Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1886)
- Date
- 1886-05-11
- Page
- Seite 314 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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welchen die jüdische Religion nicht gehört. In Folge dessen ist Geklagter auch heute noch als Katholik anzusehen, demzufolge die Klägerin mit Rücksicht auf den § 22 des G.-A. UV: 1868, wonach der katholische Ehegatte der kirchlichen Jurisdiktion unterworfen ist, ihre Klage zunächst beim kompetenten kirchlichen Gerichte hätte einbringen müssen. Die kön. Kurie bestätigte vor einigen Tagen das Urtheil der zweiten Instanz. AuS Galizien, 28. April. (Privatmitth.) Es ist nichts als eine Vorspiegelung, wenn die dem Adel verkauften Federn behaupten, die unruhige Bewegung unter den Bauern Westgaliziens sei gegen die Juden oder gegen den Adel und die Juden gerichtet. Das ist falsch. Die Bauern wissen zu gut, daß die Juden von den adeligen Großgrundbesitzern, den sog. Schlachtigen, nicht minder verächtlich be- und, wo sie es im Stande sind, selbst mißhandelt werden. Als man deshalb mit dieser Unwahrheit nicht weiter kommen konnte, behauptete man das Gegentheil: „Jüdische Gewerbsleute sollten die eigentlichen Agitatoren sein, welche den Bauern vorspiegelten, die in Umlauf gesetzte Petition für die Sonntagsruhe habe die Wiedereinführung der Roboth zum Inhalt. Alle diese Behauptungen wurden entlarvt, und man mußte nun zu „russischen Emissären" greifen. In Wirklichkeit sind die Motive zu der vorhandenen Gährung, welche z. B. das ganze Schulwesen im elendesten Zustande ließ, so daß in keinem europäischen Lande so wenig Menschen lesen und schreiben können, wie in den gedachten Bezirken, in der Uebervortheilung der Bauern durch den Ade! zu suchen. Wird für die intellectuelle politische und wirthschaftliche Hebung des westgalizischen Bauernstandes nichts gethan, so wird die Gährung fortdauern und endlich zu schwerem Blutvergießen führen. Die Juden werden darunter schwer mit leiden, aber weder Ursache noch Urheber sein. Frankreich. Paris, 28. April. Die antisemitische Schrift des Journalisten Drumont regt immer noch vielen Staub auf. Nicht als ob das Publikum dem dickleibigen Machwerk Aufmerksamkeit schenkte, aber die am heftigsten angegriffen worden, sind Journalisten, jüdische und christliche, getaufte und ungetanste, und deshalb dieser Lärm! Ueber die Vergangenheit des Drumont wird allerhand bekannt. Sie sind alle Eines Schlages, diese Antisemiten! Drumont war unter dem Kaiserreich der Redakteur des „Inflexible", eines schmutzigen und höchst aufreizenden Blattes gewesen, das, wie man später aus den Tuilerienpapieren feststellte, von der Geheimpolizei herausgegeben wurde, um Verschwörungen zu fabriziren. — Entlassen vom „Monde" — „Der Mohr kann gehen!" — stimmt er ein wehmüthiges Lied an, und rühmt sich, ein treuer Sohn der Kirche zu sein. Ob er dies im Dienste der „Uderts" auch war? Hat sich einmal der Antisemitismus an's Tageslicht gedrängt, dann verliert er alle Scheu und zeigt sich aller Orten. An Beispielen fehlt es nicht. Am 2. Mai werden die Pariser abermals einen Deputirten zu wählen haben, und zwar an Stelle des Laternenmannes Henri Rochefort's, der sein Mandat freiwillig niedergelegt hat, weil er beim Mangel aller Rednergabe keine Rolle in der Kammer spielen kann. Zwei Kandidaten sind für diese Wahl bereits aufgestellt: die Sozialisten aller Schattirungen mit den Journalen „Cri du peuple", „Jntransigeant" und „ France libre", an der Spitze wollen den eben in Villefranche verurtheilten Journalisten Roche in's Palais Bourbon senden, die übrigen radikalen Organe, „Justice" „Laterne", „Nation", „Radical", Röpublique radicale" und der „XIX. Siecle" haben sich von der Rochefort'schen Clique getrennt und Alfred Gaulier, Redakteur des „Rappel", als Kandidaten acceptirt. Herr Rochefort speit natürlich heute Feuer und Flammen über diesen Berrath seiner früheren Bundesgenossen. In Ermangelung eines Besseren ruft er den von ihm recht gerne gesehenen Antisemitismus zur Hilfe und wirft dem Herrn Clemenceau ganz im Drumont'schen Stile vor, daß er sich von einem Haufen Israeliten, wie Simons und Sigismond Lacroix (??) vom „Radical", Meyer von der „Lanterne" und Dreyfus („Nation") habe verleiten lassen. Und zn welcher Schandthat haben sie ihn verleitet? — Dem Christen Gaulier und nicht dem Christen Roche seine Stimme zu geben! Das ist das Verbrechen, welches Rochefort seinem bisherigen Freunde nicht verzeihen kann, denn Gaulier ist nur ein rechtschaffener, tüchtiger Mensch, der seit zwanzig Jahren ehrlich und uneigennützig für die Republik und die Sache einer vernünftigen Demokratie kämpft, Roche dagegen ein Reporter, der seiner Zeitung einen güWn Haufen solcher Nachrichten servirt hat und dafür vom Zuchthauspolizeigerichte, statt von den Geschworenen abgeurtheilt worden ist. „Roche und Duc-Quercy", rust der Chefredacteur des „Jntransigeant" aus, „sind ungerechterweise verurtheilt worden, und da will der Clemenceau den Gaulier swählen!" In der That unerhört! Denn wenn der Herr Clemenceau nicht ganz vernagelt wäre, müßte er wissen, daß jeder beliebige Mensch, der vom Gericht vermeintlich eine Ungerechtigkeit erfahren hat, ixso facto ein Anrecht auf einen Sitz in der Kammer hat. Das ist ein Axiom, das dem Herrn Rochefort gerade so geläufig ist, wie das ABC. Paris, 28. April. Herr Rochefort hat kürzlich die „Juden der Presse" für die ihm unangenehme Candidatur Gaulier's verantwortlich gemacht. Unter diesen „Juden" waren übrigens mehrere, welche ebenso gut stockkathvlische Eltern und Ahnen hatten, wie der Herr Marquis selbst.