Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 19 (4.5.1886)
- Date
- 1886-05-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Em unparteiisches Organ fite alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. GUpeöitrorr: Leipzig, Hloßptirh 18. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 4. Mai 1886. Nr. IS. Irrkslt. Leitende Artikel: Zur Geschichte des vorigen Jahrhunderts. — Zum Religionsunterrichte. — Vom Karäismus. — Literarischer Wochenbericht. -- Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt a. M., Dortmund, Von der Erft. — Oesterreich- Ungarn: Wien, Krakau, Stryi. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Rußland: Petersburg, Zürich. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Bilder aus der Sozialistengesetzdebatte im deutschen Reichstage. — Vermischtes. Sltifoyibe €Xzti&eL Bonn, 28. April. Zur Geschichte des vorigen Jahrhunderts. Darüber ist man nicht mehr im Zweifel, daß mit dem Eintritt der Juden in das allgemeine Culturleben und mit der Aufnahme derselben als gleichberechtigte Staatsbürger in die Gesellschaft ein hochbedeutender Wendepunkt in der Geschichte derselben vor sich gegangen. Wenn der jüdische Stamm durch die Vertagung aus seinem Lande unter alle Völker zerstreut worden, so lebte er doch durch die vom ersten Dekret des christlich römischen Kaisers Constantia (im Jahre 321) begonnene und stetig, namentlich seit dem ersten Kreuzzuge wachsende Ausschließung isolirt, theils durch sich erneuernde Versagung, theils durch Einkerkerung in abgeschlossene Quartiere vom bürgerlichen Leben getrennt. Ans dieser geistigen wie materiellen Ausschließung, die ihm gewissermaßen ein freilich durchaus verödetes Palästina in allen Wohnsitzen seiner kleinen Gruppen schuf, trat er nunmehr hervor, um mit den Völkern selbst ein neues Leben zu beginnen. Wie reich der Inhalt und wie schwer wiegend die Folgen dieses neuen Lebens sein mußten und müssen, ist einleuchtend. Erst jetzt ringt sich dies zum vollen Bewußtsein auf. Um so wichtiger wird es, die Geschichte dieser großen Umwandlung genau zu erforschen und besonders die Anfänge klar darzulegen. Allerdings ist die Geschichte dieser sog. bürgerlichen Emancipation in ihrem ganzen Verlaufe völlig bekannt; die Kämpfe um dieselbe und die Etappen und Ziele, die erreicht wurden, stehen thatsächlich fest. Noch heute spinnt sie sich weiter, da mehr als die Hälfte der Juden noch unter dem Banne jener Ausschließung stehen und leiden, noch mehr leiden als früher, da sie das Gefühl ihres harten Geschickes lebhaft in sich tragen und diese Ausschließung selbst in das Ganze des modernen Staates nicht mehr paßt, also um so drückender ist. Dahingegen ist die Geschichte jenes Eintritts in das allgemeine Culturleben noch durchaus nicht aufgeklärt. Man hat sich darüber einige bestimmte und dabei einseitige Vorstellungen gebildet, mit welchen man sich begnügt. Während man eifrig bemüht ist, alle jene Versuche geschichtlich zu beleuchten, welche die Juden während des Mittelalters machten, um an der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Cultur theilzunehmen, läßt man die so überaus fruchtbar gewordene Entwickelung der Juden zur modernen Cultur im Dunkel. Beide Momente, diese Ent- Wickelung und die Gleichstellung datiren aus dem vorigen Jahrhundert. Nicht blos wurden in der zweiten Hälfte desselben theoretisch die Stimmen vernehmbar und zwar außerhalb wie innerhalb der jüdischen Kreise, welche die bürgerliche Gleichstellung forderten, sondern in den beiden letzten Jahrzehenden wurde sie in zwei großen Staaten, in der nordamerikanischen Union und in Frankreich und dann auch in Belgien und Holland unbedingt verwirklicht, bald auch vorübergehend in Italien, der Rheinprovinz und dem Königreich Westfalen; ja, kurze Zeit darauf (1812) erklärte ein preußisches Edikt die daselbst wohnhaften Juden und deren Familien „für Einländer und preußische Staatsbürger", welche, „insofern diese Verordnung nichts Abweichendes enthält, gleiche bürgerliche Rechte und Freiheiten mit den Christen genießen." Wir haben also die Quellen dieses mächtigen Ereignisses, 19