Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1886)
- Date
- 1886-05-04
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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293 Er soll eben in erster Reihe ein Unterricht für die Gegenwart, für das Leben sein, der Jugend neben der Erfassung des ewig Wahren, des Wesens der Religion, der religiösen Idee und ihrer geschichtlichen Entwickelung, auch verständnißvollen Einblick in die Strömung der Zeit, die religiösen Verhältnisse im Innern des Judenthums, wie dessen Stellung und Beurtheilung nach Außen hin erschließen, die Jugend zur Theilnahme an den Angelegenheiten des Glaubens erziehen, und vor allem auf die Fragen eine Antwort zu geben suchen, die dem denkenden, wissenschaftlich strebenden Jünglinge sich aufdrängen, und zu deren befriedigender Lösung er eines Führers und Lehrers bedarf, wenn diese Unklarheit ihm nicht dauernd anhaften und ihn zu bedauerlichen Verirrungen führen soll. Es wird deshalb bei dem Unterrichte dem Schüler Gelegenheit geboten, das, worüber er im Dunkeln, worüber klar und unterrichtet zu werden es ihm vor allem drängt, selbst zur Sprache zu bringen und seine eigene bisherige Ansicht auszusprechen. Gewiß, ich verkenne es nicht, ein eigenartiger Weg, aber ich stehe auch eigenartigen, schwierigen Verhältnissen gegenüber, habe diesen Weg mit vollem Bedacht eingeschlagen und werde ihn vertreten." — An Plätzen, wo der jüdische Religionsunterricht in die höheren Lehranstalten noch keinen Eingang gefunden, ist das Verfahren des vr. Bamberger gewiß nachzuahmen. Er hat bis jetzt 11 Jünglinge um sich gesammelt, und wird das Interesse, das er ihnen einzuflößen versteht, die Zahl gewiß vergrößern, l) Vom Karäismus. Unsere Darstellung der Theorie Mendelssohns hat uns correspondenzlich mehrfache Fragen zugeführt. Die eine der> selben ging dahin: in wie weit die neuere Reform des Judenthums dem Karäismus gleiche, wobei der Fragesteller sich darauf stützte, daß die Reformer schon öfter als Karäer bezeichnet worden seien. Allerdings hat man vom gegenwärtigen Standpunkte aus eine andere, minder feindselige Anschauung gewonnen, als früher vorhanden war, wo längere Zeit eine heftige Polemik zwischen den Rabbaniten und Karäern geführt wurde, und der Gegensatz zwischen beiden ein *) Auch aus Hamburg berichtet man uns über die Wiedereinführung der Confirmation: Die Confirmationsfeier am 11. d. im israelitischen Tempel bot der zahlreich versammelten Gemeinde ein andachtsvolles Bild. Nach der in jeder Hinsicht zündenden Einleitungsreve des Predigers vr. Leimdörser über den Text in Jesajah: „An alle deine gottunterrichteten Kinder knüpft sich reiche Friedenssülle", sprachen Kinder von Mitgliedern der Portugiesengemeinde, des Synagogen- und des Tempelverbandes, also aller religiösen Schattirungen der hiesigen Judenschaft, ihr Glaubensbekenntniß aus, worauf sie von ihrem Lehrer, dem genannten Prediger in erhebender Weise eingesegnet wurden. sehr entschiedener war. Der neuere Geschichtsschreiber muß den Karäismus immerhin als ein eigenthümliches Erzeugniß des jüdischen Geistes anerkennen, das eine gewisse Nothwendigkeit, also auch Berechtigung in sich trug. Gehen wir deshalb auf die obige Frage ein. Es ist eine eigenthümliche, aber naturgemäße Erscheinung, daß sowohl am Anfänge der talmudischen Entwickelung, als auch bei deren Abschluß sich der Widerspruch einstellte und äußere Gestaltung gewann. Als die traditionelle Auslegung an Inhalt und Autorität sich ausdehnte, erstand die Sekte der Sadduzäer, welche die ganze als von Moses selbst herrührende Tradition und die an diese sich knüpfende weitere Auslegungsweise des Gesetzes verneinte, sich lediglich an das Wort der heiligen Schrift, im engeren Sinne an das der Torah halten und die freie Interpretation nach dem einfachen Verständniß üben wollte. Diese Sekte, die sich dadurch sowohl in gewissen Dogmen als auch in der Auffassung des Gesetzes von den Anhängern der traditionellen Erklärung unterschied, nahm auch einen politischen Charakter an, da sich ihr vorzugsweise die Vornehmen und Reichen anschlossen, während jene, die Pharisäer, im Volke einen breiten Boden besaßen. Mit dem Falle Jerusalems wurden die Anhänger dieser Sekte, so weit sie dem Verderben entgingen, zerstreut, und da außerdem das Sanhedrin ganz in die Hände der Anhänger der Tradition überging, verschwanden die Sadduzäer als Sekte. Dies verhinderte jedoch nicht, daß im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Männer auftraten, welche sadduzäischen Ansichten huldigten. Von solchen genährt, war es um 760 der gew. Zeitr. ein gewisser Anan ben David, der jenen neues Leben einflößte. Allerdings waren es äußere Verhältnisse, die ihn zu einem entschiedenen Schritte führten, aber diese gingen doch aus inneren Momenten hervor. Gerade wegen seiner schismatischen Ansichten verhinderten die orthodoxen Schulhäupter seine Wahl zum Resch-Glutha, auf welche er als Erbe seines Oheims Salomo Anspruch hatte, und setzten bei dem Khalifen el-Mansnr die Wahl seines Bruders Chananja durch. Hierdurch aufs Aeußerste entrüstet, verließ Anan mit seiner Familie und einigen Jüngern Babylonien, zog nach Jerusalem und stiftete hier eine Schule, welche bald im Volke Anhang und durch begeisterte Sendlinge an vielen Orten Gemeinden gewann und sich zu der Sekte ausbildete, welche den Namen Karäer empfing. Wir wollen hier weder in die Geschichte des Karäerthums, noch in die Dogmatik Anans eingehen, welche letztere mit der damals sich ausbildenden islamitischen Religionsphilosophie viel Gemeinsames hattet) Der Kernpunkt der *) Vgl. Geschichte des Karäerthums von vr. Julius Fürst drei Bände; und das lichtvolle Kapitel über den Karäismus in Josts Gesch. d. Judenth. u. s. Sekten Bd. II. S. 301 ff.