Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1886)
- Date
- 1886-04-27
- Page
- Seite 284 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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284 in der „Thatsache" rsets Sage von der Consultation eines „chassidischen Rabbi" in schwerer Krankheit, sondern war lediglich das Werk der frommen Erziehung seiner Eltern, deren ich mich mit Vergnügen zu erinnern weiß; nicht Pietismus, Bigotterie oder Scheinheiligkeit, sondern die reinste Liebe zum jüdischen Glauben und zur Judenheit war es, die ihn keinen Tag versäumen ließ, Gebetmantel und Phylakterien anzulegen oder am Sabbath den Wochenabschnitt nach alter Sitte durchzulesen, auch wenn Minister, Räthe und kirchliche Würdenträger sich bei ihm anmelden ließen. Daß die Erziehung dies bewirkte, beweist, daß auch im Hause seiner Schwester, der edlen Frau Simon Frenkel in Wien, und auch in dem des Bruders, des Herrn Gemeindevorstehers Ignatz Popper in Hlinik, ein streng religiöser Haushalt geführt wird. Ein Zusammentreffen mit einem Chassidimrabbi oder gar ein absichtliches Aufsuchen eines solchen ist darum schon sagenhaft, weil es im ganzen Trenschiner Comitat, selbst unter den Frommen, keinen einzigen giebt, der nicht geradezu eine Antipathie gegen die „guten Juden oder Rebbes" hätte. Die Nähe Schlesiens und Niederösterreichs hat auf die Bildung und die Sprache der Juden Nordungarns mächtig eingewirkt, die meisten sind deutschgebildete Ungarn; Popper zählte zu den besten. Es ist ein Jrrthum, aus der Thatsache, daß die Sofer und Spitzer im Popperschen Palais in Wien öfters sich sehen ließen, zu schließen: Baron Popper sei „ orthodox" gewesen, viel häufiger als diese verkehrten daselbst Gelehrte fortschrittlicher Richtung, und mein verehrter Lehrer, Herr vr. Adolf Jellinek in Wien, war ein intimer Freund des Heimgegangenen, dem er (I.) auch ein Buch, die zweite Serie seines Werkes „Der jüd. Stamm im nichtjüdischen Sprichworte" seinerzeit gewidmet hat. Freiherr von Popper war eben ein großer Verehrer der jüdischen Wissenschaft und daher seine Hochachtung gegen die Vertreter der Thora, mochten sie welcher Richtung immer augehören. Was schließlich die Verheirathung des ältesten Sohnes betrifft, so erinnere ich Herrn vr. Deutsch, dessen sonstige Publicationen ich sehr schätze, an das biblische: Lo jumothu aboth al darum! — Mögen obige Zeilen zur gerechten Würdigung des bedeutenden Mannes beitragen und möge das Bild des edelsinnigen, von Juden und Christen gleich geschätzten Philanthropen sortleuchten im Geiste und wieder aufleben im Herzen, in Handel und Wandel seiner Kinder und Kindeskinder! vr. Leimdörfer, Prediger am isr.Tempel zu Hamburg. Aus den letzten Tagen des römischen Ghetto. Unter obigem Titel hat vr. A. Berliner einen Vortrag gehalten, den er jetzt als „einen historischen Rückblick" herausgegeben hat (Berlin, Rosenstein Hildesheimer, 1886). Das Verschwinden des römischen Ghetto hat eine weltgeschichtliche Bedeutung, nicht sowohl durch die Wichtigkeit des Gegenstandes, als durch die Zeitumstände, unter welchen sich dieser Akt vollzog. Jetzt, wo auch dieses Ghetto nicht blos als das Gefängniß der Juden, sondern auch als Theil der Stadt Rom zu bestehen aufhört, wo es niedergerissen und an seiner Stelle ein neuer Stadttheil aufgerichtet wird, wird ein Rückblick auch unseren Lesern interessant sein, und wir folgen hierbei dem Vortrage des Herrn Berliner. Dieser beginnt: „Die letzten Tage des römischen Ghetto fallen mit den letzten Tagen der weltlichen Herrschaft des Papstes in Rom zusammen; in der That stehen sie in gleichem Verhältnisse wie Ursache und Wirkung zu einander. Am 18. Juli 1870 war die riesige Pyramide des römischen Papstthums vollendet worden: der Proklamirung der Unfehlbarkeit des Papstes sollte vor aller Welt und für alle Zeiten ein monumentaler Ausdruck gegeben werden. Doch schon zwei Monate später wandelte sich diese Riesen-Pyramide in ein Mausoleum — sie wurde das Grab für die weltliche Herrschaft des Papstes. Am 20. September 1870 bemächtigten sich die Italiener Rom's, und in wenigen Stunden war eine Macht zusammengebrochen, die nirgends mehr ihren traurigen Ruhm gezeichnet hat, als — in dem jüdischen Ghetto, das nun mit einem Male, mit dem ersten Schüsse, der um 11 Uhr am Vormittage jenes 20. September in die Porta Pia fiel, gleichsam das Signal erhielt, seine Thore weit aufzuthun, den Kerker zu sprengen, der während einer langen Winternacht, die 315 Jahre gedauert hatte (von 1555—1870), das geistige wie das sociale Leben, die Seele wie den Körper von Tausenden gefangen gehalten hatte. Den traurigen Ruhm, die Juden Roms in das Ghetto verbannt zu haben, hat sich der Papst Paul IV., genannt Caraffa, ein Neapolitaner, erworben, derselbe, der als Cardinal die Einführung oder Wiederherstellung der Inquisition durchgesetzt hatte, derselbe, der noch bei seinem am 18. August 1559 erfolgten Tode von Christen und Juden verflucht wurde. Jene stürzten sein Standbild um und schleiften es durch die Straßen Roms bis znm Capitol, wo beschlossen wurde, es ganz zu zerstören, „weil der Papst gegen die Stadt wie gegen die ganze Welt sich versündigt habe.*) Nur 4 Jahre und 4 Monate hatte dieser Papst, der schrecklichste der Schrecken, regiert — was er während dieser kurzen Zeit speciell über die Juden Roms gebracht hat, es bildet summa summarum die Geschichte der 315 Jahre des Ghetto-Lebens, dem er den Ursprung gegeben und das Gepräge für diese ganze Zeit verliehen hat. Er nahm den *) Ueber die schreckliche Wirksamkeit Paul IV. als Cardinal und Papst und über die Empörung des Volkes bei seinem Tode siehe Martin Philippson, La contrc-rovolutiun rcligieuse au XVI siede, p. 163—209.