Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1886)
- Date
- 1886-05-04
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
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291 ein Lessing und Herder, ein Kant und Humboldt, ein Göthe und Schiller arbeiteten, kann wahrlich der Vertiefung nicht entbehrt haben. Wir hoffen deshalb, daß die falsche Ansicht über den Werth jener Periode, wie sie sich eine geraume Zeit hindurch zur Mode gemacht hat, bald wieder verschwinden wird. Man wird wieder einsehen, daß jene Zeit die wesentliche Fundamentirung der ganzen Entwickelung während des laufenden Jahrhunderts fest und sicher gelegt hat und daß das letztere doch nur auf jener weiter gebaut und ihr also die eigentliche Grundlage zu danken hat. ZUM Religionsunterrichte. Wir haben stets einen hohen Werth auf Auslassungen über den Religionsunterricht von Seiten solcher Männer gelegt, welche mit einer bedeutenden theoretischen Ausbildung als Vorsteher und Leiter von Religionsschulen praktische Erfahrung verbinden. Wir bedauern deshalb, daß z. B. die Direktoren der jüdischen Seminare die Einladungen zu ihren Prüfungen mit Abhandlungen über ihre Anstalten und die Beobachtungen und Erfahrungen, die sie machen, die Tendenzen, die sie verfolgen, die Wünsche die sie hegen, nicht veröffentlichen, so daß gerade das jüdische Seminarwesen der Diskussion am wenigsten unterliegt. Heute haben wir zwei Einladungsschriften zu Prüfungen von Religionsschulen vor uns, die einige Aufmerksamkeit fordern. Die eine ist von Herrn Rabbiner Dr. M. Joel in Breslau ausgegangen. Die Schule wurde im verfl. Jahre von 392 Zöglingen besucht. Joöl läßt sich in der Einleitung über das „Einst und Jetzt" aus. Er sagt: „Einst, so lehrt die Geschichte unserer Glaubensgemeinschaft, war der Religionsunterricht beinahe der Unterricht überhaupt. Wenn das Kind sprechen konnte, so waren es Sätze aus der Schrift, die man ihm beibrachte, und in dieser Schrift und deren Erklärern wohnte es dann, könnte man sagen, die ganze Kinder- und Schulzeit hindurch. Und auch wenn es aus dieser frommen Wohnung auszog, so bedeutete das keinen Abschied für's Leben, sondern auch in den Jünglings- und Mannesjahren gab cs feste Stunden, wo man das aus der Thora Gelernte befestigte, ergänzte, erweiterte und vertiefte." „Würden wir diesen Zustand zurückwünschen, auch wenn es in unserer Macht stände, ihn herbeizuführen? Ich glaube nicht, daß es in unserem Vaterlande einen einsichtigen Menschen giebt, der darauf mit einem einfachen Ja antwortet. Auch diejenigen, welche in der Religion der Weisheit Anfang und Ende sehen, wissen, daß gerade aus der richtigen Erfassung des Wesens der Religion die Pflicht sich ergiebt, uns nicht blos für den Himmel, sondern auch für die Erde tüchtig zu machen; wissen, daß Gott dienen nicht blos heißt, zu ihm beten und ihn durch Religionsübung verehren, sondern auch, durch Arbeit in einem bestimmten Berufe ebenso uns selbst zu nützen, wie auch dem Vaterlande und der bürgerlichen Gemeinschaft. Das setzt aber voraus, daß wir die Jugend mit all' den Kenntnissen und Fertigkeiten ausstatten, welche ihr zur Bewährung im späteren Leben nothwendig sind. Hatte man einst gemeint, daß, wenn man nur durch Lernen und Neben der Religion den Beistand Gottes sich gesichert hätte, man an die Lebensarbeit selbst wie ein Improvisator gehen und sie auch unvorbereitet mit Erfolg verrichten könne, so kann man gegenüber den Schwierigkeiten, die heute bei jedem Berufe zu überwinden sind, auch bei dem stärksten Gottvertrauen diese Meinung nicht mehr haben. Es wäre daher baare Thorheit, sich zu beklagen, daß der Religionsunterricht, einst beinahe die Tagesstunden ausfüllend, heute auf so und so viel Stunden in der Woche sich beschränkt. Das hat nicht menschliche Willkür, sondern ein durchaus gesetzlicher Entwickelungsgang herbeigeführt. So weit wäre Alles in Ordnung." „Aber ich frage — und zwar richtet sich meine Frage an die, die sie auf sich beziehen zu müssen glauben — muß man den natürlichen Gegensatz, der in den Zeiten liegt, noch verschärfen? Geändert hat sich ja durchaus nicht bei allen ernsten Menschen die Meinung über Werth und Würde der Religion und über die durch den Religionsunterricht zu erweckende Gesinnung und Haltung. Geändert hat sich nicht die Ueberzeugung, daß ein Kind durchaus nicht vorbereitet ist für das Leben, wenn cs nicht alle Pflichten, die es später gegen die Menschen zu üben haben wird, in der Schule als Gebote Gottes kennen lernt. Geändert hat sich nicht die Nothwendigkeit, einen Schutz zu gewähren vor den Versuchungen des Lebens durch Einschärfung des Glaubens an einen richterlich waltenden Gott. Geändert hat sich nicht das Bedürfniß, Trost und Halt zu gewähren in des Lebens Prüfungen und Fehlschlägen. Was allein sich geändert hat, das läßt sich etwa so ausdrücken, daß man nicht mehr glaubt, man müsse ein ganzer oder doch ein halber Theologe sein, um seine religiösen Pflichten zu kennen und ihnen zu genügen. Vielmehr hoffen wir auch dann auf den Erfolg, den wir bei der Unterweisung in der Religion beabsichtigen, wenn wir durch die ganze Zeit der Schulpflichtigkeit das Kind in jeder Woche eine Anzahl von Stunden methodisch und zugleich mit der nöthigen Wärme für den Gegenstand in allen zum Religionsunterricht erforderlichen Disciplinen unterrichten. Diese Hoffnung hat freilich einmal nur dann einen Sinn und eine Begründung, wenn die Schule durch das Elternhaus unterstützt wird und das Kind auch dort Religion zu erleben und zu üben Gelegenheit hat. Dann aber gebe ich zu bedenken, daß die geringe Zahl von Schulstunden verry*