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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-11 · Heft 20 (11.5.1886) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 20 (11.5.1886)
Date
1886-05-11
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 Longa, war der Mittelpunkt der alten lateinischen Völkerschaften und der grausamen Diana geweiht, welcher-hier reichliche Menschen- und Thieropfer dargebracht wurden. Der Priester dieses Heiligthums mußte seinen Vorgänger ermordet haben; nur unter besonderen Umständen konnte hiervon abgewichen werden. Es war zur Zeit, als soeben Rom von Romulus und Remus gegründet worden und deren wilde Bande den umwohnenden Völkern bereits fühlbaren Schaden zugefügt hatte; damals war Antistius Priester jenes Tempels und zwar ohne seinen Vorgänger getödtet zu haben. Dieser Antistius ist ein hoher, aufgeklärter Geist und von dem Drange beseelt, dem Volke „Vernunft, Gerechtigkeit und Humanität" zu lehren, ihm einen besseren Begriff von der Gottheit beizubringen und die Menschen- und Thieropfer abzuschaffen. Dies spricht er in seinen Reden aus und bethätigt es durch seine Handlungen. Aber er bringt hierdurch nur Murren und Unwillen im Volke, Widerstand unter seinen Untergebenen hervor. Die durch politische Parteien gespaltenen Bewohner von Alba Longa sind einig, den Kampf gegen Rom zu unternehmen, und man wird hier an 1870 erinnert, da das Volk immer und immer wieder rust: „Nach Rom, nach Rom!" obschon die einsichtsvolleren Führer die Vorbereitungen zum Kriege für ungenügend ansehen. Man will sich zum Kampfe die Gunst Dianens sichern und eine Hekatombe von Menschen und Thieren auf ihrem blutigen Altar opfern. Antistius verweigert dies; der Aufstand bricht auS; alle feinen schönen Reden und guten Werke sind spurlos vorübergegangen; ein Bandit Casca tödtete ihn. Aber die Sybille, die den Antistius verehrte und liebte, rächte ihn, indem sie den Casca niederstößt, doch sein Genosse Latro (Räuber) tritt an seine Stelle. Auch derjenige, welcher dem Antistius näher getreten war, Liberalis (Freisinnig), verläßt ihn in der Gefahr und vereinigt sich mit dem Volke zu einem großen blutigen Feste. Dies ist der Gang des Stückes, das allerdings mit dem Maßstabe der dramatischen Kunst nicht gemessen werden darf. Aber Jedermann sieht ein, daß dieses Gemälde auch nicht die geringste Analogie mit dem „hebräischen Messianismus" hat, der, bei allem Mißgeschick der Nation auf den Trümmern Jerusalems und in der Knechtschaft des Exils, immer und immer wieder die Wiederherstellung Israels und die dereinstige Vereinigung aller Völker zum Reiche des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe in begeisterten Reden verkündete, Reden, die durch alle Jahrhunderte bis in die Gegenwart und die Zukunft wiederhallen. Von allem dem kein Wort bei Renan. Es mag deshalb wohl nur ein augenblicklicher Einfall des Dichters gewesen sein, als sein Drama fertig war und er das Vorwort schreiben wollte. Vielmehr sehen wir in dem Drama zweierlei ausgesprochen, nämlich daß eine Reform der Kirche innerhalb der Kirche unmöglich sei, da bei dem Volke die Autorität derselben sofort ins Schwanken käme, wenn sie etwas von ihren Dogmen und Riten aufgäbe und das Volk selbst, das mit allen Fäden am herkömmlichen hänge, sich dem widersetzen würde, und ferner, daß ein Priester, der einem anderen Geiste huldige, Unrecht thäte, Priester zu bleiben und als solcher wirken zu wollen, so daß er sich nur nutzlos dem Untergange weihe. Wir glauben nicht fehl zu greifen, wenn wir hierin Renan's eigene Situation erkennen und seine Rechtfertigung, daß er dem Priesterstande Valet gesagt. Sehen wir uns nun die Ansichten des Antistius hinsichtlich seiner religiösen Ueberzeugung an. Wir brauchen nur zwei Citate hierzu. In der 2. Szene des 2. Aktes hält dieser Priester einen Monolog. Er sagt: „Nein, die Gottheit kann an der Ungerechtigkeit und dem Verbrechen kein Wohlgefallen finden. Der Jrrthum des Menschen darf gegen die Wahrheit der Dinge nicht obwalten. Die leidenschaftlichen, gierigen, selbstsüchtigen, bösen Götter existiren nicht. Diese Götter, die man beschwichtigt, die man gewinnt durch Geschenke, nicht durch Güte und Tugend, müßten unterdrückt werden, wenn sie beständen u. s. f." Weiterhin: „Die Götter sind eine Beleidigung für Gott. Erhabenes Wesen, das Alles belebt und Alles umfaßt, ich beuge mich vor dir. Die dunklen Wellen des Sehers von Nemi feiern dich, aber was bist du? Die Vernunft der Welt und die Liebe selbst. Wenn man in deinem Namen den Haß und den Tod befiehlt, lästert man dich. Du bist der Vater der Wesen; in dir sind alle Wesen Brüder. Ich fühle mich als deinen wahren Priester, wenn ich den Menschen die Brüderlichkeit und die Liebe predige." Aber der Priester bleibt hierbei nicht stehen. Er sieht voraus, daß die Kirche, die den einzigen Gott bekennt, auch die Vorstellung und den Begriff von ihm entstellen und ihn mit „launischen und selbstsüchtigen Eigenschaften ausrüsten werde." „Die besondere Handlungsweise sagt er, welche der gemeine Hause den Göttern zuschreibt, eine vorgeblich aufgeklärte Theologie wird sie später Gott zuschrcibcn. „Nein, bete die ewige Ordnung an und suche dieser dein Leben gleich zu gestalten." „Die Thränen, diese sind das ewige Opfer, die heilige Libation, das Herzenswasser. Unendliche Freude! o wie süß ist es zu weinen." Wir sehen also den Priester bei dem inhaltlosen Begriff „der ewigen Ordnung" anlangen, und es kommt uns dabei die Erinnerung an die letzte Schrift von David Strauß ein, der an die Stelle der Religion die Anbetung des Universums setzen wollte — des Universums» das ein Ausfluß der göttlichen Weisheit, aber für den Menschen ohne sittlichen Gehalt ist, da es sich aufbaut durch die Absorption einer Wesenreihe durch die andere. Aber auch hierin erblicken wir die Entwickelung der Gedankenfolge Renans. — Kommen wir nun noch zu dem Schluffe des Dramas. Ein Bote aus Rom verkündet: „Romulus hat seinen Bruder getödtet. Die Stadt ist gegründet. Die Gründung jeder Stadt muß durch

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