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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-18 · Heft 21 (18.5.1886) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 21 (18.5.1886)
Date
1886-05-18
Page
Seite 324 (sequence 4)
Language
German
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324 dieses Volkes und um so merkwürdiger als diese Consequenz vom Beginn an im Bewußtsein des Volkes vorhanden war und sich in dem ihm beigelegten Namen abspiegelt. Hierin liegt aber auch die aktuelle Beziehung unseres Schriftstückes zur Gegenwart noch. Denn noch heute ist der Lebensmittel- Punkt des israelitischen Stammes das Bekenntmß des einzigen Gottes, den Abraham, Isaak und Jakob anbeteten und dessen Lehre Moses gründete und aufbaute; noch heute ringt er um die und in der Gotteslehre, sie immer wieder zu verjüngen und zu vertiefen; noch beute wird er deshalb von höchst zahlreichen Gegnern bekämpft, angegriffen, geschmäht und bedrückt, er ringt mit ihnen und sie „vermögen es nicht gegen j ihn, er siegt ob", aber er ist in seiner Existenz „gelähmt",j in seinem Fortschritt hintangehalten. So überschauen wir! von unserem Schriftstücke aus viertelhalb Jahrtausende und finden es in diesen zu aller Zeit durchaus verwirklicht.! „Leopold Zun;",! Gedenkrede, gehalten bei der Eröffnung des Sommersemesters! an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums > in Berlin (3. Mai 1886),! von dem derzeitigen Vorsitzenden des Lehrercollegiums! Pr. Joel Müller. j i Hochgeehrte Herren! Meine werthen Freunde! Seitdem die Hallen dieses Lehrhauses sich schlossen, ist der Mann aus dem Leben geschieden, welcher der geistige! Urheber nicht nur dieser Stätte der Belehrung, sondern aller! der großen Anstalten ift1 2 3), in welchen das geistige Schaffen! und Streben des jüdischen Stammes in dem Sinne und! nach der Methode der Wissenschaft unseres Jahrhunderts er-! forscht, gelehrt und überliefert wird. Leopold Zunz weilt! nicht mehr unter den Lebenden. Das Lebenslicht des Für-! sten der Wissenschaft ist erloschen, der durch eine Reihe von : Jahrzehnten die helle Fackel der Forschung schwang, um die! dunkeln Gänge des alterthümlichen Schriftthums zu erleuchten, um die vielgestaltigen Körner und Fäden der Edelmetalle! in dem Schachte der tausend, tausend Bücher unserer Vor-! fahren zusammenzusnchen, sie in dem treffenden Strahle der Wahrheit zu Prüfen, kunstsinnig aneinanderzureihen und zu , einem kunstvollen Geschmeide der Wissenschaft umzubilden, welches Israel, das nie alternde-), schmücken sollte mit der Pracht und Herrlichkeit einer jugendlich emporstrebenden Kenntniß'); für immer ermattet ist die Hand des Helden,! der einst die rechte Waffe ergriffen und geführt hat, ■ 1) Talmud Babl. Megilla 27 a. Qipo hm IT2 nxi i rr;.n ‘-z 2) Pesikta 22. rhj wipj niDipü *'2. 3) Jesaja 61. 10. rr^D myn nb:n -ins 70* ^nnz. um für seinen Stamm zu streiten, das Wort der geläuterten Einsicht, den Spruch der liefen Ergründung, der die Fahne aufrichtete, die Gott denen anvertraut, die seinen Namen ehren, das Panier der Wahrheit, i) — In allen Kreisen Israels, m. w. F., widmete man dem Andenken des großen Lehrers eine fromme Stunde der Erinnerung, in allen Gemeinden, an allen Lehrstätten nannte man ehrend den großen Meister der Kenntniß, der wie keiner seine Zeit verstand, und wie keiner die Glaubenswissenschaft Israels zu Ehren brachte. Uns aber, die wir in dem Hause weilen, das den Namen jener Wissenschaft trägt, der er hochherzig und kunstsinnig zierliche Gestalt und geläuterten Inhalt gab, ziemt es, nicht nur einen Kranz auf den Grabeshügel des großen Bürgers unserer Stadt niederzulegen, sondern auch unser Auge sinnend bei dem Gemälde des Wirkens und Strebens dieses gewaltigen Mannes weilen zu lassen, der wie einer der alten Fürsten hinging-), um für Israel reiche Quellen der Belehrung zu erschließen, um in den Gefilden des Glaubens segnend einen Strom der geistigen Bildung fließen zu lassen, denn: „Die Lehre des Weisen ist ein Quell des Lebens."-') Die Worte des Weisen haben für die Wissenschaft eine erfrischende, stärkende, belebende und verjüngende Kraft. Die Natur, m. F., verjüngt sich selbst, sie altert nie, der Reiz der Frische umzieht sie immer, jung und neu lächelt sie jedem entgegen.^) Aber das Schaffen und Streben der Menschen unterliegt dem Wechsel der Zeiten. Was die Menschen gedacht und ersonnen haben, das ist mit vielen fremden Beziehungen verknüpft, das ist der Einwirkung von tausend anderen Verhältnissen unterworfen, das wird verändert durch Stellung und Lage, das erhält mit dem Standpunkte des Ortes und in dem Fluge der Zeit eine andere Bedeutung. Soll das Geistesstreben nicht erstarren, so bedarf es der verjüngenden Thaten, so bedarf es der Kraft, die ans dem neuen Boden der Sitte sich hebt, die aus den neuen Strömungen emporwüchst, die die alten Sprüche und Sätze durch eine neue Bedeutung-') erweitert und mit einem neuen Ausblick ziert und bereichert. Dann gewinnt das Gefühl des Herzens in einem neuen Liede verjüngten Ausdruck^), das Volksleben und das Bolksthum sieht vor sich einen neuen Pfad gebahnt und geebnet.') 1) Ps- 60. 6. nbo DD':nm d: r.n:. 2) 4. B. Mos. 21. 18. rvnDn 3) Prov. 13. 14. G^n -npo QDn min. 4) Ps. 104. 30. to-n jd tünnm. 5) Jesaj. 62. 2. ttnn DP mpi. e) Ps. 144. 9. nrm mn -pp. 7) Thr. 5.21. GGpD tnn.

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