftstellers uns in's Gedächtniß ruft, sondern auch weithin vernehmlich verkündet: — Dieser Ludwig Börne, dessen hundertjährigen Geburtstag wir heute festlich begehen, dieser beharrliche Kämpe im Kampf für die Befreiung der Menschheit von unwürdiger Knechtschaft jeder Art, dieser hoffnungskühne Bekenner des schönen Frühlingsglaubens an den Fortschritt der vaterländischen Zustände wie der Menschheit überhaupt — er irrte nicht! Seine Ueberzeugung war kein Wahn; — die Menschheit schreitet vorwärts trotz Druck und Zwang; — Bildung und Sitte dringen siegreich vor im Kanlpf gegen Aberglauben, Wahn und Tyrannei; — trotz allem Widerstand reift das Volk für das Reich der vernunftgemäßen Freiheit heran! . . . Wie dieses Ghetto mit seinen finsteren Erinnerungen aus der Welt schwand; wie die Ketten fielen, die noch vor einem Jahrhundert die israelitischen Mitbürger alltags am Abend von der Außenwelt absperrten gleich Verbrechern, wie auf diesem Gebiete des Volkslebens unwürdige Rechtlosigkeit und demüthigende Unfreiheit dem Geist der Aufklärung und der politischen Mündigkeit haben weichen müssen, so wird es fürderhin allen ähnlichen Verhältnissen, allen noch bestehenden hemmenden Sklavenketten — früher oder später — ergehen. Das ist die vernehmliche Sprache, die jenes Straßenschild redet. Die Entwickelung der Menschheit drängt vorwärts; sie fciuit wohl Kampf und Niederlage, aber keinen Stillstand: auch von ihr gilt das triumphirende Wort des Galilei: 6 pur 8i muove — und sie bewegt sich doch! Darin besteht die Größe, die Genialität dieses äußerlich einfach-schlichten Sohnes der Frankfurter Judengasse, daß er zu einer Zeit der ärgsten politischen Reaktion, wo alle Welt diesen Frühlingsglauben aufgab, niemals an ihm verzweifelte, ja mehr noch, ihn furchtlos in einer so klaren, so scharfdurchdachten, so zündenden Weise zum Ausdruck brachte und unermüdlich — ein Hoherpriester der Freiheit — aufs Neue predigte, wie dies wohl vor ihm und nach ihm keiner ihm gleich gethan. Was jetzt in Parteiprogrammen, in Tausenden von Köpfen und Büchern und Journalartikeln weiter ausgeführt, neugefaßt, neudurchdacht wird, aus seinem Seelenleben ist es ursprünglich und elementar, unter Schmerzen geboren worden. „In der Reihe der großen Humanitätsapostel, welche die deutsche Geistesbildung hervorgebracht hat, ist er derjenige, der zuerst mit voller Bestimmtheit und mit rücksichtsloser Kühnheit das Humanitätsideal angewendet wissen wollte auf die politischen Zustände und zwar die seiner eigenen Zeit." In der That konnte die Stadt Frankfurt die Unbille, die sie noch 1616 und weiter den Juden anthat, nicht besser sühnen als durch die Benennung einer Börnestraße, eines Börneplatzes, einer Börnebrücke. Einen gemäßigtern Ton schlägt die „Boss. Ztg." vom 6. Mai an. Aber, den intimsten Neigungen der „Boss. Z." gemäß, beschäftigt sich der Artikel gar zu viel mit — dem Juden Börne. Unter anderem sagt er: „Schon als Knabe mußte er schmerzlich erkennen, daß es für die meisten Juden kein würdigeres Ziel gab, als Geld und wieder Geld zu verdienen. Im elterlichen Hause herrschten Sitte und Anstand; die Schriften Lessings und Mendelssohns, auch Schillers und Jean Pauls hatten Einlaß gefunden Aber die Welt des Vaters — er wirkte als Agent in Geldgeschäften an kleineren Höfen — war nicht seine Welt. Bon Niemandem verwöhnt, von Keinem verstanden, zog er sich in sich selbst zurück. Der Vater wollte stets sein „Bestes", aber der Sohn fand dieses Beste nicht immer gut." — Was den Verf. hierzu berechtigt, wissen wir nicht. Der Vater hatte frühzeitig den Knaben als begabten Geist erkannt, und ließ ihn in Gießen zum Studium vorbereiten. Was für ein Studium war damals den Juden gestattet? Allein das medicinische. Der Jüngling erkannte aber bald, daß er für die Heilkunde nicht geeignet sei und erlangte nach einigem Kampfe vom Vater die Erlaubniß, Jura und Cameralien zu studiren. Was ist hierin auffällig? Das kommt heutzutage bei Christen und Juden noch vor. Herder hat auch zuerst Medicin studirt; da er aber den Anblick von Blut und Leichen nicht ertragen konnte, ging er zur Theologie und Philosophie über. Was hat hiermit der Jude und besonders sein „Gelderwerb" zu schaffen? Auch hier müssen wir ein Jahrhundert zurückdenken. Und, wenn Börne dem Gelderwerb seines Vaters keinen Ge-

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