Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1886)
- Date
- 1886-05-11
- Page
- Seite 318 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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818 Es wurde ihnen vorgeschrieben, aus dem Religionsbuche Bne Zion Unterricht zu nehmen und kein Brautpaar erhielt den Heirathsconsens, wenn es nicht vorher eine Prüfung aus dem Bne Zion bestanden. Selbstverständlich ist dieses Gesetz mit so vielem anderen Gerümpel mit dem März 1848 verschwunden. Nun hat jetzt Prof. H. Junker in Frankfurt a. M. es unternommen, die Oppenheim'sche Bildergallerie aus dem jüdischen Leben fortzusetzen, da natürlich die so äußerst beliebten Bilder des sel. Prof. Oppenheim die Fülle von Eigenart im jüdischen Leben, namentlich von ehemals, nicht erschöpft haben. Er hat bereits vier Bilder vollendet, und die Zeitschrift „Ueber Land und Meer" in einer ihrer jüngsten Nummern bringt als wohl das gelungenste „die Prüfung der Brautleute". Junker selbst giebt dazu folgende Erklärung: „Das Lokal des Vorgangs ist ein Vorraum der Synagoge. An der Wand über der Thür, welche zur Synanagoge führt, steht der Spruch: Dies ist die Pforte des Herrn, die Gerechten werden dahingehen" (Psalm 118, 20). Zur Seite die Inschriften: „Höret! Hebet eure Augen in die Höhe! Höret! Wen? Gott den König, den Höchsten. Wenn? Höret! Des Morgens, Mittags und Abends." Auf dem grün überhangenen Tisch auf der Estrade, inmitten des Bildes, zeigt eine Rolle auf dem Pult des Rabbiners die Worte aus dem Talmudtraktat Kethuboth Kap. 1, § 1: „Eine Jungfrau heirathet man am vierten, eine Wittfrau am fünften Tag in der Woche, denn zweimal in der Woche sitzen die Richter in den Städten, nämlich den zweiten und fünften Tag, damit, wenn der Bräutigam wegen der Unbescholtenheit etwas vorzubringen hätte, er beizeiten vor die Richter kommen könne." Der alte Rabbi, mit dem Gebetmantel angethan, prüft die jungen Leute aus dem religiös - moralischen Lehrbuche „Bne Zion“: nach dem Gesetze konnten sie erst nach Bestand dieser Prüfung an das „Einkommen", das heißt an die Heirathsbewilligung denken. Bor dem Rabbi stehen die jungen Brautleute, von dem ganzen Ernste der Situation durchdrungen, die Braut, den Finger zum Munde erhebend, besinnt sich auf die Antwort, über welche auch der Bräutigam in Spannung nachdenkt. Die versammelten Verwandten, unter denen die Porträtfigur des verstorbenen Professors Moritz Oppenheim hervortritt, sind in Erregung bei einander, lauschend auf die Antworten. Hinter dem Rabbi steht ein Talmudschüler. Vorn aber sitzt, die Prüfung genau verfolgend, der Vertreter der weltlichen Macht in seiner Uniform, der Kreishauptmann, die Amtspapiere unter der Hand." — Die Bilder des sel. Oppenheim, so trefflich sie sind, leiden etwas durch die Einförmigkeit der Gesichter und Physiognomien. Junker weiß dies zu vermeiden. Er vereinigt typischen Charakter mit edler Form und Mannichfaltigkeit. Wir wären auf seine anderen Bilder begierig. Vermischtes. Die Bilder von Werefchagin. Die Ausstellung der Gemälde des russischen Malers Werefchagin hat bekanntlich in Wien eine außerordentliche Sensation hervorgerufen und zwar meist durch die Verketzerung, welche die den Stifter der christlichen Religion betreffenden Bilder durch die dortigen katholischen Geistlichen erfuhren. Es versteht sich, das wir an dieser Stelle über diesen Gegenstand uns nicht weiter äußern. Die Ausstellung ist gegenwärtig in Berlin und der bekannte Kunstreferent L. Pietsch der „Voss. Z." äußert sich dahin, daß er in den realistisch gehaltenen Bildern von Jesus nichts Profanirendes gewahre. Aus seinem Referat heben wir hervor: „In Bezug auf die Darstellung der Lokalität, oder genauer gesprochen: des Materials derselben, des bearbeiteten Steins, wird es von manchen anderen Gemälden des Meisters übertroffen. Das Vollendeste in dieser Hinsicht, und nicht nur in ihr allein, scheint mir diesmal in den beiden nach der Natur gemalten Studien „Eingang in die judäischen Königsgräber" und „Die Salomonsmauer" des Tempels zu Jerusalem geleistet. Beide vollständig bildartig durchgeführte Studien gehören zu den feinsten Perlen der modernen realistischen, ein Stück Wirklichkeit in der höchsten Vollkommenheit und Schönheit wiedergebenden Malerei. Ein nicht zu beschreibender edler Schmelz des Tons in dem Ganzen, wie in jedem einzelnen Theile, vereinigt sich mit einer Kunst der Darstellung aller Oberflächen, wie sie in solchem Maß vielleicht nur noch Alma Tadema besitzt. Eben so meisterhaft sind die dem Leben und der dortigen Wirklichkeit abgelauschten Figuren der — klagend, betend und weinend — an den unteren Quadern der gewaltigen alten Mauer hockenden und stehenden Jerusalemer Juden und Jüdinnen in der Zeichnung und in der Farbe. Beide Motive hat Werefchagin dann noch einmal in zwei großen Bildern, das der Königsgräber mit sehr viel reicher menschlicher Staffage verwendet. Aber den elfteren wohnt ein Reiz bei, welcher durch den der größeren und reicheren Bilder derselben Scenen und Vorgänge trotz der sorglichsten Durchführung nicht überstrahlt wird. Otto von Corvin und die Juden. In seinen „Erinnerungen" sagt Otto v. Corvin, der ein; so bewegtes, oft schwer heimgesuchtes Leben als ein edler j und treuer Mann getragen, aus seiner trübsten Zeit in Beizug auf seinen Rechtsbeistand vr. Kusel: „vr. Kusel ist ein 1 , wie die meisten derjenigen Personen, welche mir! und meiner Frau die meiste und herzlichste Theilnahme und! Hilfe erwiesen. Es ist dies kein Wunder. Die Juden haben! so lange unter ungerechtem Druck gelitten und das hat ihre