Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-04 · Heft 19 (4.5.1886) · p. Seite 292

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 19 (4.5.1886)
Date
1886-05-04
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227629--43497-3263861
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

292 nünftigerweise als ausreichend nur bezeichnet werden kann, wenn sie durch eine lange Reihe von Jahren gegeben werden. Die Gewohnheit, die Kinder möglichst spät in die Religionsschule zu bringen und möglichst früh wieder aus derselben zu nehmen, kann nicht zum Ziele führen." „Die Summe dessen, was die Religion im Leben wirken soll, läßt sich wohl zusammenfassen in eine kurze Formel und in kürzester Zeit. Aber die Lehren, die zu diesem Endzwecke führen, können auch vom geschicktesten Lehrer nicht in der Spanne Zeit mitgetheilt werden, während man auf einem Fuße steht. Etwas derartiges aber — man wird es ja cum grano salis verstehen — wird uns zugemuthet, wenn man von der homöopathischen Dosis, welche eine überaus kurze Benutzung der Religionsschule an religiösem Wissen bieten kann, eine dauernde und ersprießliche Wirksamkeit verlangt. Es ist darum auch durchaus nicht erstaunlich, wohl aber tief zu beklagen, wenn wir in unseren Tagen bei sonst gut unterrichteten Leuten bisweilen einer Unkunde in religiösen Dingen begegnen, die nicht mehr blos als Defect in religiöser Bildung, sondern in Bildung überhaupt bezeichnet werden kann. Das ist ein Punkt, dessen kurze Erwägung vielleicht von praktischem Werthe sein könnte. Wir stellen sie folgendermaßen an: Wir Menschen können zwar Einfluß üben auf Gegenwart und Zukunft, nicht aber auf die Vergangenheit, sie ist wie sie ist. So läßt sich denn auch die Thatsache nicht wegschaffen, daß unsere heutige Cultur aus den geistigen Hervorbringungen Judäas, Griechenlands und Roms entsprungen ist. Nicht zu wissen, daß es einen Homer, einen Socrates gab, bezeichnet man daher als Ignoranz und nichts näheres zu wissen über Abraham, Moses, Jesaias sollte keine sein? Vielleicht meinen die Leute, die von diesem Wissen frei sind, daß man ihnen diese Unkenntniß noch nicht als Mangel an allgemeiner Bildung im Leben vorgeworfen habe. Aber man vergesse nicht, daß man heutzutage höflich ist und Niemand in's Gesicht hinein sagt, wie man über seine allgemeine Bildung denkt. So viel ist sicher, daß diejenigen Männer, denen wir am ehesten die Erkenntniß zutrauen, welche Schriften am ersprießlichsten für Geistesculiur sind, ich meine die Dichter, auf welche die deutsche Nation stolz ist, durch ihre eingehende Kenntniß und Benutzung der biblischen Schriften auch alten Testaments uns überraschen. Ich erinnere, um nicht auf einen Gegenstand, der uns hier ferner liegt, näher einzugehen, an das Verhältniß von Goethe's Faust zu Hiob, an Goethe's bibelkritische Aufsätze, an sein Urtheil über das Buch Ruth, ebenso an die Art, wie der kaum 18jährige Schiller die biblische Erzählung von Joseph in seiner ersten dramatischen Leistung höchst wirksam zu verwerthen versieht. Ich breche ab, weil es mir persönlich nicht lieb ist, auf einen außerhalb der Sache liegenden, rein weltlichen Gesichtspunkt erst aufmerksam machen zu müssen. um den Werth des religiösen Wissens in's Licht zu stellen. Aber, wie die Zeiten jetzt liegen, ist vielleicht der Hinweis, daß man ohne Bibelkunde oft kaum ein Zeitungsblatt versteht, ebenso wirksam wie der Hinweis auf die religiöse und moralische Seite der Sache." — Das zweite Programm ist von Rabbiner Dr. Bamberger in Königsberg. Die Religionsschule wird gegenwärtig von 367 Zöglingen besucht, nachdem 84 in Folge der Ausweisungen die Anstalt verlassen mußten. Es sind darunter auch 8 „Confirmanden", so daß also in Königsberg die Institution der Confirmation aufrecht erhalten wird. Dr. B. läßt sich über die von ihm eingerichtete „Selecta der Religionsschule" aus. Auch wir hatten schon 1834 eine Selecta an der von uns gegründeten Religionsschule zu Magdeburg eingerichtet (Siehe unser Jsr. Predigt- und Schulmagazin Bd. I. 91.) Es war aber eine für die Knaben berechnete „Studienklasse", welche eine größere Kenntniß des Hebräischen, die Kenntniß der Commentare und der Mischnah erwerben wollten. Anders ist es mit der in Rede stehenden Selecta. Dr. B. sagt hierüber: „Die Selecta ist zunächst im Hinblicke auf diejenigen jüdischen Schüler der oberen Klassen höherer Lehranstalten errichtet, welche eines Unterrichtes in der Religion entbehren. Gerade in der Gegenwart und der herrschenden Strömung gegenüber erscheint es ebensosehr als heilige Pflicht, wie als ein unabweisbares Bedürfniß, wie endlich als eine Ehrensache jüdischer Eltern, aus eigener Initiative und ohne behördlichen Zwang den religiösen Sinn der Jugend zu pflegen und zu kräftigen, sie mit den so vielfach verkannten Grundlehren des Judenthums bekannt zu machen und in den Stand zu setzen, für den idealen Gehalt der Religion eintreten zu können." „Dem gegenüber sehen wir die jüdische Jugend gerade in den Jahren, in welchen durch die höhere Reise des Geistes der Unterricht in der Religion erst sich zu einem wirklich fruchtbaren zu gestalten, einen eigentlich wissenschaftlichen Charakter anzunehmen vermag — sich von diesem häufig abwenden, sicherlich nicht minder zum Schaden einer vollständigen Bildung und Gemüthsveredelung, wie im vollen Gegensätze zu ihren nichtjüdischen Mitschülern, die bis zur vollendeten Schulzeit unausgesetzt sich eines solchen erfreuen." Ferner: „Den Unterricht in der Selecta ertheile ich persönlich in zwei wöchentlichen Stunden (Sonntag und Mittwoch), derselbe erstreckt sich auf Religionslehre und Religionsgeschichte. Ec kann unter den obwaltenden Verhältnissen sowohl in Rücksicht der verschiedenartigen Vorkenntnisse und Altersstufen, wie um seines eigentlichen Zweckes willen vorerst nur vorwiegend einen eklektischen Charakter tragen, muß das Bedeutsamere mehr in den Vordergrund der Besprechung stellen und mitunter selbst an aktuelle Vorkommnisse anknüpfen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.