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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-11 · Heft 20 (11.5.1886) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 20 (11.5.1886)
Date
1886-05-11
Page
Seite 315 (sequence 11)
Language
German
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315 Camille Dreyfus freilich, der Pariser Abgeordnete und Direktor der „Nation", bekennt sich zum mosaischen Gesetze und scheute sich nicht, nach dem alttestamentarischen „Aug' um Auge, Zahn um Zahn" Rochefort zu antworten. Er behauptete u. A.: der Chefredacteur des „Jntransigeant" wäre habgieriger und gewinnsüchtiger, als irgend ein „Kaufmann von Venedig und ein Trödler aus Frankfurt." Darob erbost, sandte Rochefort dem Frechen seine Zeugen und stellte zugleich seine Bedingungen: das Duell sollte auf Pistolen stattfinden, man wollte zielen, eine Entfernung von 35 Schritten mit je 5 Schlitten Avance annehmen und erst aufhören, wenn einer der beiden Gegner kampfunfähig gemacht wäre. Die Zeugen von Dreyfus bestritten, daß Rochefort der Beleidigte sei, da er zuerst beleidigt habe; sie schlugen daher vor, die Frage, wer die Waffen zu wählen und die Bedingungen des Kampfes vorzuschreiben habe, einem Schiedsrichter zu unterwerfen. Damit erklärte sich die Gegenpartei einverstanden unter der Bedingung, daß der Schiedsrichter kein Republikaner sei. Da aber die Freunde von Dreyfus es ablehnten, einen Streit zwischen zwei Republikanern einem Monarchisten zu unterbreiten, so kam es zu keiner Einigung und die beiderseitigen Zeugen gaben ihre Mission an ihre Auftraggeber zurück. Neuerdings sollen indeß die Verhandlungen wieder ausgenommen worden sein. — Der „Voss. Z." schreibt man: Welche Mittel in Frankreich Büchern raschen Absatz verschaffen, lehrt die neueste Geschichte von „France juive“ (Das verjudete Frankreich). Eduard Drumont, der Verfasser, hatte, wie man der „Köln. Ztg." aus Paris schreibt, das Buch auf seine Kosten drucken lassen; Margon und Flammarion, die auf dem Titel stehen, sind nur Kommissionäre. Er hatte 2000 Exemplare abziehen lassen und in 12 Tagen nur 500 verkauft. Da erschien im „Matin" die Nachricht, Drumont habe zwei Herausforderungen erhalten» und sofort waren die noch vorhandenen 1500 Exemplare verkauft. Am Mittwoch waren über 20000 Exemplare abgefetzt, für Donnerstag hatte der Verleger weitere 5000 zu liefern versprochen, und jede Post bringt immer neue Aufträge. Drumont wird indeß, wie der „Figaro" schreibt, noch zwei bis drei Wochen auf dem Krankenbett zubringen, auf das ihn seine Verwundung im ersten Duell geworfen. Paris, 29. April. Um allseitig die Stimmung in Bezug auf den neuesten Versuch des Antisemitismus zu zeichnen, führen wir noch die Aeußerung der radikalen „France“ an. In dieser fertigt der Publizist Mermeix, der vor drei Jahren mehrere heftige und Aufsehen erregende Broschüren gegen die baute dangus — allerdings ohne Glaubensunterschied — geschrieben hat, den französischen Antisemiten in sehr entschiedener Weise ab. „Die soziale Gefahr — schreibt Mermeix — wenn es eine solche giebt, liegt nicht im .jüdischen Frankreich'. Unsere Juden sind Franzosen, wir wollen uns nicht von ihnen scheiden, wir bewahren sie, gleichwie sie in ihrem Herzen die Liebe zu diesem Frankreich bewahren, das sie aus dem Ghetto gebracht und aus den Parias, die sie gewesen, zu Menschen, Bürgern gemacht hat. Es giebt keine Judenfrage, es giebt eine soziale Frage zwischen der Nation, welche sich ruinirt, und einigen Familien, die sich unablässig bereichern. Die Jnteressirten werden wohl häufig antisemitische Versionen versuchen. Wenn die großen Accaparateure, deren übermäßiger Reichthum das Land ruinirt, sich bedroht fühlen, schreien sie: „Auf die Juden! Nieder mit den Juden!" Sie werden stets, um sich zu erhalten, die Juden opfern wollen. Wir werden gegen diese Fälle auf unserer Hut sein. Wenn die Stunde der Opfer kommen wird, und sie wird kommen, werden wir von den neuen Privilegirten vor Allem eine Nacht des 4. August verlangen; wir werden keine spezifische Verfolgung gegen diese oder jene Menschen machen, weil sie diese oder jene Religion haben werden." Italien. Rom, im April. Man berichtet von hier: Der Lehrer Rohling's, der famose Dr. Brimanus, befindet sich seit einigen Tagen in Rom, wo er die kirchlichen Exerzitien der Charwoche mitmacht. Brimanus ist in Venedig vom Protestantismus zum Katholizismus übergetreten, nachdem er aus Konstantinopel ausgewiesen worden, woselbst er zur Abwechslung gläubiger Moslim gewesen. Er hat nun die europäischen Confessionen sämmtlich durchexerzirt, und wird nächstens zum indischen oder chinesischen Buddhismus übergehen und schließlich mit dem afrikanischen Fetischismus endigen. Amerika. Philadelphia, im April. Die Londoner „Times" meldet aus Philadelphia, der österreichische Gesandte in Washington, von Schaeffer, sei abberufen worden. Diese Abberufung steht, wie man annehmen darf, mit der im vorigen Jahre vielbesprochenen Keiley-Angelegenheit in Verbindung. Keilet) war vom Präsidenten Cleveland zum Gesandten der Vereinigten Staaten in Wien ernannt worden, wurde aber dort zurückgewiesen, einmal weil er sich im Jahre 1871 tadelnd über die Besetzung Roms und über die Absetzung des Papstes ausgesprochen hatte, zum Andern, — und das soll eigentlich der Hauptgrund gewesen sein, denn was ging Oesterreich die nicht constatirte Auslassung Keiley's über Italien an — weil er auf dem Civilwege mit einer Jüdin getraut ist. Zwischen den auswärtigen Aemtern von Oesterreich und den Vereinigten Staaten enspann sich deshalb ein langer Schrift- 20*

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