Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 20 (11.5.1886)
- Date
- 1886-05-11
- Page
- Seite 307 (sequence 3)
- Language
- German
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307 eilten Brudermord vollendet werden; unter jedem Untergründe eines soliden Baues giebt es Blut zweier Brüder." Dann erscheint „ein Prophet von Israel, ein Gefangener, der Alles von Babylon gesehen hat." Er spricht: „Das Wort Jehova's- So ermüden sich die Völker für das Leere und die Völker | mühen sich für das Feuer!" Diese Verse sind gewiß recht trostlos und am Schlüsse eines Dramas hinterlassen sie das Gefühl des Mißklangs in erhöhtem Maße. Aber Renan hat hier bewußt oder unbewußt völlig fehl gegriffen, vielleicht irre geleitet durch die Vulgata, da das Lateinische keinen bestimmten Artikel hat. Im Texte aber steht nicht D'Dj/n, sondern nur ccy und d'Cn^. Es heißt also nicht „die Völker ermüden sich fürs Leere, die Nationen für das Feuer", sondern nur Völker, Nationen, also einige Völker. Und dies bestätigt der Zusammenhang. Der ganze Vers (Jerem. 51,58.) lautet: „Die Mauern Babels, des weiten, umgestürzt sollen sie werden und seine Thore, die hohen, in Feuer verbrannt, daß Völker umsonst sich ermüdet, Nationen fürs Feuer sich gemüht!" Es sind demnach die Völker gemeint, die sich gemüht haben, Babel zu erbauen und seine Thore zu errichten — niemals aber sollten diese Worte einen generellen Sinn für die Arbeiten und Errungnisse aller Völker haben. Bei aller Lieenz, die wir dem Dichter zugestehen, bleibt dies an dieser Stelle und zu diesem Zwecke ein Mißbrauch des prophetischen Wortes. Denn der Dichter will ja durch den Ausspruch des „Propheten Israels" seinem Gedanken von der Nichtigkeit der Bestrebungen aller Völker der Menschheit einen besonderen Nachdruck und eine höhere Weihe geben. Dann durfte er aber den Worten des Propheten keinen falschen Sinn unterschieben. Brünn, im April. Die protestantisch-theologischen Fakultäten. Von Dr. G. Deutsch. In neuerer Zeit haben die theologischen Fakultäten nach zwei Seiten hin schwere Kämpfe zu führen. Auf der einen Seite macht man ihnen ihre Existenzberechtigung im Rahmen der Universität aus dem Grunde streitig, weil ihnen angeblich die unerläßlichen Bedingungen einer Wissenschaft, die absolute Voraussetzungslosigkeit, fehlen. Auf der andern Seite findet man sie zu wenig gläubig, und will auch die Bildung der evangelischen Geistlichen an Priesterseminarien übertragen, welche nach Art der katholischen Anstalten eingerichtet werden sollen, um den kirchlichen Behörden die Gewißheit zu geben, daß ihre zukünftigen Geistlichen nicht Lehren in sich aufnehmen, welche mit den kirchlichen Satzungen unvereinbar seien. Gegen beide Extreme wendet sich die angeführte Abhandlung i) mit vielem Geschicke. Wir haben zunächst die Legitimation dafür zu liefern, daß diese Schrift in den Bereich unserer Betrachtung gezogen werden kann. Diese Legitimation liegt zunächst in dem Umstande, daß wir ein Recht haben, die wissenschaftlichen Erscheinungen auf verwandtem Gebiete zu verfolgen, dann in einer Reihe ähnlicher Verhältnisse in unserem Gemeindeleben. Zunächst setzt sich der Verfasser mit den wissenschaftlichen Gegnern auseinander. Die theologische Fakultät hat ihre wissenschaftliche Berechtigung, indem sie sich von jeder geschichtlichen Dogmatik fernhält. Man muß den allgemeinen religiösen Begriff strenge scheiden „von der kirchlichen Ueberzeugung einer bestimmten Zeitperiode". Ebenso wendet er sich gegen diese, welche dem Studenten zurufen: „Auf den Knien mußt Du Theologie studiren." „Dieses Mißtrauen gegen die wissenschaftlichen Arbeiten der Theologen entspringt aus einem Vorurtheile; es sei das Fürwahrhalten bestimmter theologischer Formulirungen, denen zuliebe auch die Aufopferung der freien Ueberzeugung gefordert werden dürfe, die Signatur alles wahrhaft frommen Lebens." Mit dem sittlichen Ernste, welchen das Streben nach Wahrheit verleiht, wendet er sich gegen das moderne christliche Demagogenthum, das die tiefsten, schwierigsten religiösen und theologischen Probleme in den Lärm der Volksversammlung zu werfen keinen Anstand nimmt, etwas, worin die jüdischen Leser dem Verf. sicher zustimmen werden. Bei allem Schwanken der Urtheile über das, was zum Glauben eigentlich gehört, herrscht doch in dem Punkte volle Nebereinstimmung, nämlich in der Annahme geschichtlicher Thatsachen, „in denen sich Gottes auf das Heil der Menschheit gerichteter Wille kundgiebt." Diese Offenbarungsurkunden sind zunächst geschichtlicher Natur und darum können sie allein auf dem Wege historisch-kritischer Forschung sichergestellt werden. Wohl ist nicht zu leugnen, daß die Auslegung dieser Schriften oft zu ganz verschiedenen Ergebnissen für den Glauben führt. Es muß daher die Schrift ihr eigener Ausleger bleiben. „Scriptura seripturae interpres“, oder wie es bei Utls heißt: idib'd ‘td mst1 N'-pa pM. Hier beginnt der Verf. eine Polemik mit dem traditionellen exegetischen Gesichtspunkte der katholischen Kirche, welche die Lösung der verschiedenen Resultate in der Exegese in der von der traditionellen Autorität festgestellten Auslegung findet. Den Kampf gegen diese Autorität, die Unterscheidung zwischen der Kirche, ihrer äußerlichen Organisation und dem Reiche Gottes macht die 1) Von dem Wesen und der Ausgabe der evangelisch-theologischen Fakultäten. Rede beim Antritte des Rectorates am iS. Ort. 188t gehalten von Georg Heinriei. Marburg 1885. (23 S. 8.). 20*