Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 21 (18.5.1886)
- Date
- 1886-05-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein imWteiWes Organ für alles indische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig s Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste i Nr. 115) und Oesterreich bei allen j Postämtern, außerdem durch denBuchj Handel. Herausgegeben von NabLiuer Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Wotzpkatz 18. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in! Bonn direct, in allen übrigen an die! Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 sDt.) sind gteichsalls an letztere einjusenden. 5V. Jahrgang. Leipzig, den 18. Mai 1886. Nr. 21. Inhall. Leitende Artikel: Der Kampf Jakobs. — „Leopold Zunz", Gedellkrede. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Hamburg, Köln, Chemnitz, Münster, Nürnberg, Posen. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Frankreich: Paris. — Rußland: Odessa, London, Petersburg, Aus Polen. — Bulgarien: Paris. — Palästina: Paris. — Bonn: Notizen. — Turek: Literarische Notizen. — Feuilleton: Ludwig Börne's hundertjähriger Geburtstag. — Correspoudenz. £■«\l‘eilös Ctrlilrcf.! | Bonn, 12. Mai. j Der Kampf Zakobs. Wenn die traditionelle Auslegung für Alles, was das Gesetz (Halacha) betrifft. die volle Autorität in Anspruch nimmt, so thut sie dies für die Interpretation aller übrigen; Elemente der h. Schrift in keiner Weise, sondern überläßt sie' der freien Forschung und Darstellung, selbstverständlich mit dem Vorbehalt, daß die Erklärung dem Geiste und den Grundlehren der h. Schrift nicht widerspreche. So giebt uns der Talmud, so geben uns die Midraschim die mannigfaltigsten Ausdeutungen, buchstäbliche, sprachliche, möralisirende, allegorisirende, stabulirende, und zwar unter- und nebeneinander. Es wurde deshalb aus allen diesen Auslegungsweisen die einfache, gerade, dem Wortsinn entsprechende ausgesondert und benannt. Hierin also hat selbst der orthodoxeste Schrifterklärer die vollste Freiheit, und die zahlreichen Commentare der h. Schrift aus dem Mittelalter bis zu unserer Zeit gaben hierfür hinlänglichen Beweis, da sie über eine und dieselbe Schriftstelle die verschiedenartigsten Meinungen vortragen. In unserer Zeit ist nur dem Kanzelredner und dem Poeten gestattet, Schriststellen in freie Behandlung zu nehmen und wörtlich oder figürlich an die Worte der Schrift die mannigfaltigsten Gedanken zu knüpfen. Wer sich ernstlich mit der Schristerklärung beschäftigt, muß sich an den Wortsinn halten, d. h. die richtige Bedeutung der im Texte enthaltenen Ausdrücke auf sprachlichem und vernunftgemäßem Wege, namentlich mit Erwägung des Zusammenhanges und der Parallelstellen zu eruiren suchen. Bei jedem anderen Verfahren wird man ihn unberücksichtigt lassen. Hiermit ist jedoch nicht gesagt, daß es nicht Stellen in der h. Schrift gebe, welche nach dem einfachen Wortlaut dunkel oder unverständlich bleiben, Stellen, welche Visionen, Symbole oder Allegorien enthalten, die also über den Wortsinn hinaus verstanden und erklärt sein wollen. Hieraus mag es gekommen sein, daß es eine Reihe von Schrifterklärern gegeben, welche die ganze h. Schrift figürlich und allegorisch anffaßten und selbst den erzählten Thatsachen eine allegorische Bedeutung insinuirten. An der Spitze derselben steht Philo der Alexandriner; ihm folgten die Verfasser der Sybillinen und später die Kabbalisten. Jndeß haben diese auf das eigentliche Judenthum und auf die wirkliche Schristerklärung keinen Einfluß geübt, sondern blieben bei Seite stehen als eigenartige, aber nicht ernst ge- , nommene Schristerklärer. Wir haben dies voransgeschickt, um einer correspondenz-; liehen Anfrage zu begegnen und des Weiteren das Folgende anzuknüpfen. Es ist nicht zu verkennen, daß wir in der Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes und in der Vorsinaitischen Geschichte Israels, also im ersten Buche Mosis, Allegorien finden, allegorisirende Stellen. Das Eigenthüm-! liche bei diesen ist, daß, wie den Thatsachen ein moralisches Motiv eingesenkt, z. B. die Sintsluth auf die moralischen Zustände der Menschen als göttliches Motiv zurückgeführt wird, so im Gegentheil den allegorisireuden Berichten stets etwas Thatsächliches eingesügt wird. So erscheinen in der großen Allegorie vom Paradiese die Angaben der Oertlichkeit, der Flüsse und der in den betreffenden Landschaften gefundenen Bodenerzeugnisse. In der Allegorie über die Zer-