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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-04 · Heft 19 (4.5.1886) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 19 (4.5.1886)
Date
1886-05-04
Page
Seite 295 (sequence 7)
Language
German
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295 daß sie vielmehr alle diejenigen zeitlichen Gestaltungen des früheren Judenthums nach den uothwendigen Bedingungen, welche die veränderten Verhältnisse und Gcistesrichtungen setzen, umzugestalten, fallen zu lassen und neubelebende einzuführen sich berechtigt, ja verpflichtet hält, um die Bekenner des Judenthums ihrer Religion und die Religion ihnen zu erhalten, näher zu bringen und von Neuem in ihnen wurzeln zu machen. Noch ein Moment müssen wir hervorheben. Auch in dem Grundprinzip und der wesentlichen Tendenz sind der Talmudismus und der Karäismus völlig gleichartig. Wie wir an einem anderen OrteZ erwiesen haben, besieht dieses Grundprinzip darin, daß nicht blos alles Recht (Jus) religiös, sondern auch alles Religiöse Recht ist, woraus die juridische Behandlung der Religion erfließt. Ist aber Alles Jus, so hängt es nicht von der freien Erwägung des Menschen ab, sondern muß von der religiösen Autorität als dem Organe der Rechtsinterpretation bestimmt sein. Dies findet nicht blos in Bezug auf das Ceremonielle, sondern auch auf das rein Ethische statt, ebenso auf die Handlungen der Barmherzigkeit, das Verhalten der Eltern, der Kinder, der Schüler, wie auf die Praxis des Cultuellen in Synagoge und Haus. Ueberall treten bestimmte Vorschriften ein und wird das Minimum festgestellt, mit welchem das Vergehen, die Uebertretung beginnt. Diesen Charakter des Talmudismus hat auch der Karäismus zu seinem Inhalt und in seiner Tendenz. Von jeder Individualität, Oertlichkeit und Zeitgemäßheit ist abstrahirt. Höchstens die Lebensgefahr macht eine Ausnahme. Das Gewissen ist nur lediglich in der strengen Beobachtung des Borgeschriebenen thätig, und zwar allein als Entweder- Oder. Hier ist es nun, wo die Reform des Judenthumseinsetzt. Sie will die Religion aus den Banden des Jus befreien und wieder in die höhere Sphäre des seelischen Lebens erheben. Das Bewußtsein, das Gewissen, die Befriedigung des religiösen Bedürfnisses, die Erwägung des Individuums nach seinen eigenartigen Verhältnissen und Bedingungen, mit einem Worte der sittlich religiöse Gehalt jeder menschlichen Handlung verleiht derselben den wahren Werth, die eigentliche Bedeutung. Nicht die bloße Hebung der Form als vorgeschrieben, sondern die Ausfüllung derselben mit sittlichem gedanklichem Gehalt, ist das Ziel der Religion, die Erziehung des Menschen zur wahren und inneren Heiligung. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 18. April. Die neueste Lieferung der Revue des Etudes juives Nr. 23 (Januar bis März 1886) ent- >) Siehe unsere Weltbewegende Fragen Theil 11. S. 3G8 ss. hält an erster Stelle „biblische Untersuchungen" von I. Halcvy, unter welchen die über die Religion des Zehnstämmereichs nach dem Zeugniß des Propheten Hosea von besonderem Interesse ist. Auffallend ist es uns, daß der Verf. sich des Wortes „Hexateuch" (6 Bücher) nach dem Einfall deutscher Gelehrten andauernd bedient, indem das Buch Josua zu den 5 Büchern Mosis gezogen wird. Es ist wahr, daß das Buch Josua an Geist und Ausdruck der Thora sehr nahe steht. Aber es geradezu mit der letzteren zu verbinden, dagegen spricht einerseits, daß das 5. Buch Mosis vollständig abgeschlossen ist; es endet mit den letzten Reden, dem Sange und Segen Mosis und dem kurzen Bericht über dessen Tod; andrerseits hat der Inhalt des Buches Josua mit dem des 5. Buch Mosis garnichts gemein. Das letztere wiederholt das Gesetz und enthält so gut wie gar nichts Geschichtliches, während das Buch Josua nur Geschichte und zwar die der Eroberung und Bertheilung Palästinas umfaßt und mit dem Tode Josuas endet. Es ist also gar nicht abzusehen, wie man es mit dem Pentateuch zu einem Werke vereinigen und den tradirten Namen deshalb ändern will. Dies geht aber auch nur in der äußerlichen griechischen Bezeichnung; der übliche hebräische Titel min nB'Dri läßt sich in keiner Weise ändern. — Es folgt eine interessante Geschichte der Juden von Carpentras unter der päpstlichen Herrschaft von Isidore Löb; rabbinische Bemerkungen von I. Derenbourg; Moses Hanakdan, Glossator der Grammatik Joseph Kimchi's, von W. Bacher; A. Neubauer setzt seine „noch nicht gedruckte Dokumente" fort und I. Dukas beendet die Mittheilung ungedruckter Briefe von Salomon Azuli an Peirese. Noten und Vermischtes folgen und eine bibliographische Revue (mit Kritiken) von Isidore Löb. Die Gesellschaft hat sich entschlossen, ihre Aktenstücke regelmäßig der Revue hinzuzufügen, und so enthält das Heft auch den Vortrag des Herrn A. Franck „über die Erbsünde und das Weib", über welchen wir bereits berichtet haben. Wir fügen die Bemerkung hinzu, daß jüngst Herr Perrot, Mitglied des Instituts und Director der Normalschule, in gedachter Gesellschaft einen Vortrag gehalten hat, in welchem er den Plan zum Tempel von Jerusalem nach dem Propheten Ezechiel auseinandersetzte. Er will ein Werk über die jüdische Kunst veröffentlichen und aus diesem ist der Vortrag ein Kapitel. Er begnügte sich nicht mit einer wörtlichen Auseinandersetzung, sondern legte auch Pläne und Ansichten vor. Selbstverständlich mußten dabei viele Stellen des Propheten näher erörtert werden, deren Auslegung bestritten werden kann. — Zu den Publikationen des Vereins gesellte sich jüngst: Tables du calendrier juif depuis l’ere ehretienne jusqu’au XXX e sifecle avec la concordance des dates juives et des dates cliretiennes et uue methode nouvelle pour calculer ces tables par Isidore Loeb. Paris Durlacher 1886. Das vorliegende

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