Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1886)
- Date
- 1886-05-04
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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thätigkeitssinnes willen sonst hochschätze, hat in gutem Glauben zuerst eine Verbindung mit den Christlich-Sozialen anzubahnen gesucht. Es stellten sich dann Mitglieder der inneren Mission in unseren Versammlungen ein, machten Besuche bei den Mitgliedern und manche von unfern Mitgliedern haben dann die Theeabende der innern Mission besucht. Wir hatten keinen Argwohn, denn unsere Mitglieder werden nicht so leicht fahnenflüchtig und ich kann wohl mit gutem Gewissen behaupten, daß keines derselben dort bekehrt ist. Die ganze Sache hatte einen rein persönlichen Charakter, die Mitglieder waren dort als Privatleute, vielleicht hofften sie dort ihre Meinung zur Geltung zu bringen. Ich selbst habe Herrn Stöcker nie gesehen. Die Arbeiterinnenvereine kommen mit großem Elend in Berührung und können nicht immer genügend helfen. Man kann es da eigentlich nicht immer tadeln, wenn ein Mitglied sich an eine Stelle gewendet hat, die über große Mittel für Werke der Barmherzigkeit verfügt. Aber mit Wohlthaten Anhänger einfangen zu wollen, ist nicht unsere Sache, darin sind wir, glaube ich, christlicher als Andere." In der Debatte sprachen sich zunächst Herr Heilmann und Herr Zubeil gegen jede Annäherung an die Christlich- Sozialen aus. Dann ergriff Fräulein Wabnitz das Wort. Es scheint, daß diese unerschrockene Streiterin nicht vorsichtig genug gewesen ist und sich näher an Herrn Stöcker herangewagt hat, als ihren Genossinnen lieb ist. Sie hat die frommen Thee-Atende besucht, bestreitet aber, damit einen Fehler begangen zu haben. „Ich fürchte Herrn Stöcker gar nicht und glaube ihm vollständig gewachsen zu sein. (Heiterkeit.) Fräulein Ulrig, die auch dort war, und ich, wir sind schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, mit uns ist nichts zu machen, ich stehe auf rein naturwissenschaftlichem Standpunkt. Ich lasse mir meine persönliche Freiheit nicht verkürzen und wenn Stöcker eine Frauenversammlung einberuft, bin ich doch dort und trete dort ein für religiöse Freiheit, Wohlstand und höhere Bildung. Es wäre gar nicht nöthig gewesen, die Sache so aufzubauschen." Frl. Wabnitz scheint damit das „erlösende Wort" gesprochen zu haben, denn die Erörterung geht auf ein anderes Gebiet über. Frau Cantius und Frau Vötting vertheidigen den Nordverein gegen einige Seitenhiebe, die vorher gefallen sind. Dann erhält Herr Millberg das Wort, der sich als Christlich-Sozialer und Antisemit vorstellt, damit aber sofort lebhafte Unruhe hervorruft, die sich zum Tumult steigert, als er der Frauenbewegung vorwirft, nach sozialdemokratischer Seite hinzuneigen und Frau Büge's Namen in die Erörterung zieht. Da der Tumult immer mehr anwächst, erfolgt die polizeiliche Auflösung der Versammlung. Herr Millberg, der einige unliebsame Redensarten hören muß und sich von aufgeregten Gesichtern umgeben sieht, stellt sich unter den Schutz des Polizeilieutenants." Man sieht aber doch auch hieran, daß mit aller Mühe und allem Gelde die Christlich-Sozialen und Antisemiten es nicht weit bringen! Frankfurt a. M, 22. April. (Privatmitth.) Bon hier können wir ein höchst erfreuliches Factum berichten, daß in seiner Art wohl noch einzig ist. Es ist bereits öfter in d. Ztg. über die von Rabb. Dr. Horovitz gegründete und geleitetete „israelitische Religionsschule" Mittheilung gemacht worden. Für diese gegenwärtig von 135 Schülern und 109 Schülerinnen besuchte Religionsschule wird nun ein eigenes Gebäude erbaut. Die „Verwaltung der Religionsschule" sagt darüber in ihrem Berichte: „Schon lange haben wir den Mangel eines eigenen Lokals schwer empfunden. Es war daher unser sehnlicher Wunsch, daß die Schule ein eigenes Heim besitzen möge. Die großmüthigen Zuwendungen verschiedener Freunde der Anstalt haben es uns endlich ermöglicht, ein Grundstück (Hermesweg 25 und 27) zu erwerben. Hier wollen wir unser Schulgebäude errichten und mit demselben eine Synagoge verbinden, welche eine Fortsetzung der früher in der Judengasse befindlichen Löb Reiß'schen Synagoge bilden soll. Die Baupläne sind von uns genehmigt, die Ausführung vergeben, und bis zum Sommer nächsten Jahres hoffen wir den Neubau beziehen zu können. Freilich fehlt uns zur Zahlung der Baukosten noch eine größere Summe; dennoch haben wir im Vertrauen auf das gütige Wohlwollen unserer Freunde, die uns bisher zur Seite gestanden haben, den Bau begonnen." Dortmund, 19. April. Gegen vr. Bernhard Förster ist, wie der „Bolksztg." aus Dortmund geschrieben wird, von der dortigen Staatsanwaltschaft ein Steckbrief erlassen worden. Förster wurde wegen einiger Aeußerungen, welche er im vorigen Jahre als antisemitischer Wanderredner in einer Versammlung zu Dortmund über die angeblich jüdische Abstammung des Ministers v. Goßler gethan hatte, auf Antrag des Letzteren der verläumderischen Beleidigung angeklagt. Als die Sache vor der Strafkammer verhandelt werden sollte, ließ Förster durch einen antisemitischen Freund mittheilen, daß er vor wenigen Tagen die Rückreise nach Paraguay angetreten habe. Damit konnte sich das Gericht natürlich nicht zufrieden erklären, es ordnete die Untersuchungshaft an, und da dieselbe nicht vollstreckt werden kann, so ist jetzt der Steckbrief erlassen worden. Herr Förster wird nun wohl auf fernere Besuche in Deutschland verzichten. Bon der Erst, im April. (Privatmitth.) Die jüdische Privatschule in Kerpen wurde jüngsthin von der Königl. Regierung in Köln zu einer öffentlichen erhoben und Herr Abel, der nunmehr seit circa 7 Jahren sehr segensreich dort wirkt, definitiv angestellt. Wir möchten diesen Fall zur Nachahmung mittheilen; denn was jener Gemeinde bei einer Schülerzahl von elf, sage elf Kindern gelang, dürfte anderen