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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-04 · Heft 19 (4.5.1886) · p. Seite 300

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 19 (4.5.1886)
Date
1886-05-04
Page
Seite 300 (sequence 12)
Language
German
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300 von Paris, des „Temps“ vom 22. April, anführen: „Sollen wir in Frankreich einer antisemitischen Agitation beiwohnen, gleich der, von welcher man in den letzten Jahren den traurigen Anblick in Deutschland und Ungarn gehabt hat! Man könnte es fast denken bei der Lectüre des giftigen Pamphlets in zwei dicken Bänden, welches Eduard Drumont soeben unter dem Titel „La France juive“ veröffentlicht hat. Der Eindruck, den diese Schrift gemacht, war in Anbetracht der persönlichen Stellung ihres Verfassers in der katholischen Welt ein recht lebhafter; Drumont ist einer der Redakteure des Nonäs, eines Journals, das für das Organ des Erzbischofs von Paris gilt. Man konnte daher fragen, ob der Verfasser, ehe er eine Streitschrift von so außerordentlicher Heftigkeit, nicht blos gegen alle bedeutenderen Persönlichkeiten der französischen jüdischen Gesellschaft, sondern auch gegen alle Männer, welche geschäftliche oder freundschaftliche Beziehungen zu Israeliten gehabt, verfaßte, nur seinen eigenen Inspirationen gefolgt sei, oder ob das Erscheinen seines Buches nicht der erste Act eines antisemitischen Feldzuges ist, der unter den Auspicien und mit der Autorisation der Häupter der katholischen Partei unternommen sei? Es ist dies wenig wahrscheinlich; Drumont's Pamphlet ist sicherlich ein ganz persönliches Machwerk. Aber es ist schon schlimm, daß man hierüber einige Zweifel fassen konnte." Hierauf verspottet der „Temps“ die Unterscheidung, welche Drumont in einer geradezu lächerlichen Weise zwischen den Semiten und Ariern aufstellt. Ein Buch, das von solchen Ansichten ausgeht, könne nur ein Werk des Hasses sein. Man könne sich nicht vorstellen, welche Masse von Verleumdung der Verfasser gegen alle Personen aufgehäuft habe, welche in den letzten Jahrzehenden außerhalb der katholischen Partei die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Dabei hat der Verfasser auch nicht die geringste Gewissenhaftigkeit in seinen Angaben und Citaten. Er schöpft aus den gemeinsten Blättern und den niedrigsten Schriften, so daß er fast immer in die gröbsten Jrrthümer verfällt. Kurz, die Juden sind die Ursache aller Uebel, die in der Welt vorhanden sind. Dies ist die These, die der Verfasser in eintöniger und geistloser Weise wiederholt. Der „Tomps“ schließt: „Uebrigens sind in dem Buche Drumonts die Protestanten und die Freimaurer um nichts mehr geschont als die Juden. Es ist eine allgemeine Niedermetzelei. Das, km Francs juive“, ein Werk des Fanatismus, kann kein anderes Resultat haben, als der Sache zu schaden, welcher sie zu dienen vorgiebt." — Diese vernichtende Kritik findet allgemeine Zustimmung — wenn auch die Gesinnung selbst nicht in allen Geistern die lauterste ist. Uebrigens hat der Erzbischof von Paris im Oauloio erklärt, daß er von dem Erscheinen des Buches nichts gewußt und es höchst mißbillige. Im Duell mit Arthur Meyer erhielt Drumont eine starke Verwundung. Großbritannien. London, 22. April. Gewissen eontinentalen Blättern gegenüber, welche für „den Juden Beaeonsfield" nicht genug Schmähungen haben, sei folgende Correspondenz hier wiedergegeben." Gerade vor fünf Jahren starb Lord Beaconsfield. Den Todestag des berühmten Staatsmannes pflegen die Verehrer dadurch zu begehen, daß sie sich mit der Primel, welche die Lieblingsblume Benjamin Disraeli's war, schmücken. Die Primel hat seit den letzten fünf Jahren in England eine eben solche politische Bedeutung erlangt, wie einst die weiße und die rothe Rose, und sie bildet jetzt so zu sagen das Wahrzeichen der Torypartei. Der Primelncultus führte schließlich zu der Gründung der sogenannten „Primeln-Liga", die es sich zur Hauptaufgabe macht, im Sinne der politischen Grundsätze Lord Beacvnsield's dem Radikalismus entgegenzuarbeiten. Die Liga zählt jetzt über 240000 Mitglieder. Rußland. Petersburg, im April. Auch der „Hameliz", berichtet aus „vertrauenswürdiger Quelle", daß die sogenannte Judenkommission beschlossen habe, den Rayon der Berechtigung zur Niederlassung für die Juden innerhalb zwölf Jahren allmählich immer mehr und mehr zu erweitern, so daß zu dem angegebenen Termin jegliche territoriale Beschränkung für die Juden zu existiren aufgehört haben werde. Diese Nachricht, welche wahrscheinlich unbegründet ist, hat die antisemitische „Nowoje Wremja" in furchtbare Aufregung versetzt. Dies wäre wäre freilich eher ein Beweis für die Richtigkeit der Nachricht. Zürich, im April. In der so vielfach ventilirten Frage möchte wohl eine entscheidende Antwort gegeben sein in einem Rundschreiben der schweizerischen Bundeskanzlei an die Staatskanzleien sämmtlicher Kantone, betreffend den Aufenthalt der Israeliten in Rußland. Dasselbe ist abgedruckt im schweizerischen Bundesblatt Nr. 10 vom 13. März d. I. und lautet folgendermaßen: „Die kaiserlich russische Gesandtschaft bringt mit Note vom 3. ds. Monats zur Kenntniß, daß sie gemäß Artikel 486, Ziffer 2 des Reglements über das Paßwesen vom Jahre 1876 und dem Ukas des leitenden Senates vom 18. April 1885 nicht befugt ist, Juden, welche sich nach Rußland begeben wollen, ohne die hierzu erforderliche Bewilligung des Ministeriums des Innern erhalten zu haben, die Pässe zu visiren. Israeliten, welche ihren Wohnsitz im Auslande haben und sich vorübergehend in Rußland aufhalten, werden daselbst nicht länger als ein Jahr geduldet. Dies hat auch nur den Zweck, ihnen die Ordnung ihrer Angelegenheiten — Handelsgeschäfte oder Prozesse — zu ermöglichen. Sie sind,

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