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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-18 · Heft 21 (18.5.1886) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 21 (18.5.1886)
Date
1886-05-18
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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322 splitterung -des bis dahin einheitlichen Menschengeschlechtes in die Mannigfaltigkeit der Völker durch ihre Sprachen wird die Thatsache des Thurmbaues von Babel zu Grunde gelegt. In dem Berichte über den Kampf. Jakobs, der jedenfalls einen allegorischen Sinn hat, tritt uns die Verrenkung seiner Hüfte und die daraus gefolgerte Sitte, die Spannader nicht zu genießen, als Thatsächliches entgegen. Der Grund dieser Erscheinung kann dahin gefaßt werden, daß es eben nicht eine schriftstellerische Absicht war, eine Allegorie zu schreiben, sondern einen bestimmten Gedanken an die Thatsache anzulehnen und zum Ausdruck Zu bringen. Betrachten wir nun die Zuletzt erwähnte Schriftstelle vom Kampfe Jakob's (I. Mos. 32, 22 ff.) naher und zwar weil in derselben die tiefer liegende Beziehung auch für uns noch aktuell eine Bedeutung hat. Zuvor jedoch müssen wir einen Blick auf das ganze Leben des Erzvaters Jakob werfen. — Von Abraham werden uns vielmehr innere Seelenkämpfe berichtet, wie die Schrift selbst sie andeutet 1. Mos. 12, 1. 22, 2. Sonst war sein Leben ein verhältnißmäßig ruhiges und „in allem gesegnet", wie auch Isaak „ein Gesegneter Gottes" von den ihn umgebenden Völkerschaften genannt ward. Ein ganz anderes Bild bietet uns das Leben Jakobs, voll harter Kämpfe mit den äußeren Verhältnissen. Als Zwillingsbruder kurz nach Esau geboren, rang er zunächst um die Erstgeburt. Die Mittel, die dabei von ihm angewendet wurden, sind moralisch nicht zu billigen. Aber was war denn diese Erstgeburt? Unverkennbar handelte es sich dabei nicht um materielle Güter, etwa um das doppelte Erbtheil. Denn Jakob, und das war bei dem streitbaren Charakter Esau's vorauszusehen, mußte mittellos aus der Heimath fliehen, mußte Familie und Eigenthum durch schweren Dienst dem eigennützigen Laban abringen und von den erworbenen Gütern einen beträchtlichen Theil an Esau abgeben, um dessen vorausgesetzten Zorn zu beschwichtigen. Es kann sich demnach bei jener Erstgeburt nur um die abrahamitische Verheißung und deren Bestätigung durch den väterlichen Segen handeln. So mußte Jakob seine Freiheit und sein Eigenthum dem Laban wiederum durch heimliche Flucht entziehen und dann gegen die Feindschaft des mächtigen Esau zu schützen suchen. Neue Kämpfe warteten seiner im Heimathlande. Die Ereignisse in Sichem waren schwer für ihn zu ertragen. Tief erschüttert ihn der Verlust seines Lieblingssohnes Joseph: „Ich will hinuntersteigen zu meinem Sohne trauernd in die Gruft!" (1. Mos. 37, 35). Endlich mußte er in hohem Alter noch seinen Wohnsitz verlassen und in die Fremde zu einem fremdengehässigen Volke übersiedeln, daß er zu Pharao sprach: „Trübe waren die Tage meiner Lebensjahre" (47, 9.). — Mitten durch diese Kämpfe geht aber im Leben Jakobs der konsequente Zug der Anhänglichkeit an den „Gott Abrahams und Isaaks", an den einzigen allmächtigen Gott, der ohne Bild verehrt werden muß. Mit der Festigung dieser Treue verläßt er das Heimathland (1. Mos. 28, 12 ff.). Diesen Glauben erhält er sich aufrecht in der Fremde und zieht in Canaan wieder ein. Hier errichtet er sofort einen Altar, den er benennt: „Gott ist der Gott Israels" (33, 20.). Und sowie er zu einer ruhigen Stimmung gekommen, läßt er sich von allen Seinigen „alle fremden Götter, die in ihrer Hand" geben und vergrub sie (35, 4.). Auch nach Egypten zog er mit der Zuversicht, daß daselbst seine Familie „zu großem Volke werden und wieder nach Canaan zurückkehren werde" (46, 3.). Endlich in den letzten Stunden seines Lebens bekannte sich Jakob zur Anbetung Gottes und sprach in rührender Weise: „Der Gott, vor dem gewandelt meine Väter Abraham und Isaak; der Gott, der mich geweidet hat von meinem Dasein bis auf diesen Tag; der Engel, der gelöset mich von allem Leide, segne diese Knaben" (48,15.). — Diese beiden Momente im Leben Jakobs, der Kampf um die äußere Existenz und der Kampf gegen die heidnischen Umgebungen in Canaan wie in Mesopotamien und Egypten sind wohl zu beachten, um die Vision zu verstehen, mit welcher wir uns hier beschäftigen. Die Scenerie tritt in charakteristischer Weise hervor. Eben war Jakob von der Furcht vor dem ihm nachsetzenden Laban befreit, als ihn die Angst vor dem ihm gehässigen Bruder, der ihm einst den Tod geschworen, überkanr. Er sonderte einen großen Theil seines Eigenthumes ab und sandte Heerden mit Hirten dem Gefürchteten zum Geschenk entgegen. In der Nacht führte er seine Familie durch die Fuhrt des Jabbok. Dann „blieb er allein; da rang ein Mann mit ihm bis zum Aufgang der Morgenröthe. Als dieser sah, daß er nichts vermöge wider ihn, stieß er auf seine Hüfte und es verrenkte sich die Hüftpfanne Jakobs, indem er mit ihm rang. Da sprach der Mann: laß mich los, denn die Morgenröthe bricht an! Jakob aber sprach: ich lasse dich nicht los, du segnest mich denn, und Jener sprach zu ihm: wie ist dein Name? und er sprach: Jakob. Da sprach er: Nicht Jakob soll ferner dein Name genannt werden, sondern auch Israel, denn gerungen hast du mit Gott und mit Menschen und hast obgesiegt. Und Jakob frng und sprach: künde mir doch deinen Namen. Da sprach er: warum frägst du doch nach meinem Namen? und er segnete ihn dort. Da nannte Jakob den Namen des Ortes Peuiel: denn gewahrt habe ich Gott von Angesicht und meine Seele ward gerettet. Da ging ihm die Sonne auf, als er vorübergegangen vor Peniel und er hinkte an seiner Hüfte." (32, 23.) — Daß diese Erzählung mehrfache Dunkelheiten enthält, ist einsichtlich. Wir haben aber gerade über diese Stelle einen alten Interpreten, nämlich den Propheten Hosea (12, 4.). Der Prophet deutet auf die Kämpfe hin, die Israel von feinem Ursprünge an zu bestehen hatte und findet sie in den Kämpfen des Stammvaters Jakob wieder, der schon im Mntterschoße mit seinem Zwillingsbruder Esau in

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