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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-05-04 · Heft 19 (4.5.1886) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 19 (4.5.1886)
Date
1886-05-04
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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290 das nur im Zusammenhänge mit der großen Umwandlung in den Anschauungen vom Staate und von der Gesellschaft überhaupt zu begreifen ist, im vorigen Jahrhundert zu suchen. Dasselbe findet aber auch in Bezug auf die Culturentwickelung der Juden statt. Wir finden dieselbe im ganzen West- und Mitteleuropa gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in überraschender Weise vorgeschritten. Führen wir nur Einiges an. Aller Orten, wo die Emancipation gesetzlich ausgesprochen wurde, fand sich alsbald eine verhältnißmäßig große Zahl von Juden, welche nicht bloß am öffentlichen Leben thätigen Antheil nahmen, sondern sich auch in ihrer geistigen Bildung vortheilhaft auszeichneten. Als Napoleon die Versammlung jüdischer Notablen und dann das Sanhedrin nach Paris berief, bestanden diese zum größten Theile aus höchst gebildeten Männern, und die Reden, die daselbst gehalten, und die Schriftstücke, die abgefaßt wurden, bezeugten in Geist und Form die völlige Gleichartigkeit der allgemeinen Bildung. Berlin hatte unter Friedrich dem Großen angefangen, sich zu einem Centrum deutschen Geistes heraufzuarbeiten, welches es allerdings erst mit der Gründung der Berliner Universität (1809) wurde. Im letzten Jahrzehend des vorigen Jahrhunderts nun bis zu dem Mißgeschick von 1806 bildeten in der Berliner Gesellschaft jüdische Elemente hervorragende Mittelpunkte, die von den geistigen und gesellschaftlichen Capazitäten aller Stände srequentirt wurden. Gleiches geschah in Wien zur Zeit des Wiener Congresses. Aber auch aus früheren Jahren können wir ein klassisches Zeugniß darbringen. Im Jahre 1778 hatte das Dessauer Philanthropin den Willen kundgethan, jüdische Kinder aufzunehmen und deshalb auch jüdische Lehrer anzustellen. Diese Kundgebung hatte nur geringen Erfolg und die Leiter des Philanthropins waren darüber ärgerlich. Deshalb richtete Mendelssohn ein Schreiben an Campe, der damals Lehrer am Philanthropin war, das von Archenholz in seiner „Literatur und Völkerkunde" Nr. X April 1783 veröffentlicht ward. Er schreibt darin: „Ich von meiner Seite finde das Anerbieten der philanthropinischen Vorsteher ihrer würdig, aber nicht außerordentlich. Denn daß jüdische Schüler und Zöglinge ausgenommen werden, dieses geschieht auf allen niederen und hohen Schulen Deutschlands; und auf die Abschaffung kleiner pedantischer Unterschiedszeichen, die bei Promotionen und Streitübungen (Disputationen) noch auf mancher Universität im Schwünge sind, legt doch wohl Niemand einen Werth. Und daß sie Unchristen auch zu Lehrern annehmen wollen, ist sicherlich nicht befremdender, als daß eine königliche preußische Akademie der Wissenschaften einen Juden zum Mitgliede erwählt habe; daß die Gesellschaft naturforschender Freunde allhier, Gelehrte vom ersten Range, geheime Finanzräthe und Inden zu Mitgliedern hat; daß Mendes d'Accosta vor einigen Jahren Secretair der Londoner Societät gewesen u. s. w. Welcher vernünftige Mensch wird Basedow und Ihnen die lächerliche Intoleranz zutrauen, daß Sie Ihre Zöglinge nicht werden in der Buchhaltung von einem geschickten Buchhalter unterrichten lassen, weil er das N. T. nicht annehmen zu können glaubt!" — Dies zeigt uns doch ein ganz anderes Cultnrbild, als wir es uns gewöhnlich von den Juden in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vorstellen. Wenn das Uebrige, was Mendelssohn anführt, nur Einzelne betrifft, so haben doch die Worte, daß jüdische Schüler auf allen niederen und hohen Schulen Deutschlands ausgenommen werden und daß bei Promotionen und Disputationen auf manchen Universitäten noch kleine Unterschiede gemacht werden, einen weitgreifenden Sinn. Sie zeigen uns bereits zahlreiche jüdische Kinder in niederen und höheren Lehranstalten und keine geringe Zahl als Studirende auf den Universitäten. Wir wollten hiermit ein Beispiel geben, wie ein tüchtiger Forscher aus der damaligen Literatur Kennzeichen und Zeugnisse heraussuchen könne, welche ein helleres Licht auf die Zustände werfen, die sich innerhalb der Juden entfalteten und die schnell sich verbreitende Neigung für die Cnltur und Wissenschaft erweisen. Ueberall erwachte in den Juden der Drang nach geistiger Ausbildung, nach reichem profanen Wissen. Dieser Drang trieb eine höchst fruchtbare Autodidaktie hervor, welche natürlich in zahllosen Geistern zu keinem großartigen Ziele führte, doch aber eine fruchtbare Vorstufe und ein tüchtiges Werkzeug für die Bildung der Masse ausmachte. Wir lenken nachdrücklich die Aufmerksamkeit unserer jungen Gelehrten auf diesen Gegenstand. Allerdings erfordert er eine ausnehmende Belesenheit in den Schriften des vorigen Jahrhunderts, große Ausdauer und Scharfblick, um in entlegenen Winkeln fruchtbare Winke zu entdecken, aus welchen sich bemerkenswerthe Resultate ziehen lassen. Selbstverständlich kann die Geschichte der Juden jener Zeit nur aus dem Geiste und der Cultur des vorigen Jahrhunderts verstanden werden. Es war die Zeit der „Aufklärung und Humanität", in welcher allein jene glückliche Umwandelung auch für die Juden eintreten konnte. Mag immerhin diese Aufklärung und Humanität Anfangs mehr negativ als positiv gewesen sein. Die civilisirte Welt athmete noch schwer unter dem Wüste von Vorurtheilen und Einrichtungen, die aus dem Mittelalter vererbt waren und welche der staatliche Absolutismus zu beseitigen und abzuschaffen sich nicht entschließen konnte. Die erste Aufgabe des neu erwachten Geistes war daher, auf allen Gebieten des Lebens diese Vorurtheile, diese Spaltungen und Schranken zu untergraben und im Geiste zu stürzen, bevor sie es in der Wirklichkeit wurden. Aber diese Negation, unentbehrlich und folgenreich, zögerte nicht, sich auch zu vertiefen und eine Cultur, an welcher — bleiben wir nur in Deutschland —

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