Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1886)
- Date
- 1886-05-18
- Page
- Seite 325 (sequence 5)
- Language
- German
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325 Auch in dem Leben der Wissenschaft offenbart sich der Segen solcher Neugestaltung. Denn kein Stern an dem mb j tcn Himmel der Kenntniß wandelt allein und selbständig seine Bahnen, er ist dem Einflüsse unterworfen, den die Welten! auf ihn üben, die dahinrollen in ihren ewigen Kreisen. An! der Sonne des Geistes zünden Männer hoher Begabung, > Engel des Lichtes ihre Fackel, und im hellsten Wunderlichte j erstrahlt bald das Gestirn, das zu erlöschen drohte. j Ein solcher Bote des Lichtes für die Wissenschaft des, Judenthumes war Leopold Zunz. Ter Strom der Glaubens-! künde zog seit Jahrhunderten in gewohnten Bahnen dahin, j Mau horchte den Lehren der alten Weisen, man erklärte ihre; Worte, man suchte ihre Sätze zu verstehen, man deutete ihre . Sprüche, man wendete ihre Gleichnisse an, man bildete ihre! Satzungen weiter aus, man bemühte sich in ihrem Gedanken-: kreise zu verharren. > Wie sollte diese einseitige Kenntniß. welche der historischen i Ergründung ermangelte, welche keine strenge Ordnung ihrer j Theile kannte, welche des inneren, festigenden Bandes zist entbehren schien, welche dem Schwünge der Zeit nicht gefolgt! war, neben die Wissenschaften unserer Tage treten? Wie > konnte in den Jahren, da die Söhne Israels berufen waren, I die ehrende Stellung des Bürgers in den gebildelten Ländern! Europas einzunehmen, da sie geweckt wurden, sich an dem j Wettkampfe der vielfachen Kenntnisse und der Cultur unseres Jahrbunderts zu betheiligen, wie konnte da die Glaubenswissenschaft allein Zurückbleiben im alternden Kleide, im getrübten Lichte, in verschlungenen Reihen, ohne Klarheit, ohne Sicherheit, ohne Fortschritt, ohne Aufschwung? Konnte sie da noch ihre Ehre behaupten, ihren Rang aufrechthalten, vor den Augen der Mitwelt glänzen, auch nur ihren Kennern und! Freunden genügen? Da trat Zunz auf. Die Lehre dieses Weisen war erfrischend, erweckend, ermunternd, ein Quell des Lebens?) Wie ein Frühlingshauch zog es hin über die Alterthümer vieler Jahrhunderte« Tausend Fäden der allgemeinen Wissenschaften, so zeigt Zunz in seiner ersten Schrift, sind in diese rabbinische Bibliothek hinein geschlungen und gewoben. Nach Zeiten und Jahrhunderten geordnet, breitete er vor den Mitlebenden hin die Entwickelung der jüdischen Rede, des frommen Gebetes, der Dichtung und des Liedes, der Gesetzesforschung und der Gesetzeskunde. Frisch, kräftig, lebendig war Alles, was er aussprach, was er vortrug, was er darftellte. Er ist in allen seinen groß angelegten, mit sorgsamer Zierlichkeit ausgeführten Werken ein Muster und Borbild dem strebenden Geschlechte. Wer in Israel die Lehre künden will, der muß einen Trunk aus dem frischen Quell des Geistes zu bieten vermögen, wer Judas Gemeinden führt und unterweist, 1) Prov. 13. 14. G".n T;pD rrm der muß einen belebenden Hauch hinziehen lassen, um das Gemitth des Volkes zu erquicken, zu stärken, zu kräftigen. *) M. g. F. Der Spruchdichter liebt es, seinen ermunternden Sätzen Bilder aus jenem wundervollen Gemälde der Urzeit einzuflechten, das die Menschen in einem ewigen Paradiese weilen läßt, wo sie in reiner Unschuld dem Zuge des Herzens folgen und die Stimme Göttes in ihrem Gemüthe hören. Die Weisheit ist ihm ein Baum des Lebens-), der denen andauerndes Glück bietet, die ihn fassen und halten. Der Pfad des Lebens ist gebahntgeradehin ist er geebnet, lenkst Du den Schritt nicht ab, so führt er Dich zu den herrlichsten Fluren der Freude. Und so hört er auch den Quell des Lebens rauschen, der die lachenden Gegenden nach allen Seiten durchzieht, seine Fluthen wecken überall Blüthen und Frühling, fördern überall Segen und Gedeihen. An den Ufern und in den Tiefen des klaren Gewässers ruht Gold und seltenes Edelgeftein. Einem solchen Strome des Paradieses, einem solchen Quelle aus dem Eden gleicht die Lehre des großen, mächtigen Geistes?) Denn was ein Meister der Kenntniß ausspricht, das zieht segnend hin, das sendet Fluthen reinsten Lebens über weite Gebiete und nährt und stärkt zu krafterfülltem Wachsthnm; was der berufene Führer seiner Zeit fördert, das ist Keim des emporstrebenden, sich entfaltenden Lebens, das ist unverwüstliches Gestein zur Zier und Verherrlichung des Geschlechtes. Wir wissen nicht, was wir an Zunz mehr bewundern sollen, die Vielseitigkeit seines Schaffens oder den großen, wissenschaftlichen Erfolg seiner Thaten, den reichen Strom der Weisheit, der von seinen Lippen floß, oder die Neugestaltung, die er auf dem Gebiete der Glaubenswissenschaften hervorrief. Dort läßt er die Redner vieler Jahrhunderte nach ihrer Art und Eigenthümlichkeit vor unserem Auge vorüberziehen, da prüft und verzeichnet er ihre Worte und > Redewendungen, hier entwirft er mit unübertroffener Meister-! Hand das Bild des großen Commentators aus dem eilften Jahrhunderte; dort zeigt er, was Israel in der Länderkunde erforscht und erschlossen hat, da spricht sein warmes Herz mit dem liefen Gefühle eines Sehers von den Leiden seines Stammes, dort wird er zum Dichter, der die alten Lieder im reichen Klange der deutschen Sprache nachempfindet. Da tritt er hin und gießt helles Licht über die Zeit einer großen Gelehrtenschule, die der Tosafisten, dort bereichert er die ' Münzkunde mit dem, was sein emsiger Fleiß auf diesem ent- 1) Prov. 13.?4. npo cun rn‘n. 2) Prov. 3 18. ,-,2 D'P'^n/D^ NM lPH 3) Prov. 5. 6. ohDD 10 D"n iMiltf. 4) Prov. 13. 14. cm Tipo D2H rmn.