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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-11 · Heft 20 (11.5.1886) · p. Seite 310

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 20 (11.5.1886)
Date
1886-05-11
Page
Seite 310 (sequence 6)
Language
German
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310 Schönerer parodirt, welcher ausrief: Ich stehe mit Schlössern und Burgen in Fühlung und kann sagen, unsere Sache steht sehr gut!) mit den Worten: Ich stehe mit der socialen Bewegung in Fühlung und kann Ihnen sagen, unsere Sache steht sehr gut! Wenn auch alle Parteien ausgespielt haben werden, eine wird maßgebend sein: die socialistische Partei! Bei diesen Worten erhebt sich der Regierungsvertreter und erklärt, er entziehe dem Redner das Wort. Die Menge ruft: Hoch Rießmann und klatscht Beifall. Hierauf erklärte der Commissär die Versammlung für aufgelöst. — Wiener Blätter bemerken: Der behördliche Commissär duldete keine Polemik gegen Schönerer, unterbrach die Redner und enzog ihnen das Wort. Darauf erhob sich ein wüster Sturm des Unwillens; man machte dem Commissär tobend den Borwurf der Parteilichkeit, umringte und bedrohte ihn, so daß er endlich flüchten mußte. Die Arbeiter durchzogen »och lange in Schaaren unter den Rufen: „Pereat Schönerer! Hoch die Arbeit!" die Stadt. Heute wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Graz, 29. April. Bei der gestern von der Creme der Bürgerschaft in äußerst zahlreichem Maße besuchten Versammlung der Schnlvereins-Ortsgruppe Graz erlitten die Antisemiten eine bedeutsame Schlappe, indem eine Vertrauenskundgebung für die Wiener Bereinscentrale mit 133 gegen 18 Stimmen votirt wurde. Die Rede des Obmanns vr. Schlosser gegen den Antisemitismus, insbesondere aber eine Stelle, in welcher Redner sagte, das unverfälschte Deutschthum ist in einen Personencultus ausgeartet, welcher von der Jnfallibilität der römischen Päpste nicht mehr zu unterscheiden ist, wurde mit brausendem Beifall ausgezeichnet. Wie sehr der österr. Kaiser den Antisemitismus perhorrescirt, davon wissen die Blätter wieder zu erzählen. Mit dem Künstler Gelli, einem Italiener, der gegenwärtig den Kaiser porträtirt, conversirt er ganz unbefangen über alle möglichen Themata. Einmal brachte Gelli die Rede auf den Antisemitismus und bemerkte, in Italien sei diese Erscheinung etwas ganz Unbekanntes. „So ist's auch recht," meinte der Kaiser; „ich schäme, mich, daß der Antisemitismus nach Oesterreich gedrungen ist." Literarischer Wochenbericht. London, im April. Herr Eduard Naville, ein Schweizer, hat im Frühjahr 1883 die von dem Egypt Exploration Fund veranstalteten Ausgrabungen auf der Stätte der alten egyptischen Grenzstadt Pithvm geleitet und die Ergebnisse in einem Werk niedergelegt, dessen bereits erschienene zweite Auflage völlig erschöpft ist: ein Beweis, wie großes Interesse diese Arbeit erweckt hat.') Da dieselbe in so engem Zusammenhänge mit der biblischen Erzählung der Erlebnisse Israels in Egypten und seines Auszuges aus demselben steht, wird es den Lesern d. Bl. vielleicht angenehm sein, einiges über dessen hauptsächliche Resultate zu hören. Es handelt sich um eine Lokalität, die jetzt Tell-el- Maskhutah heißt und etwa zwei Meilen westlich vom Timsah- See liegt. Lepsius und Maspero glaubten in diesem Orte das alte Ramses zu firrden, welches die Israeliten hatten erbauen müssen, und von dem aus sie ihre Wanderung nach Palästina angetreten haben. Jndeß alle dort ausgegrabenen Monumente sind dem Gotte Tum oder Harmachis geweiht; und Herr Naville entdeckte auf einem derselben geradezu als Namen der Stadt die Hieroglyphen Pi-Tum „Wohnung des Tum". Der Ort ist also das Pithvm der Bibel, die zweite von den Israeliten erbaute Stadt. Sie wurde die Hauptstadt des achten egyptischen Nomos Thuku und wurde deshalb später selbst Thuku genannt. Das egyptische Th, das offenbar gleich dem englischen tll ausgesprochen wurde, wird im Hebräischen durch ein o wiedergegeben, weshalb Herr Naville diesen Ort auch mit dem biblischen noo identificirt, dessen Name nur zufällig im Hebräischen einen Wortsinn besitze — eine Conjektur, die Res. nicht unwahrscheinlich findet. Unter den Ptolemäern wurde, wie die Inschriften beweisen, Pithom-Thuksu zu Heroopolis, in den römischen Zeiten zu Ero. Durch diese Entdeckungen werden alle kühnen Voraussetzungen Schleiden's und Brugsch über den Marsch der Kinder Israel längst der Küste des Mittelmeeres gänzlich beseitigt. Wahrscheinlich lag Pithom zur Zeit des Exodus am Strande des Rothen Meeres, das, nach geologischen Thatsachen zu schließen, damals die Bitterseen und den See Timsah umfaßte und dessen Niveau erst später allmählich relativ gesunken ist. Die ältesten Monumente, die man in Pithom gefunden hat, gehören Ramses dem Zweiten oder Großen an, der ja jetzt allgemein als der Pharao der Unterdrückung betrachtet wird. Nirgends wird auf den Denkmälern gesagt, daß er ältere Gebäude hergestellt habe: er ist folglich mit großer Wahrscheinlichkeit der Gründer von Pithom, was mit der biblischen Erzählung völlig im Einklang steht. Der Ort war vor allem eine Vorrathsstadt mit großen Magazinen für das Heer; so war Pithom zugleich geeignet zur Bertheidigung der östlichen Grenze Egyptens und zum Ausgangspunkte militärischer Unternehmungen der Pharaonen in Asien. Ramses II. hat mehrere solcher Städte im östlichen Delta bauen lassen, gerade wegen seiner zahlreichen Feldzüge und Eroberungen in Vorderasien. *) The Store-City of Pithom and the Koute of Exodus. Seoond editiou. London, Tiübner, 1885.

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