Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-11 · Heft 20 (11.5.1886) · p. Seite 309

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 20 (11.5.1886)
Date
1886-05-11
Page
Seite 309 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227630--43515-3263880
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

309 zwecke auf Verwendung, resp. Gewährung von Stiftungs- Mitteln Anträge stellen wollen, dieselben (nebst den dazu gehörigen Unterlage») spätestens bis zum 15. August 1886 bei dem Unterzeichneten Vorsitzenden des Curatoriums einzureichen. Für das laufende Jahr sind ca. 1400 Mk. verwendbar. — Exemplare des Statuts können bei dem Unterzeichneten Vorsitzenden in Empfang genommen werden. j Berlin, den 17. April. 1886. Das Curatorium der Zunzstiftung. I)r. S. Neumann. Dr. Abraham. Vorsitzender. Schriftführer. Bonn, 5. Mai. Gegen -en Antisemitismus in Oesterreich. In Oesterreich wandert jetzt der Antisemitismus umher, Anhang sich zu verschaffen, und Schönerer leistet dasselbe, was vor einigen Jahren Stöcker und Henrici in Preußen. Aber auch hier will das eigentliche Volk nichts von ihm wissen. Näheres giebt folgender Bericht aus Graz, wobei zu bemerken, daß daselbst und in Steyermark überhaupt nur äußerst wenige Juden wohnen. Es ist also dem Ritter von der traurigen Gestalt, Ritter von Schönerer, nur um Anhang zu thun. Er hatte eine Versammlung gehalten, in der er gedonnert und geschimpft: die Versammlung wurde nicht aufgelöst. Dieser gegenüber hielten die Arbeiter eine Versammlung ab, die aber ausgelöst wurde! Es ging so zu: Nachdem es der hiesigen Arbeiterschaft unmöglich gemacht worden war, bei der vorige Woche hier abgehaltenen Versammlung der Antisemiten zu Worte zu kommen und in dieser „öffentlichen" Versammlung nur Schönerer allein zwei Stunden hindurch das Wort führte, fühlte sich der Ausschuß des hiesigen Arbeitervereins „Wahrheit" veranlaßt, für den 27. d. eine Volksversammlung einzuberufen, um gegen das Vorgehen Schöucrer's Stellung zu nehmen. Die Versammlung, an welcher mehr als 1200, theils dem Arbeiter-, theils dem Kleingewcrbcstande angehörige Personen theiluahmen, wurde durch de» Arbeitersührer Gams eröffnet, welcher in seiner Begrüßungsansprache hervorhob, daß es die Grazer Arbeiterschaft für ihre Pflicht halte, gegen die antisemitische Strömung Stellung zu nehmen, damit man nicht weiter versuche, die Arbeiter für egoistische Zwecke und Handlangerdienste mißbrauchen zu wollen. Hierauf meldete sich Herr Rießmann, Redacteur des gemäßigten Socialistenblattes „Arbeit" zuni Worte und sagte etwa Folgendes: Es sei auffallend, daß jetzt alle politischen Parteien den Arbeitern die schwielige Hand drücken; insbesondere trete jetzt die sogenannte unverfälschtdeutsche Partei, besonders deren Abgott, an die Arbeiter heran. Dies sei aber reine Bauernfängerei. Die Herablassung eines Ritters sei nicht ernst zu nehmen. (Der Polizeicommissär unterbricht den Redner, dieses Thema verbietend. Oho-Rufe der Arbeiter. Der Commissär droht mit Auflösung der Versammlung.) Redner erklärt, er halte sich verpflichtet, gegen die Tendenz der „Unverfälscht-Deutschen" Stellung zu nehmen, weil Schönerer vor einigen Tagen in demselben Saale zwei Stunden hindurch in ganz anderer Weise gesprochen und sich hierbei auch im Namen der Arbeiter gerirt habe. Dies sei List und Heuchelei, denn derselbe Mann, der angeblich die Arbeiter vor Ausbeutung bewahren wolle, beute selbst seine ländlichen Arbeiter in unerhörter Weise den Sommer über aus und überlasse es ihnen, im Winter aus Liebe zum unverfälschten Deutschthum in den Städten Schnee zu schaufeln. Ebenso wenig ernst zu nehmen sei der Kampf dieses Mannes gegen die Verderbniß der Presse, er müßte zuerst bei seiner eigenen Presse den Anfang machen, denn die vierzehn Blätter, die dieser Ritter erworben habe und unterstütze, müßten als höchst verdorben bezeichnet werden. Wir einfachen Arbeiter halten — so führt Redner weiter aus — den Antisemitismus für ein Verbrechen an der Cultur! (Stürmischer Beifall, der Commissär unterbricht den Redner.) Wer es mit dem Volke gut meint, wird nicht Streit, sondern Frieden stiften. (Der Commissär mahnt neuerlich zur Mäßigung, da er sonst die Versammlung auflösen werde.) Redner erklärt, nunmehr Nachweisen zu wollen, wie inconsequent der Führer der Antisemiten sei. Im Jahre 1870 habe derselbe vollständig zur liberalen Partei gehalten; allein dort konnte seine Ehrsucht nicht Befriedigung finden, seine Geistesgröße fand nicht genug Anerkennung und er suchte Ersatz bei den — Arbeitern. Diese ließen sich Anfangs ködern, allein als sie ihn durchschauten, gaben sie ihm rechtzeitig deu Laufpaß. Von den Arbeitern abgewiesen, habe dieser Mann es nunmehr bei den Bauern versucht und als diese mit berechtigtem Mißtrauen opponirten, habe er sich dem Gewerbestande und der sogenannten „akademischen" Jugend genähert. Schönerer spreche nur von Ringstraßen- Millionärcn, von dem unbeweglichen Kapitale der großen Grundbesitzer scheine er gar nichts zu wissen. Und doch sei das Kapital nicht jüdisch, nicht christlich, sondern internationl, so wie es nur internationale Arbeit gebe. Als der Commissär den Redner abermals unterbricht, sagt dieser: Der Abgeordnete Schönerer hat in voriger Woche hier in einer Weise gesprochen, daß ich nur staunen konnte, daß er so reden durfte und daß es geduldet wurde, daß er wiederholt von Schuften, Betrügern und Schurken sprach; es sollte daher denn doch gestattet sein, seine Rede kritisch zu beleuchten. Redner spricht dafür, daß die Consumtion zur Production in ein richtiges Verhältniß gebracht werden müsse. (Auch dies findet der Regierungsvertreter anstößig und verbietet, darüber weiter zu sprechen.) Redner schließt (indem er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.